Praxistest

Stärkster Koreaner im Praxistest Kia Stinger - der Stachel im Premium-Fleisch

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Der Stinger ist momentan die jugendlichste Art, ein Sport-Coupé zu bauen.

(Foto: Holger Preiss)

Mit dem Stinger hat Kia im Januar 2017 in Detroit ein Zeichen gesetzt. Jetzt ist das Sport-Coupé auf dem Markt und sorgt für einige Aufmerksamkeit auf der Straße. Aber kann der Koreaner auch fahrtechnisch im Praxistest auf n-tv.de überzeugen?

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Kraftvoller kann das Heck eines Sport-Coupés nicht gezeichnet sein.

(Foto: Holger Preiss)

Wenn man sich den Automarkt so anguckt, dann sind es vor allem SUV, die die Kunden zum Kauf animieren. Kein Hersteller, der nicht mindestens zwei bis drei der Hochbeiner in seinem Portfolio hat. Doch neben den Kraxlern erleben gerade sportliche Coupés eine Renaissance. Bei den Premiumherstellern waren sie ohnehin immer ein Aushängeschild und ein Spiegel für im Rennsport Erreichtes. Allerdings lässt man sich ein solches Auto auch fürstlich bezahlen. Umso erfreulicher ist der Umstand, wenn ein asiatischer Hersteller sich traut, einen solchen Boliden für verhältnismäßig kleines Geld anzubieten. Ja, Kia hat mit dem Stinger augenscheinlich einen Stachel ins Fleisch der Premium-Coupés getrieben.

Der muss sich nicht verstecken

Bereits vor über einem Jahr war der in Frankfurt entworfene Kia Stinger das Highlight der North American International Auto Show in Detroit. Niemals zuvor hatten die Südkoreaner ein solch verwegen gezeichnetes Fahrzeug auf eine Messebühne gestellt. Vielversprechende Studien hatte es bereits gegeben, aber das, was sich am Ende daraus entwickelte, war eher enttäuschend. Bestes Beispiel ist der Optima. Anders beim Stinger. Der Wagen ist ein gelungenes viertüriges Sport-Coupé, das sich nicht verstecken muss. Allerdings gab es den Stinger auch nicht von heute auf morgen. Bereits 2011 hatte Chefdesigner Peter Schreyer auf der IAA die GT-Studie vorgestellt. Erst sechs Jahre später kam der Wagen auf dem Markt.

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Der 3,3-Liter-V6 mit 370 PS ist etwas durstig, aber ein echter Spaßmacher.

(Foto: Holger Preiss)

Geschadet hat ihm das nicht, denn neben einer ansprechenden Optik verlangt ein ernst zu nehmendes Coupé auch nach einem entsprechenden Antrieb. Und mit dem taten sich die Südkoreaner bis dato schwer. Erst mit dem Einkauf von Albert Biermann, dem ehemalige Motoren-Chef der M GmbH von BMW, war der Mann gefunden, der das zweifelsohne vorhandene Know-how so bündeln konnte, dass ein Triebwerk wie das im Topmodell entstehen konnte. Den 3.3 T-GDI AWD GT beseelt nämlich ein V6 mit variabler Ventileinstellung und einem Twin-Turbolader. Ab 6000 Kurbelwellenumdrehungen stehen 370 PS zur Verfügung, die 510 Newtonmeter maximales Drehmoment liegen hingegen bereits von 1300 bis 4500 Umdrehungen an.

Wenn die Konkurrenz im Rückspiegel verschwindet

Das Kräftespiel wird an dieser Stelle so ausführlich erwähnt, weil es tatsächlich spürbar ist und durch eine von Kia selbst entwickelte Achtgangautomatik mit Drehmomentwandler und Fliehkraftpendel zur Freude des Autors ohne Verzug an alle vier Räder verteilt wird. Einzig das kurze Zucken, das benötigt wird, um den nächsten Gang einzulegen und den Kopf mit Nachdruck an die Kopfstütze der Sportsitze schnippen lässt, ist spürbar. Sportlicher geht ein Antritt kaum. In Summe benötigt der so motorisierte Stinger keine fünf Sekunden, um sich auf Landstraßentempo zu beschleunigen. Wer jetzt den Fuß auf dem Gaspedal lässt, der wird locker über die 200-km/h-Marke fliegen. Auch die 250 ist kein Problem. Lediglich die Höchstgeschwindigkeit von 270 km/h ließ sich nicht erreichen. Beim Testwagen war bei Tempo 264 Schluss. Ein zu vernachlässigender Umstand, denn die abgeregelte Konkurrenz verschwand ohnehin gerade im Rückspiegel.

