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Volvos sportlich-grüne Ecke Muss es ein V60 Polestar Engineered sein?

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Der Volvo V60 T8 Polestar Engineered ist ein Performer, der ab kommenden Jahr eingebremst wird.

(Foto: Holger Preiss)

Polestar steht bei Volvo seit Urzeiten für die sportliche Seite der Marke. Das gilt auch im Zuge der Elektrifizierung der Marke. Und dennoch muss man ab kommenden Jahr Abstriche machen. Und das ausgerechnet bei den Topmodellen.

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Polestar hat dem V60 T8 alles an die Hand gegeben, was einen echten Sportler aus dem Kombi macht.

(Foto: Holger Preiss)

Das Konzept zu verstehen, das Volvo mit seinen Polestar-Modellen verfolgt, ist nicht ganz einfach. Zum einen verkörpert die vom ehemaligen Designer der Marke, Thomas Ingenlath, geleitete Sportwagenschmiede weiterhin die dynamischste Seite der Schweden, zum anderen ist sie das grüne Gewissen und das Aushängeschild der unausweichlichen vollständigen Elektrifizierung von Volvo. Ein Spagat, bei dem der Betrachter schon beim Ansehen der Übung das Gesicht vor Schmerz verziehen muss.

Ein echter Sportler

Vor allem dann, wenn man die neuesten Aufbauten des einstigen Tuners aus Göteborg fahren darf, den Volvo V60 T8 Polestar Engineered. Unter der langen Haube arbeitet der bekannte Vierzylinder. Allerdings ist der mit einem Elektromotor verbandelt, der den Wagen in einen Plug-in-Hybrid verwandelt. Während der Verbrenner mit Kompressor- und Turboaufladung 318 PS aus zwei Litern Hubraum leistet, steuert der Elektromotor an der Hinterachse weitere 87 Pferde bei. Das wiederum bedeutet, dass die Schweden die Systemleistung mit 405 PS angeben, auf ein maximales Drehmoment von 670 Newtonmetern verweisen und den Sprint aus dem Stand auf Tempo 100 mit 4,6 Sekunden angeben.

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Noch kann der Volvo V60 T8 Polestar Engineered bis zu 250 km/h schnell werden.

(Foto: Holger Preiss)

Und was soll der Autor sagen: es stimmt! Der zwei Tonnen schwere Schwede ballert auf Anfrage des Gasfußes und unterstützt durch Batterie und E-Antrieb los, als gäbe es kein Morgen, während der Schaltautomat die Gänge über acht Stufen unmerklich nach oben schiebt und die Tachonadel sich auf freier Strecke unaufhaltsam in Richtung 250 bewegt. Der Sportfahrer frohlockt, denn auch die Öhlins-Stoßdämpfer - Motorradfahrer wissen, das ist was ganz Feines - versetzt den Renn-Schweden in die Lage, Kurven mit Schmackes zu nehmen. Last- und Lenkwechsel werden damit, der sehr direkten Lenkung und einer 19 Zoll großen Bremsanlage mit goldlackierten Sechs-Kolben-Bremssätteln von Brembo zum Kinderspiel.

In erster Linie ein Alltagsauto

Also, eigentlich schreit alles an einem Volvo V60 T8 Polestar Engineered nach Sport, nach exzessiven Kurvenfahrten und vielleicht sogar nach dem Rundkurs. Aber spätestens wenn der Vortrieb für die Modelle des kommenden Jahres bei 180 km/h ihr jähes Ende findet, fängt der Pilot an zu zweifeln. Bei deutschen Premiumherstellern laufen Autos dieses Kalibers eben weiter bis Tempo 250, bevor die Elektronik abregelt. Stellt sich also die Frage, warum der Schwede in Zukunft vorher den reglementierenden Anker wirft? Eric Olsson aus der Entwicklungsabteilung von Polestar erklärt es so: "Wir wollten zwar ein sportliches Auto machen, aber es nicht für den Rundkurs applizieren. Der V60 T8 ist wie der XC60 T8, auch wenn er von Polestar überarbeitet wurde, in erster Linie ein Alltagsauto. Deshalb haben wir die Testfahrten auch auf Straßen in Schweden, England und Deutschland durchgeführt."

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Die zwei schwarzen Dreiecke auf weißem Grund wiesen den Volvo V60 als Polestar aus.

(Foto: Holger Preiss)

Klar - in England und Schweden steht gar nicht die Frage nach der Höchstgeschwindigkeit, in Deutschland schon. Noch jedenfalls, denn interessant war von Olsson zu hören, dass die Fahrten über 200 km/h auf der deutschen Autobahn ihn "schon etwas ängstlich gemacht haben". Das sind eben Geschwindigkeiten, die man in Schweden nur auf der Rennstrecke fährt und nicht im normalen Straßenverkehr. Doch während die Polestar-Modelle mit Verbrenner ab 2020 unter die selbst auferlegte Tempobeschränkung fallen, dürfen die zu erwartenden reinen Elektriker der Volvo-Submarke ihr Potenzial weiter ausfahren.

