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Offen durch die Welt Zeitenwandel beim 911 Carrera Cabrio

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Das Porsche 911 Cabrio ist längst ein Klassiker.

(Foto: Patrick Broich)

Der Sommer zeigt sich von der Cabrio-Seite. Und so kann man eine Brise frische Luft im 35 Jahre alten Porsche 911 Cabrio genießen oder bei entsprechendem Budget auch in der offenen Variante des aktuellen 992. Aber wer bietet mehr Spaß?

Ja, wir waren schon einmal so weit. Also so weit, dass das hier besprochene klassische 911 Cabrio schon mit Katalysator fährt. Als 1985er Modell gehört es zu den recht späten Exemplaren der ab 1973 gebauten Faltenbalg-Modelle mit den berühmten beulenresistenten Stoßstangen. Allerdings muss man der Ehrlichkeit halber erwähnen, dass der Wagen ansonst schon zu seiner Zeit technisch gnadenlos veraltet war. Dennoch, für einen spaßigen Trip ins Blaue tagt er allemal.

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Bereits 1985 fährt der 911 mit Katalysator vor.

(Foto: Patrick Broich)

Die letzten Elfer der zweiten Serie, im Volksmund "G-Modell" (obwohl das so auch wieder nicht stimmt, denn es trifft nur auf die frühen Exemplare zu), schwingen sich noch einmal zur Höchstform auf, bevor die Baureihe abdanken muss. Der Hubraum ist inzwischen bei 3,2 Litern angekommen, die Techniker haben dem alten, luftgekühlten Boxer eine elektronische Bosch-Einspritzung verpasst, und es gibt eben nun auch den schon erwähnten Katalysator. Performance-Freunde warnen, dass das von 231 PS auf 207 PS reduzierte Triebwerk, den typischen Biss vermissen lasse. Den Tester macht diese Aussage aber erst recht neugierig auf den frühen Kat-911er.

Früher war nicht alles besser

Doch gemach, erst das Verdeck herunterlassen und die Persenning drauffriemeln, bevor der Boxer per Schlüssel - natürlich auf der linken Seite - erweckt wird. Kurz orgeln lassen, dann ist er am Start. Entsendet seinen sonoren Gesang und klingt auch ohne blechernen Resonanzkörper so unverkennbar, wie ein alter 911 nun eben so klingt. Der erste Gang rastet nur widerwillig ein, die Kupplung geht stramm: Früher war eben nicht alles besser. Jetzt aber los, die Landstraße wartet.

Der große Drehzahlmesser in der Mitte dient als Kontrollinstanz, den kalten Motor noch nicht zu fordern. Nach ein paar Kilometern und dem Entkommen aus dem städtischen Gewusel darf er das erste Mal drehen. Doch irgendwie haben sich die Maßstäbe verschoben – wenn ein Auto früher durch den Katalysator rund 20 PS verlor, brach eine Welt zusammen. Heute geht es eher in Einhundert-PS-Schritten nach oben und über damalige Werte schmunzelt man nur noch. Langsam ist der vergangene Elfer nicht, beschleunigt sogar sehr druckvoll. Er kann es also noch. Die menschliche Fracht wird sanft in die etwas patinierten Ledersessel geschoben, wenn der Tourenzähler den oberen Bereich der Skala erklimmt.

Der Neue ist ein Cruiser

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Das analoge Instrumenten-Ensemble hatte schon was beim 1985er Porsche 911.

(Foto: Patrick Broich)

Apropos! Der Drehzahlmesser ist ein guter Aufhänger, mal kurz auf das neuzeitliche Modell zu gucken. Auch hier prangt er noch analog in der Mitte des Kombiinstrumentes und das seh präsent. Irgendwie cool. Jetzt muss auch beim offenen Elfer-Kollegen des Jahrgangs 2020 der Soundcheck her. Da die EU inzwischen fleißig reglementiert, fährt ein in Teillast daherschlendernder 992 tonal ungefähr auf Golf 8-Niveau. Das ist fast schon ein bisschen enttäuschend, aber zum Glück ändert sich das Klangbild mit steigender Drehzahl, dann entwickelt auch der 992 Elfer-Timbre – von wegen, die Wassergekühlten können keinen Sound.

Interessant ist, dass der Neuzeit-Porsche insbesondere als Cabrio gar nicht unbedingt zum schnellen Fahren animiert, obwohl er das vor allem in der 450 PS starken S-Variante richtig gut kann. Ob die Zielgruppe wohl so alt geworden ist, dass der Restkomfort etwas üppiger ausfällt? Jedenfalls lädt der mit Achtgang-Doppelkuppler ausgerüstete 992 zum Cruisen ein, federt kommod und setzt die beiden Passagiere sogar bei heruntergelassenen Scheiben keinem allzu gewaltigen Fahrtwind aus.

Die Welt in Zeitlupe

Aber irgendwie kann das doch nicht sein, ein Elfer darf doch nicht so weichgespült sein. Also, geben wir dem Dreiliter-Turbo mal Feuer, Drosselklappen bitte weiträumig öffnen. Jetzt erwacht der anfangs so zahm wirkende Boxer und verpasst der inzwischen 1,6 Tonnen wiegenden Karosse einen mächtigen Tritt. Keine vier Sekunden vergehen bis Tempo 100, kaum 13 bis 200. Das sind schon andere Dimensionen, dagegen wirkt beim historischen Elfer alles, als laufe die Welt in Zeitlupe.

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Auch beim neuen Porsche 911 (992) ist der Drehzahlmesser analog.

(Foto: Patrick Broich)

Aber die Frage ist am Ende doch, welcher Porsche mehr Spaß macht. Ein bisschen werden die schlechteren Fahrleistungen des 85ers durch den innen heftiger tobenden Wind kompensiert – und der Motor ist auch in der Teillast eher präsent. Im Faltenbalg ist das Fahren noch mehr Arbeit, während es im 992 fast beiläufig geschieht, außer, man will bewusst schnell fahren – dann wendet sich das Blatt. Doch Kunden, die Rundenrekorde aufstellen wollen, dürften um die offenen Varianten ohnehin eher einen Bogen machen.

Beim Preis ist die Entscheidung klar

Als Cruiser ist der 992 also wunderbar geeignet und dank seiner zwei Gesichter ziemlich multifunktional. Außerdem ist er ein rollender Computer mit geradezu verschwenderischer Displayfläche für das ganze Infotainment. Aber auch die Hardware ist beinahe angsteinflößend technisiert: Er lenkt mit der Hinterachse, gleicht Wank- und Nickbewegungen aus und kann so programmiert werden, dass das hydraulische Liftsystem an vorher definierten Orten den Vorderwagen anhebt, um besser über Temposchwellen zu gelangen. Was da alles kaputtgehen könnte.

So etwas dürfte für nicht wenige Alt-Porschefans Firlefanz sein, sie sehen schon den Katalysator und die Bosch-Motronic im alten Elfer kritisch und feiern dort lieber die in der Preisliste genannten Features wie Make-up-Spiegel und Quarzzeituhr. Immerhin, Klangfarbe, Grundform und der prägnante Drehzahlmesser in der Mitte sind auch beim neuen Porsche 911 geblieben und lassen ihn authentisch wirken. Kostenpunkt 136.102 Euro in der Grundausstattung. Die guten, puren Faltenbalg-Cabrios gibt es schon für etwas mehr als ein Drittel dieses Preises.

Quelle: ntv.de, Patrick Broich, sp-x