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Konferenz zu "Open Educational Ressources" Welche Unis überflüssig werden

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(Foto: Agnieszka Krolik via Wikimedia Commons [CC-BY-SA-3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0])

Um "offene" Bildungsmaterialien - also solche, die leicht zugänglich sind und im besten Falle kostenlos zur Verfügung stehen - geht es auf einer Konferenz von Wikimedia und Unesco in Berlin. Haben solche "Open Educational Ressources" sogar die Macht, klassische Hochschulen überflüssig zu machen?

Die Universitäten waren, da sind sich die Experten einig, neben dem Militär wichtige Geburtshelfer für das Internet, wie wir es heute kennen. Inzwischen veränderte das Internet viele Bereiche des Lebens und der Gesellschaft grundlegend. Nur Universitäten sehen häufig noch genauso aus wie vor hundert oder tausend Jahren.

Open Educational Ressources – frei übersetzt etwa: "frei zugängliche Bildungmaterialien" – können simple Rezepte, Baupläne oder Gebrauchsanleitungen sein, kurze Lehrvideos auf Youtube, Wikis zum gemeinschaftlichen Sammeln und Ordnen von Wissen oder Foren zum Austausch über alle möglichen Themen. Aber auch die sogenannten MOOCs, komplex aufgebaute und über Jahre hinweg immer weiter verfeinerte Online-Studiengänge für tausende Teilnehmer fallen unter das etwas sperrige Stichwort OER.

"Open bedeutet überall etwas anderes. In Südafrika stehen die Kosten im Vordergrund, in den USA die Innovation, in Deutschland geht es vor allem um Kollaboration. Aber global gesehen geht es doch überall um eins: das Mitmachen", erklärt Philipp Schmidt  auf der ersten deutschen OER-Konferenz, zu der auf Einladung der Wikimedia Deutschland und unter Schirmherrschaft der Unesco etwa 300 Akteure und Interessierte in die Berliner Kalkscheune kamen. Schmidt ist profilierter Kenner der OER-Szene, Gründer der virtuellen P2P-University und nach einer Station im südafrikanischen Kapstadt jetzt am Medialab des renommierten Massachusettes Institute of Technonlogy MIT beschäftigt.

Teilhabe an Bildung in nie gekannter Vielfalt

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Nicht immer geistig ganz dabei: Studenten im Hörsaal.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Open bedeutet nicht zwangsläufig kostenfrei", so Schmidt weiter. Es sei zwar häufig kostengünstiger, auf "offene" Materialien zuzugreifen, das sei aber nicht der wichtigste Punkt. Bislang seien weite Teile der Welt und ihrer Bevölkerung von Bildungsangeboten nicht erreicht worden – und wenn doch, habe es kaum Auswahl gegeben. Das Internet und die dahinter stehenden Ideen erlaubten heute aber vielen die Teilhabe - und das in einer nie gekannten Vielfalt. Gleichzeitig sorge Transparenz für bessere Qualität – etwa bei Online-Vorlesungen und -Kursen. Die "P2PU" hat derzeit 550 Kurse im Angebot. Und ist nur einer unter einer stetig wachsenden Zahl von Anbietern.

"Open in Lernen und Bildung kann alte Probleme lösen. Und es kann ganz neue Möglichkeiten schaffen,“ so Schmidt. Mit herkömmlichen Mitteln sei es unmöglich, den weltweit stark steigenden Bedarf an Bildung zu decken. Jeden Tag müsste man dazu neue Hochschulen gründen, ausstatten und unterhalten. Ein weiteres Problem: die geistige Aktivität von Studierenden in Hörsälen mit mehreren tausend Plätzen liege wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge sogar "niedriger als im Schlaf", wie Schmidt in seinem Impulsvortrag auf der OER-Konferenz erläuterte - zur Erheiterung des ganz und gar nicht schläfrigen Publikums.

Alte bürgerliche Bildungsgesellschaft kaputt

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion beantwortete der gelernte Philologe Martin Lindner, Gründer und Berater bei wissmuth,  die Frage "Brauchen wir die Hochschulen noch?" recht eindeutig: "In der heutigen Form nicht". Zwar sei das "Campus-Erlebnis" für junge Studierende weiterhin wichtig. Aber: "Die alte bürgerliche Bildungsgesellschaft ist kaputt und vorbei". Es gelte, die noch lebendigen Teile - bildlich: "das Gras zwischen den Betonplatten" zu stärken und zu vernetzen. Allzu oft werde heutzutage aber weiter versucht, "das Grünzeug auszumerzen".

Claudia Bremer, Geschäftsführerin von studiumdigitale, der zentralen eLearning-Einrichtung der Goethe-Universität Frankfurt/Main, konstatierte, das Verhältnis deutscher Unis zu OER sei "desaströs". Angst vor dem Urteil der Kollegen, Bedenken im Zusammenhang mit dem Urheberrecht und Scheu vor der zusätzlichen Arbeit ließen Professoren davor zurückschrecken, ihre Lehrmaterialien zu veröffentlichen. Die Fachbereiche hätten wollten außerdem die Kontrolle über ihren Content nicht verlieren. Und selbst bei der Nutzung fremder Inhalte gebe es Vorbehalte. Ungeklärt sei darüber hinaus, ob und wie etwa online erworbene "Credits" - wie  Scheine oder Hausarbeiten - anerkannt werden könnten. Hier gebe es auch wenig Bewegung, denn "die Credits sind so etwas wie Trutzburgen der Universitäten".

Dabei gelte es doch eigentlich, sich zu besinnen, wozu eigentlich eine Präsenz-Uni noch gebraucht werde, nämlich um "Räume für Dialog bereit zu stellen. Und Steckdosen" - damit den Laptops der Studierenden beim "e-learning" nicht der Saft ausgeht.

Quelle: n-tv.de

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