Verschwiegen durch die Heide

Während also der ohnehin entschleunigte Autofahrer in Schweden, England oder Frankreich nicht mal im Ansatz darüber nachdenkt, dass er hier mit unglaublicher Pferdestärke bereits im Vorspann des Films eingebremst wird, könnte sich der deutsche Performer ernsthaft die Frage stellen, warum er ein solches Auto wie den V60 T8 mit Polestar-Genen zu einem Preis von knapp 70.000 Euro kaufen sollte. Und hier sind die Kreuze in der Optionsliste noch gar nicht einberechnet, die den Testwagen locker auf 83.000 Euro wuppen. Für dieses Geld offerieren andere Hersteller Performance-Cars, die dem Fahrer auch in Zukunft keine Beschränkungen auferlegen.

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Den T8 Polestar Engineered gibt es auch als XC60.

(Foto: Volvo)

Doch mit Blick auf den Volvo darf nicht vergessen werden, dass es sich um einen Plug-in-Hybrid handelt. Und der kann bekanntermaßen auch ganz verschwiegen elektrisch durch die Heide huschen. Die Reichweite im Stromer-Modus gibt Volvo im Datenblatt mit 50 Kilometern an, die Elektronik im Fahrzeug beschränkt sich bei vollem Akku auf maximal 37 Kilometer. Den Energieeinsatz bestimmt auf Wunsch das Fahrprogramm "Hybrid für die alltägliche Nutzung". Was nichts anderes heißt, als dass im unteren Geschwindigkeitsbereich und bis maximal 125 km/h rein elektrisch gefahren wird. Benötigt der Verbrenner beim schnellen Antritt Unterstützung, steht der vom Akku gespeiste E-Motor bereit.

Der verbraucht trotzdem

Das alles frisst - und das ist nicht nur bei Volvo so - bauartbedingt Strom. Ergo ist der Akku bei schneller Fahrt ebenso rasch entleert wie der 60 Liter fassende Tank. Denn der Benzinverbrauch steigt bei einem so potenten Triebwerk wie dem im T8 locker an die 9,9 Liter über 100 Kilometer. Im XC60 T8 ist das übrigens noch deutlicher zu spüren. Hier liegt der Verbrauch dann schnell bei 13 Litern. Das wäre auch alles gar nicht der Rede wert, wenn man den T8 als das anbieten würde, was er früher war: ein von Polestar aufgebretzelter Volvo mit allen sportlichen Freiheiten. Für die gilt - und das mag man mögen oder nicht: Wenn man sie schnell fährt, verbrauchen sie eben schnell viel Sprit.

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An der richtigen Ladestation ist der Akku in drei Stunden wieder voll.

(Foto: Volvo)

Nun gut, wie dem auch sei: Volvo sortiert den T8 in eine sportlich-grüne Ecke ein und möchte Leute für diese Autos begeistern, die in der Stadt mit dem E-Motor emissionsfrei unterwegs sind, den sportlichen Antritt des doppelten Lottchens genießen und am Ende auch nicht traurig sind, wenn sie ab 2020 nicht schneller als mit Tempo 180 unterwegs sind. Immer unter der Maßgabe, dass es auch auf deutschen Autobahnen kaum noch möglich ist, so schnell zu fahren. Aber wozu brauche ich dann, fragt sich der Autor und vielleicht der eine oder andere Leser, die teuren Komponenten für Fahrwerk, Bremsen, Lenkung und eine Domstrebe für die Steifigkeit, wenn ich das alles nie wirklich ausfahren kann? Reicht mir dann nicht ein ganz "normaler" V60 oder XC60?

Reicht vielleicht ein Mild-Hybride?

Auf jeden Fall, denn sukzessive werden alle Volvo-Modelle als Mild-Hybride angeboten, also mit 48-Volt-Technologie. Hier unterstützt der E-Motor den Verbrenner in unterschiedlichen Fahrsituationen, beispielsweise beim Anfahren. Gleichzeitig wird Bremsenergie rekuperiert und in der 48-Volt-Batterie gespeichert, um dann als zusätzliche Kraft beim Beschleunigen zur Verfügung zu stehen. Den XC60 Mild-Hybrid gibt es übrigens schon für schlanke 52.900 Euro als T4 mit Vierzylinder und 190 PS. Natürlich sind auch hier noch nicht alle Begehrlichkeiten in das Auto konfiguriert, die die Schweden so anbieten.

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Im Inneren unterscheiden sich die Polestar-Modelle durch den kleinen Gangwahlhebel, der die Shift-by-Wire-Technik steuert.

(Foto: Vovo)

Ach und noch was: Der Kenner der schwedischen Nomenklatur wird sich fragen, was denn der Unterschied zwischen einem V60 T8 und einem V60 T8 Polestar Engineered ist. Ganz einfach: die oben angeführten Performance-Bestandteile und 15 PS mehr. Alles andere, wie die 11,6 kWh starke Hochvolt-Batterie, die aus 96 Lithium-Ionen-Zellen besteht, die an der Haushaltssteckdose in 8 und an der Ladesäule mit 16 Ampere in drei Stunden aufgeladen ist, der Antriebsstrang, die Achtgang-Automatik oder die Möglichkeit, im Drive-Modus "Save Energie" für mindestens 15 elektrische Kilometer zu sparen, haben auch die herkömmlichen V60 T6 und T8-Modelle. Und die kosten, mit 340 oder 390 PS, ab 59.200 oder 62.200 Euro.

Quelle: n-tv.de