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Wohin geht die Reise? IAA 2019 sendet Stromstoß aus

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Porsche hat nur den Taycan, den ultimativen Elektrosportler in Frankfurt.

(Foto: Holger Preiss)

Einst war die IAA eine der angesehensten Automessen der Welt. In ihrer 68. Auflage kommt sie so elektrisch wie nie daher, doch es stellt sich die Frage, ob dieser Stromstoß die Massen über diese Messe noch erreicht.

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Mercedes hat seine gesamte Fahrzeugpalette unter Strom gesetzt.

(Foto: Holger Preiss)

Die IAA hat in ihrer gesamten Geschichte nie so elektrisiert wie in diesem Jahr. Und dies witzigerweise, wo so wenige Autobauer wie nie zuvor in vier von einst sieben Hallen ihre Fahrzeuge präsentieren. Aber diejenigen, die in Frankfurt auflaufen, halten die Fahne des emissionslosen Fahrens und der CO2-neutralen Produktion in den scharf blasenden Wind der Politik, der Umweltschützer und SUV-Hasser. All denen soll mit knallharten Fakten gezeigt werden, dass Mobilität, egal in welcher Größenordnung, auch umweltfreundlich sein kann.

Stromstöße, wohin man blickt

Mercedes beispielsweise hat seine gesamte Range von der A-Klasse bis zum GLE hybridisiert. Zwischen 50 und 100 Kilometer fahren die mit Verbrenner und E-Motor betriebenen Fahrzeuge rein elektrisch. Den Smart wird es ohnehin nur noch als Stromer geben und unter dem Label EQ soll künftig auch die heutige S-Klasse als EQS rein elektrisch fahren. Mit den Worten von Daimler-Chef Ola Källenius heißt das: "Begehrenswerter, zeitgemäßer Luxus muss nachhaltig sein - aber eben auch nachhaltig faszinierend". Dabei sind die Hybrid-Modelle nur ein erster Schritt, die Menschen an die eigentliche Elektromobilität heranzuführen, um ihnen die Sorge der fehlenden Reichweite zu nehmen. Bis 2039 will Mercedes eine komplett CO2-neutrale Neuwagenflotte am Start haben.

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Das Concept 4 ist der E-Renner der Zukunft von BMW.

(Foto: Holger Preiss)

Auch bei BMW setzt man in Zukunft verstärkt auf die E-Mobilität. Die Bayern sehen sich nach den Worten von BMW-Chef Oliver Zipse den "nächsten Generationen verpflichtet" und "dem UN Global Compact". Insofern will man sich in München künftig noch stärker auf die Frage konzentrieren: "Welche Technologien besitzen den größten Hebel, um die globalen Treibhaus-Emissionen zu verringern?" Doch Zipse ist auch mit Blick auf die Elektromobilität Realist. "Die Nachfrage nach reinen Elektroautos wird auf lange Sicht gemischt bleiben, denn Infrastruktur, Fahrdistanzen und politische Rahmenbedingungen in den einzelnen Ländern sind verschieden", so der BMW-Chef. Deshalb wird es bei BMW auch weiterhin "konventionelle Antriebe geben, die Maßstäbe bei niedrigen Emissionen setzen. E-Antriebe und Plug-in-Hybride und in Zukunft auch Fahrzeuge mit Brennstoffzelle". Hier kehren die Münchner in ein Gebiet zurück, in dem sie schon mal ganz vorne waren.

VW geht einen anderen Weg. Für die Wolfsburger soll die Elektromobilität kein Luxus sein. Mit dem ID.3 bringen sie ein E-Auto, das es fertigbringen soll, dem Golf den Rang abzulaufen. In drei Leistungsstufen und Reichweiten bis zu 550 Kilometern soll auch hier jede Strecke bewältigt werden. Auf der neuen Elektroplattform soll dieses Konzept sich schrittweise auf alle Modellreihen übertragen und ein ganzes Marktsegment begründen. Bei VW ist der Schritt hin zur E-Mobilität momentan wohl mit den größten finanziellen Aufwendungen verbunden. Zwar schützt jedes verkaufte E-Auto wie bei allen Herstellern vor deftigen CO2-Strafzahlungen, aber wenn das Projekt in Wolfsburg schiefgeht, könnte es für den größten Autobauer der Welt lebensbedrohlich werden.

Vereint wäre man stärker

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Der ID.3 ist der elektrische Golf der Zukunft.

(Foto: Holger Preiss)

Aus diesem Blickwinkel ist der ID.3 mit Sicherheit das wichtigste Auto der diesjährigen IAA. Aber auch andere Hersteller haben ihre Hausaufgaben gemacht und präsentieren am Main Elektroautos für "jedermann". Opel fährt im Corsa-Kleid getarnt einen elektrifizierten Peugeot 208 auf den Stand, Honda bringt als einziger japanischer Aussteller die Serienversion des Stadtflitzers e und Mini elektrifiziert den Cooper. Alle drei stromern mit akzeptablen Reichweiten und im E-Auto-Bereich ansprechenden Preisen. Wie bei VW ruft man für das jeweilige Fahrzeug knapp 30.000 Euro auf. Ob das schon ein Angebot ist, das die Kunden in Scharen lockt, darf bezweifelt werden. Aber es ist ein Anfang, dem Durchschnittsverdiener die E-Mobilität etwas schmackhafter zu machen.

