Wirtschaft

"Zocker werden belohnt": Ifo-Chef wettert gegen Rettung

Ifo-Chef Sinn findet ungewohnt deutliche Worte: der Schutzschirm für den Euro widerspricht den deutschen Interessen. Der Schirm hätte gar nicht aufgespannt werden müssen, da der Euro nicht gefährdet gewesen sei. Von dem "unkalkulierbaren Abenteuer" profitierten nur die Spekulanten.

Der Rettungsschirm ein "unkalkulierbares" Abenteuer und eine "sichere Wachstumsbremse für Deutschland"? Das tut weh.
Der Rettungsschirm ein "unkalkulierbares" Abenteuer und eine "sichere Wachstumsbremse für Deutschland"? Das tut weh.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Ifo-Institut sieht trotz der Zuspitzung der Verschuldung in der Eurozone keine Systemkrise des Euro. Gemessen an der Kaufkraft sei die Gemeinschaftswährung trotz eines rasanten Kursverfalls in den vergangenen Handelstagen "immer noch überbewertet", sagte der Präsident des Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn. Er sieht den "fairen Kurs" des Euro bei etwa 1,14 US-Dollar und damit deutlich unter dem aktuellen Kurs von rund 1,24 US-Dollar.

"Auch die Inflationsrate gibt keinen Anhaltspunkt für die Gefährdung der Währung", sagte Sinn weiter. Die aktuelle Teuerung in Deutschland liege mit etwa 1,5 Prozent deutlich unter der durchschnittlichen Inflationsrate, die in Zeiten der D-Mark die Geldbeutel der Verbraucher belastet hatte. "Gefährdet war in der Krise nicht der Euro, sondern die Fähigkeit der europäischen Schuldensünder, ich weiterhin so günstig zu finanzieren wie Deutschland", so Sinn.

"Ein unkalkulierbares Abenteuer"

Hans-Werner Sinn: "Wir zahlen, und so geht die Zockerei weiter."
Hans-Werner Sinn: "Wir zahlen, und so geht die Zockerei weiter."(Foto: REUTERS)

Profitieren würden vom Rettungsschirm die Spekulanten. Gegenüber n-tv sagte Sinn: "Die Zocker werden belohnt. Die Banken, die in windige Staatspapiere investiert haben, die Staaten, die sich überschuldet haben – alle haben sie drauf gesetzt, dass, wenn es schiefgeht, sie freigekauft werden von jemand anderem und so ist es passiert. Wir zahlen, und so geht die Zockerei weiter." Man dürfe keine Versicherung mit Volldeckung machen. Man müsse den bedrängten Staaten helfen, aber es müsse immer einen Selbstbehalt geben. Das heißt, wenn etwas schiefgeht, müssen die Anleger, die die Staatspapiere im Besitz halten, auch einen Teil der Lasten tragen.

"Wird der Rettungsschirm Gesetz, übernimmt Deutschland de facto die Gewährleistung für die Schulden der anderen Eurostaaten", kritisierte der Ifo-Chef. Die Devisenmärkte hätten bereits erkannt, dass durch den Rettungsschirm das Risiko für den Euro insgesamt eher gestiegen sei. Zuvor habe sich der Verkaufsdruck der Märkte noch eher auf die Wertpapiere der Schuldenländer konzentriert. Vor allem für Deutschland stelle der Rettungsschirm "ein unkalkulierbares Abenteuer" dar und "eine sichere Wachstumsbremse".

Chancen verpasst

War die Rettungsaktion notwendig, Herr Trichet? Ifo-Chef Sinn sagt Nein. Der EZB-Chef bei der Grundsteinlegung der neuen EZB-Zentrale, wie er Euro-Banknoten in die Kassette legt, die in das Fundament eingemauert wird..
War die Rettungsaktion notwendig, Herr Trichet? Ifo-Chef Sinn sagt Nein. Der EZB-Chef bei der Grundsteinlegung der neuen EZB-Zentrale, wie er Euro-Banknoten in die Kassette legt, die in das Fundament eingemauert wird..(Foto: picture alliance / dpa)

Nach Einschätzung des Ifo-Chefs beschert die aktuelle Schuldenkrise vor allem den Bankhäusern, insbesondere in Frankreich, massive Probleme. Mit der jüngsten Verschärfung der Schuldenproblematik drohe der Marktwert der Staatsanleihen in den Banken-Portfolios weiter zu fallen. Deshalb hätten insbesondere die Franzosen Deutschland zu einem Rettungsschirm für finanziell angeschlagene Mitgliedstaaten der Eurozone gedrängt, sagte Sinn.

Für Deutschland wäre eine einsetzende Korrektur aus Sicht des Ifo-Instituts vorteilhaft gewesen, da ein Großteil der deutschen Kapitalexporte von zuletzt 166 Mrd. Euro im Jahr in Zukunft im Inland verblieben wäre und hier wieder für mehr Wachstum gesorgt hätte, wie man es aus der Vor-Euro-Zeit kannte. Das Gewährleistungsgesetz verhindere jedoch diese notwendige Korrektur, lenke das Kapital weiter ins Ausland und verhindere dringende Investitionen in Deutschland.

Quelle: n-tv.de

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