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Bahn, Supermarkt oder Wohnung? Wo das Corona-Risiko am größten ist

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Bisher gibt es wenig ausgewiesene Ausbrüche im Freien.

(Foto: imago images/Müller-Stauffenberg)

Die Corona-Pandemie hält an, doch das Leben geht weiter. Mit Masken und Abstand bewegen sich die Menschen durch ihren Alltag. Aber die Ungewissheit bleibt: Wo ist das Risiko einer Ansteckung am größten? Laut verschiedener Studien lauert die größte Gefahr an einem sehr vertrauten Ort.

Noch immer ist das Leben in Deutschland durch die Corona-Pandemie eingeschränkt - Masken und Abstand sind allgegenwärtig. Doch an welchen Orten herrscht eigentlich das größte Risiko, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren? Eine Rangfolge der Orte mit dem größten Risiko stammt etwa von der Texas Medical Association, in den USA der größte Mediziner-Verband auf bundesstaatlicher Ebene. In ihrer Liste wurden von Ärzten verschiedene Aktivitäten des täglichen Lebens nach dem Risiko einer Ansteckung bewertet - unter der Annahme, dass die Anwesenden die geltenden Sicherheitsmaßnahmen befolgen.

Demnach ist etwa das Tanken an einer Tankstelle so gut wie ungefährlich - beim Einkaufen im Supermarkt, einem Spaziergang durch eine belebte Innenstadt oder der Mahlzeit im Außenbereich eines Restaurants herrsche hingegen ein geringes bis mittleres Risiko einer Covid-19-Infektion. Ein "moderat-hohes" Risiko hingegen gebe es etwa bei Hochzeiten, Flugreisen oder dem Besuch eines Friseursalons. Die größte Gefahr eine Corona-Infektion sehen die Mediziner aber bei Musikkonzerten, dem Besuch eines Sportstadions, Gottesdiensten mit mehr als 500 Teilnehmern und dem Besuch einer Bar.

Welche Frage die Liste jedoch nicht abdeckt: Wie hoch ist das Risiko, sich zu Hause anzustecken? Dabei waren einer Auswertung des deutschen Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge private Haushalte jene Orte, an denen in Deutschland bis etwa Mitte Juli die mit Abstand meisten Ausbrüche erfasst wurden - insgesamt fast 4000. Dahinter folgen mit Abstand Alten- und Pflegeheime, in denen es nur rund 700 Ausbrüche gab. Dort jedoch steckten sich viel mehr Menschen pro Ausbruch an, sodass sich insgesamt sogar etwas mehr Menschen in Alten- und Pflegeheimen angesteckt hatten als in den eigenen vier Wänden.

Geringes Risiko beim Einkaufen

Was die höchste Infektionsgefahr angeht, kommen auch Forscher in anderen Ländern zu ähnlichen Resultaten. Laut einer Studie aus China konnten von rund 320 Ausbrüchen mehr als drei Viertel mit Wohnungen in Verbindung gebracht werden. Etwa ein Drittel der Ausbrüche fiel auf Verkehrsmittel, nur eine kleine Anzahl ereignete sich in Restaurants. Noch geringer war demnach das Risiko in Supermärkten, Shopping-Malls oder Unterhaltungsstätten.

Auch eine weitere Studie aus China kam zu dem Schluss: Bei Kontakt mit einem Covid-19-Infizierten ist die Gefahr einer Ansteckung im Haushalt am größten. Von mehr als 2000 untersuchten Kontaktpersonen steckten sich 13 Prozent zu Hause an. Dahinter folgten Verkehrsmittel als häufigster Ansteckungsort, wo sich rund 12 Prozent infizierten, beim gemeinsamen Essen waren es rund sieben Prozent. Die durchschnittliche Ansteckungsrate lag hingegen nur bei sechs Prozent. Das Zusammenleben mit einem Covid-19-Infizierten, so legen die Studien nahe, birgt also das höchste Risiko, sich ebenfalls anzustecken. Was die Annahme bestätige, dass "intensiver und längerer persönlicher Kontakt" zwischen Menschen das Übertragungsrisiko erhöhe, schreibt das RKI in seiner Veröffentlichung.

