Das Autohaus, das nie schließtBei Renault schon real: Showroom kommt ohne Menschen aus
Von Patrick Broich, Seoul
Das Autohaus der Zukunft ist menschenleer und öffnet 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche. Zukunftsmusik? Mitnichten. In Korea ist ein solcher Showroom bereits Realität. ntv.de hat ihn besucht.
Schick hier im Renault-Autohaus, das im angesagten Stadtteil Gangnam in der Millionenmetropole Seoul liegt. Der Betreiber hat es gerade frisch renoviert. Von "Premium Lifestyle Space" ist die Rede im Pressetext - und so fühlt es sich tatsächlich auch an. Eine architektonisch stylishe Fassade begrüßt den Kunden bereits vor dem Eintritt mit coolen Vibes. Durch die großflächige Glasfassade schimmert es neonbunt von den riesigen Screens innen.
Und nicht nur das: Renault hat seine Corporate Identity hier wahrlich inszeniert mit stylish wirkenden Rauten an den Wänden und markanten Fliesen auf dem Boden in einschlägiger Farbe. Es ist außerdem clean, aber lädt doch zum Verweilen ein, beispielsweise mit kleinen Sitznischen. Doch das ist bis hierhin alles noch konventionell. Die eigentliche Revolution geht bei meinem Besuch fast unter. Denn das moderne Autohaus in Seouls quirligem Viertel ist während meines Aufenthalts voller Menschen. Medienvertreter aus aller Welt möchten sich die Location anschauen, an der eigentlich keine Menschen arbeiten.
Wobei, man muss es anders formulieren. Menschen arbeiten hier selbstverständlich schon, denn irgendwie müssen die ausgestellten Renault Scenic oder Grand Koleos ja in den Showroom kommen. Dass dieses Autohaus jedoch irgendwie anders ist, merkt man an Details. So entdeckt der aufmerksame Beobachter in den Räumlichkeiten ungewöhnlich viele Kameras. Logisch, denn zu diesem Showroom hat man rund um die Uhr Zugang.
Und wie genau? Wer sich online anmeldet, erhält einen QR-Code, mit dem er wiederum die Tür zum Showroom öffnen kann. Und das klappt eben zu jeder Zeit an sieben Tagen in der Woche. Ist man einmal im Autohaus, kann man die Produkte in Ruhe auf sich wirken lassen. "Gucken und fühlen" ist das Motto. Große Monitore informieren, und künstliche Intelligenz kommt zum Einsatz, um den Kunden bei der Konfiguration zu unterstützen. Außerdem übernimmt sie Beratungsfunktionen - so darf sich der Interessent treiben lassen, falls er sich bei der Modellauswahl noch nicht schlüssig ist, "Pikar Genie" heißt das Programm. Verkaufspersonal ist bei diesem Prozess nicht zugegen. Aber man kann seine Anforderungen und Wünsche mit dem Chatbot diskutieren. Klar, kommt der User partout nicht weiter, hilft in letzter Konsequenz ein Mitarbeiter.
Wer möchte, kauft das Auto ohne Personal
Und die Automatisierung geht noch einen Schritt weiter: Mit dem Dienstleister Epikar kommt eine softwarebasierte Lösung beispielsweise zur Vereinbarung von Probefahrten zum Einsatz. Per App werden Ort und Zeitpunkt ausgemacht - dann wird das Auto zum potenziellen Kunden gebracht, bedarfs- und wunschgerecht. Außerdem bietet Epicar die Möglichkeit, Verträge bereitzustellen und vom Nutzer online zu signieren zu lassen, sodass im Zweifel der gesamte Kaufprozess personalfrei durchgeführt werden kann.
Ist das nun cool oder gruselig? Vielleicht eine Mischung aus beidem, allerdings ist es auch komfortabel. Warum auf Verkäufer warten, die sich nie zurückmelden, oder ständig das Besetztzeichen aushalten, wenn man an einem ausgelasteten Tag beim Händler anruft. Außerdem: Wer nach den klassischen Öffnungszeiten spontan Lust bekommt, mal eben das Automodell der Wahl zu erkunden, muss nicht vor verschlossener Tür stehen. Begleitung ist übrigens ausdrücklich erlaubt und darf nach entsprechender Anmeldung mitgenommen werden.
Das Autohaus der Zukunft mag ohne Verkaufspersonal auskommen, ist aber nicht einsam. Ideen, Autohäuser zum Erlebniscenter auszubauen, sind im Grunde nicht neu. Etliche Marken haben in der Vergangenheit laut darüber nachgedacht, den Fahrzeugkauf zu einem sinnlichen oder auch kulinarischen Erlebnis zu machen.
Bei Renault in Gangnam ist letztere Option jedenfalls auch schon Wirklichkeit geworden. Direkt an das Autohaus angeschlossen nämlich ist das Fusion-Food-Restaurant "Very Kitchen". Und hier wird alles andere als mit künstlicher Intelligenz gekocht. Zwar fällt die Restaurant-Ausstattung eher hemdsärmelig aus, aber gebrutzelt wird ambitioniert in einer halboffenen Showküche. Und dieses prototypische Konzept zeigt, dass das Autohaus der Zukunft zwar digital und weitgehend personalarm aussehen könnte. Auch künstliche Intelligenz wird eine große Rolle spielen. Das sinnliche Erlebnis aber bleibt. Und Menschlichkeit Algorithmen zum Trotz hoffentlich ebenfalls.