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Samstag, 12. Dezember 2009

Erfolgreiches Nebelfänger-Projekt: Wasser aus Nebel für den Slum

Sie erinnern an riesige Volleyballnetze, die auf den kargen Hügeln von Lima vergessen wurden: Fünf große Kunststoffnetze, acht mal vier Meter groß. Für die Bewohner von Bellavista, Vorort der peruanischen Hauptstadt Lima, sind sie die Rettung: Sie gewinnen Wasser aus dem Nebel, der sich in dieser Wüstengegend sechs Monate im Jahr über die Hügel legt. In den südlichen Ausläufern der Acht-Millionen-Stadt gibt es kein fließendes Wasser und keinen Brunnen. Zwei deutsche Biologen haben das Projekt 2006 initiiert.

Dichter Nebel über einem Vorort Limas.
Dichter Nebel über einem Vorort Limas.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Bellavista del Paraiso ist eine Ansammlung staubiger Straßen im Armutsgürtel von Lima. Einzige Möglichkeit, an Süßwasser zu kommen, ist der Tankwagen. Dort kostet Wasser neun Mal so viel wie in den besseren Gegenden der Stadt. Viele der rund 200 Einwohner können sich die Wasserkosten von umgerechnet rund vier Euro pro Woche bei einem Monatsbudget von 100 bis 130 Euro kaum leisten. Insgesamt haben 1,3 Millionen Menschen der Metropole keinen Zugang zu Wasser.

Wenig Wasser, hohe Luftfeuchtigkeit

"Wir sind die allerersten, die in den armen Vierteln von Lima Nebelfänger haben", sagt stolz der Bürgermeister Noe Neira Tocto. "Damit können wir im Winter pro Nacht bis zu 60 Liter Wasser sammeln." Das Projekt "Grüne Wüste" haben zwei Deutsche, Anne Lummerich and Kai Tiedemann, vor drei Jahren begonnen. Monatelang überwachten sie Bau und Installation des Systems und brachten den Einheimischen ökologische Zusammenhänge bei. "Wir hatten schon in der ersten Nacht eine Drei-Liter-Flasche Wasser voll. Mit Süßwasser, nicht Salzwasser, also brauchbar!", erzählt Neira. Jedes Netz kostete ihm zufolge knapp 540 Euro.

Die Küstenregion in Peru hat schon immer mit Wassermangel zu kämpfen. Schuld daran ist die geografische Lage zwischen Pazifikküste und Anden mit feuchtem Wüstenklima wegen des kalten Humboldtstroms, der vor der peruanischen Küste verläuft. Regen fällt nicht genug zur Versorgung der 8,3 Millionen Menschen im Großraum Lima. Gleichzeitig sorgt der Nebel sechs Monate im Jahr für eine Luftfeuchtigkeit von nahezu 100 Prozent.

Simpel, aber genial

Das Wasser wird auch für den Gemüseanbau benötigt.
Das Wasser wird auch für den Gemüseanbau benötigt.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Bei den Nebelfängern kondensiert der Nebel am Netz und wird beim Abtropfen in einer kleinen Aluminiumrinne aufgefangen. Von dort läuft das Wasser durch Röhren in Ziegeltanks und ein Erdbecken weiter unten am Hügel. So werden jeden Winter 10.000 Liter Wasser gewonnen. Es muss mit Tabletten aufbereitet werden, vor allem zum Schutz vor Moskitos, die das Dengue-Fieber übertragen können. Dann können die Einheimischen damit kochen, waschen, putzen und Gemüsegärten bewässern.

Die Instandhaltung ist harte Arbeit: mindestens zwei Mal die Woche müssen die Leute von Bellavista auf einem steilen, rutschigen Pfad in die Hügel wandern, um die Netze zu kontrollieren. Bei einem Kontrollgang am frühen Morgen sieht man oft die Hand vor Augen nicht, 600 Meter über dem Meer. Aber es ist die Mühe wert, sagt Olga Cajahuaman. Mit dem "Nebelwasser" baut sie Rettich, Blattgemüse und Gewürze an.

Bilderserie

Zusätzlich haben die Bewohner von Bellavista 800 Büsche gepflanzt, um der Entwaldung der Hügel der letzten 160 Jahre entgegenzuwirken. Das geht nach Auskunft des französischen Hydrologen Alain Gioda auf die Inkas zurück, die den Nebel mit Pflanzen und Bäumen auffingen und das Wasser am Stamm sammelten. Das Beispiel von Bellavista macht Schule: nun werden in Costa Verde im Norden Limas 100 Nebelfänger installiert.

Quelle: n-tv.de