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Kernschmelze in Reaktor 2 eingetreten Tepco entdeckt Plutonium im Boden

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Tepco-Vizepräsident Takashi Fujimoto, Mitte, erläutert die Vorgänge in Fukushima Eins - zumindest teilweise.

(Foto: REUTERS)

Alles, was Experten seit Beginn der AKW-Katastrophe in Fukushima befürchtet haben, ist passiert: Rund um die Anlage findet Tepco Spuren des extrem giftigen Plutoniums im Boden. Auch die befürchtete Kernschmelze ist bereits eingetreten - in Reaktor 2, kurz nach den Ereignissen vom 11. März. Der Betreiber bittet die französischen Firmen EDF und Areva um Hilfe.

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Tägliche Lagebesprechung in der Atom-Sicherheitsbehörde.

(Foto: dpa)

Im Boden rund um das beschädigte Kernkraftwerk Fukushima sind Spuren von hochgiftigem Plutonium entdeckt worden. Dies meldete die Nachrichtenagentur Kyodo. Das äußerst gefährliche Schwermetall sei an insgesamt fünf Stellen nachgewiesen worden. Dem Kraftwerksbetreiber Tepco zufolge stamme das Plutonium aus Brennstäben der Anlage, die bei dem schweren Erdbeben am 11. März und dem anschließenden Tsunami schwerbeschädigt wurde. Aus welchem Block das Material stammt, war nicht bekannt.

Tepco hatte zuvor Bodenproben vom Gelände der havarierten Anlage von unabhängigen Spezialisten auf das hochgiftige Plutonium untersuchen lassen. In Fukushima gilt Block 3 als besonders gefährlich, weil es sich bei dessen Brennelementen um Plutonium-Uran-Mischoxide (MOX) handelt.

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Simulation des schweren Erdbebens und des nachfolgenden Tsunamis am 11. März.

(Foto: REUTERS)

Das radioaktive Plutonium verliert auch nach Tausenden von Jahren nichts von seiner Gefährlichkeit. Gerät der Stoff in den Körper, kann Krebs entstehen. Dringt Plutonium in Wunden ein, verbindet es sich mit Eiweißen des Blutplasmas und lagert sich in Leber und Knochenmark ab. Dort kann Plutonium Leukämie auslösen.

Frankreich soll helfen

Der Betreiber des japanischen Katastrophen-Atomkraftwerks Fukushima, Tokyo Electric Power (Tepco), hat französische Firmen um Hilfe gebeten. Es seien Unternehmen wie EDF und Areva angesprochen worden, meldete die Agentur Kyodo.

Die Regierung in Tokio räumte zuvor ein, dass im Reaktor 2 in den vergangenen zwei Wochen vermutlich eine Kernschmelze eingesetzt hatte. Man glaube aber, dass der Prozess gestoppt sei, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Die Regierung appellierte an die Anwohner, nicht in ihre Häuser im 20-Kilometer-Evakuierungsradius um das AKW zurückzukehren. Doch vor allem ältere Menschen ignorieren die Warnungen. Die Zahl der verstrahlten Arbeiter an der Atomruine erhöhte sich um 2 auf 19.

Wasser floss wohl ins Meer

Nach Angaben des Stromkonzerns Tepco wurde an Reaktor 2 eine Strahlendosis von 1000 Millisievert pro Stunde in einem Wassergraben gemessen, der zum benachbarten Turbinengebäude führt. Es könnte sein, dass verseuchtes Wasser ins Meer geflossen ist, so der Betreiber. Das würde die Strahlenwerte vor der Küste erklären, die in den vergangenen Tagen immer weiter angestiegen waren.

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Die Strahlenbelastung in Japan ist erheblich gestiegen.

(Foto: REUTERS)

Die natürliche Radioaktivität in Deutschland liegt laut der Gesellschaft für Reaktorsicherheit bei etwa 2,1 Millisievert und zwar pro Jahr. Der Energiekonzern Tepco hatte nach Beginn der Katastrophe festgelegt, dass die Arbeiter am Atom-Wrack höchstens 150 Millisievert Strahlung pro Noteinsatz abbekommen dürfen.

Gebrauch von Regenwasser verboten

Derweil hat das Gesundheitsministerium die Wasseraufbereitungsanlagen im ganzen Land angewiesen, kein Regenwasser mehr zu verwenden und Becken mit Plastikplanen abzudecken. Auch aus Flüssen dürfe kein Trinkwasser mehr entnommen werden. Allerdings sollten diese Maßnahmen nur in dem Maße umgesetzt werden, wie sie nicht die Trinkwasserversorgung gefährden.

Brennstäbe teilweise geschmolzen

Was genau im Inneren der Problem-Meiler abläuft, ist immer noch unklar. Die Regierung schloss allerdings aus der extrem erhöhten Radioaktivität, dass es im Krisen-Meiler 2 von Fukushima Eins zum Beginn einer Kernschmelze gekommen sein müsse. Brennstäbe seien wohl zum Teil geschmolzen und das hoch belastete Material mit Kühlwasser in Berührung gekommen, sagte Edano.

