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Neues Design für alte Kombis? Die Renaissance der Shooting Brakes

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Der Shooting Brake ist wohl die sportlichste Art Kombi. Das gilt auch für den Mercedes CLA.

(Foto: Holger Preiss)

Mit dem neuen Mercedes CLA Shooting Brake erneuert Mercedes eine alte Karosseriegattung und auch andere Hersteller springen auf den Zug auf. Aber kann damit der Niedergang der Kombis gestoppt werden?

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Porsche nennt seinen Shooting Brake Panamera Sport Turismo.

(Foto: Manuel Hollenbach)

Lange Haube, zwei Türen, Steilheck und eine große Hecklappe aus Glas. Shooting Brakes sind eine britische Erfindung und waren in den 1950er- und 1960er-Jahren der heiße automobile Trend. Zumindest in Großbritannien. Briten der Upper Class, des Landadels und sogar Royals stiegen gerne in die oft in Kleinserien hergestellten Kombi-Coupés. Die Zweitürer wurden von starken Motoren angetrieben und hatten – im Vergleich zu Limousinen – so etwas wie ein sportliches Fahrwerk. Ideal für die standesgemäße Fahrt zur Jagd, zum Golf oder Polo. Doch lange vor dem Untergang der britischen Autoindustrie verebbte das Interesse an dem Zwittermodell Anfang der 1980er-Jahre.

Dass ausgerechnet der deutsche Hersteller Mercedes 2012 mit dem CLS Shooting Brake erstmals ein Modell mit dem Namen der Fahrzeuggattung produzierte, dürfte britischen Carguys nicht geschmeckt haben – und dann noch in einer verwässerten Form. Statt zwei setzte das Kombi-Coupé auf vier Türen, dazu kamen eine niedrige Silhouette und ein stark abfallendes Heck. Nach vier Jahren war zwar Schluss, aber seit 2014 verkauft Mercedes den CLA mit dem gleichen Namenszusatz. Die neueste Variante wurde nun in Genf präsentiert, im September kommt das Modell in den Handel.

Das ist gar kein Shooting Brake

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Der Mercedes CLA ist kein Shooting Brake im klassischen Sinne.

(Foto: Holger Preiss)

"Im Grunde genommen handelt es sich beim neuen CLA Shooting Brake um einen sportlichen Kombi, aber nicht um einen Shooting Brake im klassischen Sinne", sagt Professor Tumminelli, Designprofessor an der TH-Köln. Eigentlich sei ein Shooting Brake ein Grand Turismo oder Coupé mit einem verlängerten und steil abgeschnittenen Heck. Mit dem CLA Shooting Brake revitalisiere und modernisiere Mercedes nach Meinung Tumminellis lediglich seinen Kombi. Mit der schnittigen Karosserie soll der Kombi zum Sportler werden, das praktische, aber spießige Image eines Familien- oder Vertreterautos abschütteln. Es sei vielmehr ein geschickter Marketingzug der Stuttgarter – Mercedes profitiere von der klangvollen Aura der Fahrzeuggattung. Die Shooting Brakes seien längst ausgestorben, trotz der guten, modischen Idee von Mercedes. Aber die Variante passt zum Luxusanspruch der Marke", sagt Professor Tumminelli. Ganz im Sinne der ersten Fahrzeuge.

Der damalige Traktorenproduzent und Aston-Martin-Besitzer David Brown benötigte für die Jagd ein Auto mit einem großen Kofferraum – und ließ es sich extra bauen. Der Aston Martin DB5 Vantage Shooting Brake hatte einen 4,0-Liter-Sechzylinder-Reihenmotor und fuhr über 220 km/h schnell. (Die Coupé-Version ist als Dienstwagen von James Bond bekannt.) Das Einzelstück gefiel auch anderen Briten, so dass eine Kleinserie von zwölf Fahrzeugen entstand. Ab 1966 setzte der Jensen Interceptor auf eine ähnliche Optik.

Selbst die Royals waren überzeugt

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Der Alfa Romeo Brera (2005-2010) konnte nicht genug Kunden begeistern.

(Foto: Alfa Romeo)

Für einen größeren Kundenkreis interessant war unter anderem der Reliant Scimitar GTE ab 1967. Der Shooting Brake bot mehr Platz als das Coupé Scimitar GT, setzte aber auf solide Großserientechnik von Ford und eine nichtrostende Kunststoffkarosserie. Das überzeugte selbst Prinzessin Ann und Prinz Philipp, die das Modell besaßen. Auch der MGB GT setzte ab 1965 auf die Kombination von Coupé mit großer Heckklappe und Großserientechnik. Dazu kamen Einzelstücke oder Kleinstserien von Karosseriebauern unter anderem auf Basis von Bentley, Ferrari, Aston Martin DBS oder Jaguar. Ein zum Leichenwagen umgebauter Jaguar E-Type im Film Harold und Maude zählt ebenso zu der Kategorie der Shooting Brakes.

Als bekanntestes Modell der Kategorie gilt der zwischen 1971 und 1973 gebaute Volvo P1800 ES, wegen seiner großen Glasfläche und der Glasheckklappe "Schneewittchensarg" genannt. Berühmt würde das Coupé durch Roger Moore in der Krimiserie "Simon Templar" (im originalen The Saint). Volvo versuchte, in den 1980ern mit dem 480 und ab 2006 mit dem C30 an alte Erfolge anzuknüpfen – vergeblich. Auch der Alfa Romeo Brera (2005-2010), Porsche 928 (1977-1995), BMW Z3 Coupé (ab 1998) und später das Z4 Coupé (2004-2006) konnten nicht ausreichend viele Kunden locken, obwohl bei ihnen die Grenzen zwischen Shooting Brake und Grand Tourismo fließend ist.

Eigentlich ist nur der Ferrari ein Shooting Brake

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Strenggenommen dürfte sich nur der Ferrari Shooting Brake nennen.

(Foto: Ferrari)

In jüngster Vergangenheit starten nun mehrere Hersteller neue Varianten aus der Kombination von Kombi und Coupé. Kia nennt seine Version ProCeed und Porsche seine Panamera Sport Turismo. Mercedes ist der einzige Hersteller, der die Kategorie auch im Namen trägt. Streng genommen dürften sich nur der Ferrari FF und aktuell der zweitürige Ferrari GTC4 Lusso so nennen. Ferraristi sprechen beim Coupé allerdings vom "Breadvan", nach dem geschlossen Rennwagen 250 GT SWB Breadvan mit seinem steilen Heck. "Das sind noch klassische Shooting Brakes im eigentlichen Sinne", sagt Paolo Tumminelli.

Obwohl auch das nicht ganz korrekt ist. Der Name bezeichnete Kutschenwagen, die für die Jagd (to shoot) ebenso benutzt wurden wie für die Dressur von Arbeitspferden. Deren Wille musste für die schwierige Arbeit meist "gebrochen" werden (to break). Verbrennungsmotoren unter den langen Hauben kamen damals nicht vor.

Quelle: n-tv.de

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