Doch Kontakt im Haushalt ist nicht gleich Kontakt im Haushalt: Wie eine andere chinesische Studie feststellte, macht es einen Unterschied, in welcher Beziehung das Haushaltsmitglied zu dem Infizierten steht. So hatte der Ehepartner des Erkrankten das höchste Risiko - fast jeder Dritte infizierte sich. Von anderen Erwachsenen im Haushalt steckte sich hingegen nur jeder Fünfte an. Und Kinder fielen komplett aus dem Rahmen. Nur vier von hundert steckten sich im Haushalt an.

Große Ausbrüche in Fleischbetrieben

Und was ist mit dem Arbeitsplatz? Laut RKI wurden von den Gesundheitsämtern dieser Kategorie mehr als 400 Ausbrüche zugerechnet. Allerdings seien diese Ausbrüche häufig mit "erschwerten Arbeitsbedingungen und zum Teil auch mit beengten Wohnverhältnissen verbunden" gewesen, heißt es in dem Bericht. Dazu zählen etwa mehrere großen Ausbrüche in Schlachtbetrieben. Für Aufsehen sorgte etwa der Corona-Ausbruch im Fleischbetrieb Tönnies im Kreis Gütersloh, wo mehr als 2000 Angestellte positiv auf das Virus getestet wurden. Dass erhöhte Risiko, wenn viele Menschen dicht zusammenwohnen, hat auch zu einigen schweren Ausbrüchen in Flüchtlings- und Asylbewerberheimen geführt - in diesen wurden deutschlandweit rund 200 Ausbrüche mit mehr als 4000 Infizierten erfasst. Dort steckten sich mit im Schnitt rund 20 Fällen pro Ausbruch zudem die meisten Menschen an.

Im Gegensatz zu den Studien aus China weist die RKI-Statistik allerdings nur vergleichsweise wenige Corona-Ausbrüche in öffentlichen Verkehrsmitteln auf. Insgesamt konnten Busse, Flugzeuge und Fähren nur rund 20 Ausbrüche zugeordnet werden. Die meisten Menschen - insgesamt 66 - steckten sich in Bussen an. In der Bahn wurde hingegen kein einziger Ausbruch erfasst. Allerdings weist das RKI darauf hin, dass Kontaktpersonen in der Bahn schwierig zu ermitteln seien.

Das RKI führt die wenigen Ausbrüche in den Verkehrsmitteln aber auch auf die "massiven Gegenmaßnahmen" zurück, was ebenso für die Bereiche Hotels und Gaststätten gelte. In Restaurants wurden deutschlandweit etwa nur 38 Ausbrüche mit insgesamt etwa 270 Erkrankten erfasst. Gering war in Deutschland bis zum Sommer auch das Risiko in Schulen und Kitas - die allerdings über Wochen ganz geschlossen oder nur eingeschränkt geöffnet waren. Rund 30 Ausbrüche mit 150 Corona-Fällen wurden Schulen zugeordnet. In Kitas und Horten liegen die Zahlen in einer ähnlichen Größenordnung.

Wie hoch das Risiko in Sportstätten ist, geht aus der RKI-Statistik nicht hervor. Eine Studie aus Südkorea ergab jedoch, dass in Fitnessstudios eine gewisse Ansteckungsgefahr herrscht. Besonders bei schweißtreibenden Sportarten kam es demnach überdurchschnittlich häufig zu Ansteckungen. Weniger riskant waren hingegen Yoga- und Pilates-Kurse, wo es keine Ansteckungen gab. Gar keine Ausbrüche konnten in Deutschland in Tierparks und Zoos nachgewiesen werden und nur drei Fälle bei einem Picknick. Auch andere Studien fanden nur sehr wenige Ausbrüche im Freien. "Deutlich wird, dass geschlossene Räume das größere Risiko darstellen", schreibt das RKI.

Quelle: ntv.de