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Stromnetze entlasten Studie testet neue Ladetechniken für E-Autos

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Bisher konzentrieren sich Investoren vor allem auf Schnellladesäulen. Schonender wäre es aber, die Autos langsam aufzuladen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Aktuell sind noch weniger als 100.000 Elektroautos auf deutschen Straßen unterwegs. Bis 2030 sollen es bis zu zehn Millionen E-Fahrzeuge werden. Für das Stromnetz könnte das zum Problem werden. Damit es nicht zusammenbricht, sucht eine Studie nach intelligenten Lademethoden.

Wenn es um den Fortschritt bei der Ladetechnik von Elektroautos geht, stand bislang vor allem eines im Vordergrund: die Geschwindigkeit. Autohersteller in der ganzen Welt machen Druck für eine Infrastruktur, die ein Aufladen an öffentlichen Ladepunkten in Windeseile ermöglichen soll. In Europa gehen einige Versorger und Netzbetreiber allerdings einen anderen Weg. Sie testen, ob in der Ruhe die Kraft liegt.

In einer seit 15 Monaten laufenden Studie fand zum Beispiel die baden-württembergische Netze BW heraus, dass es für die Kunden durchaus in Ordnung ist, wenn ihre E-Autos vor der Haustür über Nacht zeitversetzt und langsam aufgeladen werden. Durch digitales Management können Spannungsverluste der Netze so vermieden werden - und auch kostspielige und störende Netzausbaumaßnahmen.

Das Testprojekt in Ostfildern-Ruit bei Stuttgart ergab, dass von zehn teilnehmenden Haushalten jeweils nur die Hälfte der Autos gleichzeitig aufgeladen wurden. Und weder die Reichweite für die Kunden noch die Netzsicherheit waren gefährdet. Die Ergebnisse der Studie, die noch bis Oktober läuft, sorgen bei Netze BW, einer Tochter des Energiekonzerns EnBW, für Erleichterung. Denn allgemein ist die Sorge in Deutschland groß, dass die Stromnetze unter der Last zu vieler E-Autos zusammenbrechen könnten. 

1,5 Milliarden Euro Kosten pro Jahr

Bislang sind hierzulande weniger als 100.000 E-Autos zugelassen. Geht die Hoffnung der Politik auf, könnten es im Jahr 2030 bis zu zehn Millionen Fahrzeuge sein. Und sie alle brauchen Strom. "Wir sind entspannter seit unserem Projekt", berichtet Selma Lossau, die das Projekt bei Netze BW leitet. Am Anfang seien die Kunden skeptisch gewesen. "Aber sie hatten das Auto immer voll und merkten nicht, dass sie gesteuert wurden."

Durch intelligentes Laden könnten die Kosten für den Netzausbau begrenzt werden, erklären auch die Experten der Denkfabrik Agora Energiewende. "Eine intelligente Regulierung vorausgesetzt, wird es bis 2050 jährlich 1,5 Milliarden Euro kosten, Kabel und Transformatoren so zu verstärken, dass sie den Strom für dann 30 Millionen Elektroautos transportieren können." Diese Kosten ließen sich durch die zusätzliche Stromnachfrage der Fahrzeuge decken und führten nicht zu steigenden Strompreisen.

In Norwegen belohnen Unternehmen Flexibilität

In Norwegen hat die langsamere Lademethode ebenfalls Anhänger gefunden. Das Land ist in Europa ein Vorreiter in Sachen Elektromobilität. Etwa die Hälfte der zugelassenen Neuwagen sind bereits batteriebetrieben und somit wesentlich schadstofffreier als Verbrennungsmotoren. Ein großer Schritt in Sachen Umweltschutz. Einer Studie des Regulierers NVE zufolge müsste das Land in den nächsten 20 Jahren für die Aufrüstung seiner Stromnetze elf Milliarden Kronen, umgerechnet gut eine Milliarde Euro, ausgeben - es sei denn, die E-Autos "tanken" ihren Strom außerhalb der stark gefragten Zeiten am Nachmittag. Dann könnten die Kosten auf etwa vier Milliarden Kronen gedrückt werden, weil entsprechend weniger in Netzverstärkungen und Ausbau investiert werden müsste.

NVE arbeitet bereits an Tarifen, bei denen das Auftanken am stark genutzten Nachmittag teurer ist. Das norwegische Startup-Unternehmen Tibber belohnt Kunden, die es ihm überlassen, wann aufgeladen wird, so genanntes "Smart Charging". Der Konkurrent Zapatec knüpft seine Angebote an Zeitpunkte, wenn ausreichend Netzkapazität bereitsteht.

Teilnehmer der Stuttgarter Studie berichten, sie hätten anfangs am liebsten immer schnell "nachgetankt" - aus Sorge, dass ihnen der Strom ausgeht. Schließlich hätten sie sich aber an das unsichtbare Lademanagement gewöhnt. Die Hardware, Software und Messtechnik dafür wird von mittelständischen und auch großen Herstellern wie Siemens entwickelt. "Am Anfang wollte ich nichts riskieren und habe öfter geladen, um Sicherheit zu haben. Das hat sich im Laufe der Zeit relativiert", sagt Anwohner Norbert Simianer. "Es hat sich langsam entwickelt, dass ich mit dem Auto vertrauter wurde. Dann wurde ich lockerer im Umgang mit dem Laden."

Kostenlose Ladestation für die Garage

Die Projektteilnehmer wurden pro Haushalt mit einem E-Auto ausgestattet sowie einer 22 Kilowatt starken Wandladestation für die Garage und zwei ergänzenden Ladepunkten in der Straße - alles kostenlos. Im Gegenzug konnte Netze BW das Ladeverhalten studieren und verschiedene Methoden prüfen. Die Teilnehmer blieben über Apps auf dem Laufenden. Am Ende seien sie so überzeugt gewesen, dass EnBW zufolge neun der zehn Haushalte die Wandladestation nach Abschluss des Tests behalten wollen. Die meisten überlegten nun, ein E-Auto zu leasen.

Für die großen Autohersteller, die Milliarden in die E-Mobilität investieren, sind das gute Nachrichten. Volkswagen und Daimler haben sich bislang vor allem für Schnellladestationen starkgemacht, die im öffentlichen Raum besonders für Reisen über lange Strecken bereitstehen müssen. BMW spricht sich aber ebenso für eine enge Zusammenarbeit mit örtlichen Stromnetzbetreibern aus. Denn die meiste Zeit stehen Autos zuhause bei ihren Besitzern oder an deren Arbeitsplatz - so dass es Sinn macht, die Mehrzahl der Ladevorgänge auch hier abzuwickeln.

"Die Zusammenarbeit mit den Stromnetzen und wie die E-Autos mit dem Netz interagieren ist ein Schlüssel, um die E-Mobilität breitenfähig zu machen", erklärt ein BMW-Sprecher. "Die Intelligenz ist schon in den Autos drin, aber es wird noch mehr Datenaustausch zwischen Netz und Auto geben."

Quelle: Vera Eckert, rts

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