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Wo fängt Kunst an? Wenn Tiere malen

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Schimpanse Bakhari aus dem Zoo von St. Louis in Missouri malt grobe Striche in Gelb-Blau.

(Foto: dpa)

Sind Tiere die besseren Maler? Was Affen und Elefanten zu Papier bringen, ist jedenfalls nicht eindeutig von menschlichen Werken zu unterscheiden. Das zeigt die nach Veranstalter-Angaben erste Ausstellung ihrer Art in London.

Woran mag Künstler Bakhari wohl gedacht haben, als er leuchtende Gelbtöne zu einem energetisch wirkenden Knoten vermischte? An Hoffnung? Optimismus? Oder vielleicht doch eher an Bananenschalen? US-Maler Bakhari ist ein Schimpanse. Und seine Werke eignen sich bestens zum An-der-Nase-Herumführen beredter Kunstkenner: Wer es nicht weiß, kann die Gemälde schnell für Beispiele abstrakter, von Menschenhand geschaffener Kunst halten. Und mit dem Interpretieren loslegen.

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Gorilla Samantha aus dem Erie-Zoo in Pennsylvania bringt durchscheinende Pastelltöne auf die Leinwand.

(Foto: dpa)

Gemälde von Tieren faszinieren die Menschen seit Jahrzehnten. Einen kleinen Überblick über ihre Geschichte und Erforschung gibt nun eine Ausstellung am Londoner University College - nach Angaben der Macher die allererste, in denen Werke von mehreren Tierarten zusammen zu sehen sind. Neben der Kunst von Schimpansen, Orang-Utans und Gorillas sind auch Gemälde von Elefanten sowie das Exemplar eines Laubenvogels zu sehen, der vor allem in Australien vorkommt und komplizierte Statuen baut und liebevoll ausschmückt.

Sind Tiere kreativ?

Die große Frage hinter der Mini-Schau: "Ist Tier-Kunst Kunst?". Und wenn ja, was bedeutet das dann für von Menschen gemachte Kunst? Sind Tiere wirklich kreativ, wenn sie zum Pinsel greifen - oder klecksen sie bedeutungslos herum? "Das wirft auch interessante Fragen über die Natur der menschlichen Kunst auf", erklärt Co-Kurator Will Tuck.

Tier-Kunst sei schon vor Jahrzehnten zu einem Thema des Interesses von Wissenschaftlern geworden, sagt Co-Kurator Jack Ashby, Manager des Grant Museum of Zoology an der Uni. Hintergrund dabei unter anderem: Die Entdeckung des Unterbewussten für die Kunst. Die Frage kam auf, ob auch Tiere durch ihre Malerei etwas sagen oder ausdrücken wollen.

Spaß und Belohnung

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Schimpanse Congo malt in den 1950er Jahren in einer Fernsehshow.

(Foto: dpa)

In den 1970er Jahren habe die Forschung etwa zu Zeichensprache bei Affen die mögliche Bedeutung hinter Tier-Bildern zu einem Thema gemacht, das "ernsthaft in Betracht" gezogen worden sei, heißt es in der Ausstellung. Heute würden Leinwand und Farbe vor allem dafür benutzt, Zoobewohnern Abwechslung zu bieten oder mit den Gemälden Geld für deren Schutz zu sammeln.

"Die Kunst von Affen wird oft mit der von Kindern im Alter von zwei oder drei Jahren im "Kritzel-Stadium" verglichen", sagt Ashby. "Allerdings entwickeln sie sich über diese Stufe nie weiter."

Den Pinsel überhaupt in die Hand oder den Rüssel zu nehmen, das machen Tiere aus unterschiedlichen Gründen. "Viele von ihnen machen es tatsächlich einfach aus Spaß. Sie sind regelrecht kreativ. Andere müssen dazu angeregt werden, etwa durch Training oder Belohnungen."

Schimpansen verblüffen

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Sumatra-Orang-Utans Baka aus dem Cheyenne Mountain Zoo in Colorado setzt auf kräftige Farben.

(Foto: dpa)

Dabei verblüffen vor allem Schimpansen - unsere engsten Verwandten. 98 Prozent unserer DNA stimmen überein. Exemplare wie Bakhari oder auch Schimpanse Congo aus dem Londoner Zoo, der in den 1950er Jahren in Großbritannien live in einer Fernseh-Show malte, schwingen offenbar aus Vergnügen den Pinsel. "Sie entscheiden sogar, wann ein Bild fertig ist", erklärt Ashby. "Wenn man ihnen mehrere leere Blätter gibt, legen sie das Bild, das sie gerade gemalt haben, irgendwann zur Seite und nehmen sich ein neues vor."

Anders ist es bei manchen Orang-Utans. Das Bild von Baka aus einem Zoo im US-Bundesstaat Colorado etwa entstand, indem dem Tier nach jedem Pinselstrich ein Leckerchen gegeben wurde. Der Pinsel musste ihm in die Hand gedrückt werden, mit der Farbe bereits darauf.

Malen auf Befehl

Elefanten hingegen malen auf sanften Befehl und müssen dafür trainiert werden, erklärt Ashby. In einigen Tierheimen in Asien werden Giganten wie Boon Mee oder Nong Bank, die in der Schau vertreten sind, Pinsel gegeben, die sie mit ihrem Rüssel festhalten. Je nachdem, in welche Richtung und an welcher Stelle ihnen ihr Wärter über die Ohren streicht, malen sie einen Strich aufs Papier. Daraus können sogar erkennbare Formen wie ein Blumentopf oder Baum entstehen.

"Ob man meint, dass sich die Tiere bei ihren Bildern wirklich etwas gedacht haben, hängt auch vom Glauben daran ab", sagt Ashby. Menschen seien schon immer fasziniert davon gewesen, Ähnlichkeiten mit Tieren zu finden. "Wir haben keine wissenschaftliche Antwort. Und die Frage ist ja außerdem auch: Wo fängt Kunst an?"

Quelle: ntv.de, Britta Gürke, dpa