Seine Ausführungen deuteten nicht darauf hin, dass die Außenhülle des Reaktors beschädigt sei. Die Kernschmelze habe vermutlich bereits kurz nach den Ereignissen vom 11. März stattgefunden, so die japanische Regierung.

Tepco-Aktien brechen ein

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Die Tepco-Zentrale in Tokio - samt Antenne auf dem Dach.

(Foto: AP)

Tepco hatte am Sonntag mitgeteilt, die veröffentlichten Werte zur Strahlenbelastung seien falsch und damit viel zu hoch angegeben worden. Das Unternehmen macht einen zunehmend hilflosen Eindruck, wie es die Katastrophe in den Griff bekommen will. Leider gebe es keinen konkreten Zeitplan, um klar zu sagen, in wie vielen Monaten oder Jahren die Krise vorbei sei, sagte Tepco-Vizepräsident Sakae Muto. Tepco-Aktien brachen in Tokio um fast 18 Prozent ein.

Auch jetzt gab es von der Regierung keine genauen Informationen zum Zeitpunkt der vermuteten Kernschmelze. Sowohl Fachleute wie auch Tepco hatten in den ersten Tagen nach dem verheerenden Erdbeben und anschließenden Tsunami schon einmal von einer möglichen "partiellen Kernschmelze" gesprochen. Tepco hatte das aber wieder zurückgenommen. Fukushima Eins hat sechs Reaktoren. Mehrere davon sind nach Explosionen stark zerstört.

Regierung kritisiert Tepco

Regierungssprecher Edano kritisierte am Montag den Umgang des Betreibers Tepco mit den Strahlungs-Messwerten am AKW scharf. Das Vorgehen sei "inakzeptabel". Das Unternehmen hatte am Wochenende widersprüchlich Angaben zur Höhe der Strahlung gemacht. Das sorgte international für Aufregung. Die japanische Atomaufsichtsbehörde wies den AKW-Betreiber jetzt an, solche Irrtümer in Zukunft zu vermeiden.

Auch die Lage in der Gefahrenzone um das AKW bietet zunehmend Anlass zur Sorge: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerk kontaminiert ist, und es gibt derzeit ein großes Risiko (für die Gesundheit)", sagte Regierungssprecher Edano der Agentur Kyodo zufolge. Anwohner sollen die Evakuierungszone auf keinen Fall betreten, bevor die Regierung grünes Licht gebe. Doch viele der Flüchtlinge kehren trotz der Warnungen zurück, berichtete der staatliche Fernsehsender NHK. Die Menschen seien erschöpft vom Leben in den Notlagern. Sie wollten wieder nach Hause, erklärte die Provinzregierung von Fukushima.

Greenpeace fordert größere Evakuierungszone

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte zuvor sogar eine Ausweitung der Evakuierungszone rund um das Atomwrack gefordert. Unterdessen setzten die Arbeiter und Techniker in der Atomruine ihre Bemühungen fort, das hoch radioaktive Wasser aus den Gebäuden zu pumpen, sowie Strom- und Wasserversorgung für die Kühlung der havarierten Reaktoren wiederherzustellen. Nach Angaben der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) wird der kritische Block 2 seit dem Wochenende wieder mit Frischwasser gekühlt, nicht mehr mit Meerwasser.

Bisher wurden 19 Arbeiter bei der Rettungsaktion stärker verstrahlt - sie waren einer Radioaktivität von mehr als 100 Millisievert ausgesetzt. Drei Arbeiter, die am vergangenen Donnerstag einer erhöhten Strahlendosis ausgesetzt waren, wurden nach Angaben von Kyodo am Montag aus dem Krankenhaus entlassen.

190.000 Menschen in Notunterkünften

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Tausende Menschen werden noch vermisst. Hier bei der Suche nach den Verschütteten.

(Foto: AP)

Unterdessen erschütterten weitere Beben die Katastrophenregion. Am Montagmorgen bebte die Erde nach japanischen Angaben mit einer Stärke von 6,5. Die US-Erdbebenwarte stufte die Stärke des Erdstoßes dagegen auf 5,1 zurück. Kurz danach gab es ein weiteres Nachbeben.

Die Region war am 11. März von einem verheerenden Erdbeben der Stärke 9 sowie einem Jahrhundert-Tsunami schwer zerstört worden. Mehr als 11.000 Menschen verloren im Nordosten des Landes ihr Leben, über 17.000 Menschen gelten als vermisst.

Noch immer hausen 190.000 Menschen in Notunterkünften, wie NHK meldete. Die Aufräumarbeiten nach dem Tsunami wurden am Montag fortgesetzt. Ministerpräsident Naoto Kan sagte mit Blick auf die eingesetzten Soldaten, sie müssten sich auf einen langfristigen Einsatz einstellen.

Quelle: ntv.de, dpa/AFP/rts