Der vereinte Stromstoß hätte natürlich auf der IAA noch viel deutlicher ausfallen können, wenn Hersteller wie Toyota, Nissan, Volvo, Peugeot, Citroen, Kia oder Renault sich der Messe in diesem Jahr nicht verweigert hätten. Auch sie haben ihre Konzepte für eine unvermeidliche Elektrifizierung der Mobilität bereits in den Schauräumen. Für die Messe in Frankfurt selbst ist das kein gutes Zeichen, und man darf gespannt sein, ob sich in zwei Jahren die Tore zum 69. Mal öffnen oder ob mit dem Umschwung auch das Ende eingeläutet wurde.

Eine nie gesehene Bescheidenheit

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Der Wey X als chinesische Studie.

(Foto: Holger Preiss)

Wer sich auf den Weg zur diesjährigen IAA macht, wird zudem mit einer nie da gewesenen Bescheidenheit der Aussteller konfrontiert. Einst füllte BMW die Halle 11 komplett, heute teilt man sich den Raum mit Jaguar/Land Rover, Opel, Hyundai und Mini. In Halle 8 gehen mit breiter Brust neben dem kaum wahrnehmbaren Stand von Ford und dem zurückhaltenden Auftritt von Honda drei chinesische Hersteller mit breiter Brust an den Start. Darunter Wey, die sich als Premiumhersteller sehen und mit ihren elektrifizierten SUV bereits in zwei Jahren den deutschen Markt erobern wollen.

Halle 3 gehört wie immer dem VW-Konzern und seinen Töchtern. Aber wenn Audi bei vergangenen Messen noch seinen eigenen Pavillon auf dem Freigelände hatte, gliedern sich die Ingolstädter jetzt in den Gesamtverbund ein. Porsche stellt auf seinem Stand den vollelektrischen Taycan in den Mittelpunkt. Seat gibt seiner Sportmarke nicht nur als eigenständigem Label Raum, sondern inszeniert auch noch ein - ja richtig - rein elektrisches SUV-Coupé. Bleibt noch Mercedes, die mit dem Forum nach wie vor den größten Raum besetzen. Aber auch die Stuttgarter zeigen sich viel bescheidener und geben dem Besucher eher das Gefühl, in einem großen Mercedes-Autohaus zu sein, als auf einer der größten Automessen Europas.

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Das Mercedes GLE Hybrid fährt 100 Kilometer rein elektrisch.

(Foto: Holger Preiss)

Und noch etwas ist auffällig beim Rundgang durch die Messehallen: Die mit Abstand meistverkaufte Gattung, die der SUV, ist kaum sichtbar. Bei Mercedes hat man das neue GLE Coupé als Plug-in-Hybrid mit einer rein elektrischen Reichweite von 100 Kilometern auf die Messe gebracht, Porsche hat gar kein SUV am Stand und BMW verzichtet bei der Pressekonferenz darauf, den neuen X6 zu präsentieren, stellt ihn lieber ganz verschämt in die Ecke. Auch Audi macht um seinen neuen Q3 Sportback kein Gewese. Damit will man die Zielscheiben für Umweltschützer und Klimaaktivisten aus dem Bild nehmen.

Wohin geht die Reise?

Interessant wird sein, wohin der Weg führt. Wird man für ein deutsches grünes Gewissen in Zukunft auf SUV verzichten? Kaum vorstellbar, dass in den größten Märkten der Welt wie China und den USA der Boom ein jähes Ende finden wird. Kann man den Menschen - auch hierzulande ist inzwischen jedes zweite verkaufte Auto ein SUV - den Verzicht auf diese Gattung mit Restriktionen welcher Art auch immer verordnen?

Wie gewichtet man in Zukunft den Begriff SUV? Denn die Kategorie gibt es in allen Segmenten bis zum Kleinst- und Kleinwagen, siehe zum Beispiel Suzuki Jimny oder Skoda Kamiq? Ist ein SUV auch noch untragbar, wenn es rein elektrisch fährt? Und was ist mit dem Mehrgewicht, das die Batterie gegenüber einem Verbrenner zwangsläufig bei jedem E-Auto mit sich bringt? Das sind nur einige Fragen, die in einem momentan fast schon hysterischen Hass gegen Autos mit Verbrennungsmotoren einfach nicht gestellt werden.

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Hyundais Zukunftsvision heißt "45" und fährt natürlich elektrisch.

(Foto: Holger Preiss)

Wahrscheinlich wird für den Moment auch die IAA und die laufende Elektrifizierung noch keinen Konsens bringen. Die Stimmen, die mahnen, dass nicht nur die E-Mobilität, sondern auch ihre Erschaffung klimaneutral sein muss, dass wir verhindern müssen, zulasten anderer Lebensräume hierzulande eine saubere Umwelt zu schaffen, müssen gehört werden. Auch der schon geäußerte Wunsch der Autohersteller, auf seltene Erden und Lithium verzichten zu wollen, sollte wahrgenommen und eingefordert werden.

Wer also über die diesjährige IAA schlendert, kann vielleicht schon mal für sich die Frage klären, wo seine Präferenzen beim Auto der Zukunft liegen. Soll es ein Stromer sein, schlägt sein Herz weiter für PS-starke Boliden mit kernigem Sound oder liegt das Begehr irgendwo dazwischen? Endgültige Antworten auf die anderen Fragen wird man auch auf der vielleicht letzten IAA nicht finden. Schön wäre es, wenn man ins Gespräch käme und zu einem konstruktiven Dialog fände. Denn Mobilität ist ein Gut, das lohnt erhalten zu werden.

Quelle: n-tv.de

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