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Bequem und sportlich zugleich: die belüfteten und beheizbaren Sitze des Kia Stinger.

(Foto: Holger Preiss)

Erreichen lässt sich dieser dynamische Antritt am besten, wenn der Fahrmodischalter auf Sport oder noch verschärfter auf Sport Plus gedreht wird. In letztgenannter Stellung wird der Eingriff des ESP weit, sehr weit nach hinten verschoben. Zudem verfügt der V6 über eine Launch Control. Mit ihr wird das elektronische Stabilitätsprogramm im Moment des dynamischen Starts für einen Augenblick lahmgelegt und die Kraft linear an alle vier Räder geleitet. Zum Stehen bringt den Stinger übrigens eine Hochleistungsbremsanlage von Brembo. Zudem ist der GT serienmäßig mit einem adaptiven Fahrwerk ausgestattet, das ebenfalls seinen Teil zum sportlichen Fahrspaß beiträgt. Da die Spreizung zugunsten der Langlaufqualitäten zwischen Comfort und Sport recht groß ist, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass bei einem flotten Ritt durch die Kehre letztgenannte Wahl getroffen wurde. Andernfalls geht der 4,83 Meter lange Stinger bei Kurvenfahrten um die 200 km/h doch spürbar in die Knie. Er wird aber - und das muss erwähnt werden - dabei nicht instabil oder fängt zu zappeln an. Dafür sorgt auch eine wunderbar direkte Lenkung mit ausgezeichneter Rückmeldung. Unschön ist hingegen, dass das brillante Head-up-Display ab 170 km/h in der Scheibe das große Zittern bekommt. Hier scheint der Projektor oberhalb des Dashboards doch mächtig in Schwingungen zu geraten. Das ist ebenso unangenehm wie das Klappern in den Türen, wenn es über Kopfsteinpflaster geht.

Etwas durstig, aber all inclusive

Und noch etwas: Wer den Fuß nicht vom Gas bekommt, muss auch mit einem ordentlichen Verbrauch leben. Bis zu 19 Liter verwandeln sich dann über 100 Kilometer schon mal in Rauch. Das ist übrigens dann noch ein Kritikpunkt: Selbst bei sehr zurückhaltender Fahrweise ließ sich der nicht nur toll zu fahrende, sondern auch wunderbar kernig klingende V6 nicht unter 12 Liter zwingen. Auch dann nicht. wenn Fahrprogramme wie Eco oder Smart bemüht wurden. Wobei sich der Sinn des Letztgenannten ohnehin nicht erschloss. Auch das Bordbuch konnte hier keine Klärung bringen. Für den Tester schien sich das Programm auf die visuelle Information der Fahrweise und eine Reduzierung der Kraftabgabe zu beschränken. Machte sich bei lästigem Stop-and-Go in der Stadt ganz gut, brachte aber am Ende auch keine nennenswerte Verbrauchsreduzierung. Am Ende des Tests standen 13,9 Liter auf der Uhr. Allerdings lässt sich mit diesem Verbrauch in zweierlei Hinsicht leben: Zum einen verlangt der Fahrspaß, den man mit diesem Auto haben kann, ganz einfach Treibstoff, zum anderen kann der V6 von Sparfüchsen sogar mit E10 betankt werden.

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Klar und funktional: das Cockpit des Kia Stinger.

(Foto: Holger Preiss)

Und da wir gerade bei Sparfüchsen sind: Den Kia Stinger gibt es in der hier beschriebenen Motorisierung für sage und schreibe 54.900 Euro. Darin enthalten ist aber nicht nur der wirklich tolle V6, ein adaptives Fahrwerk, ein Sportlenkrad oder die beheizbaren und zu belüftenden elektrischen und gleichsam bequemen Sportsitze mit einstellbaren Seitenwangen, sondern auch sämtliche im Moment in Fahrzeugen der Oberklasse verfügbaren adaptiven Assistenten zum Spurhalten, -wechsel, Tempomat mit Stauassistent, Lenkassistent, Notbremsassistent, Querverkehrswarner und Totwinkelwarner. Letztgenannter zeigt Fahrzeuge übrigens nicht nur im Seitenspiegel an, sondern auch im Head-up-Display, das ebenfalls nicht extra bezahlt werden muss. Und das Beste ist: Alles funktioniert zur vollsten Zufriedenheit des Autors. Der automatische Bremseingriff ist, wo er bei anderen Herstellern eher ruppig daherkommt, sehr sanft und auch der Lenkeingriff geschieht in kleinen, fast unmerklichen Bewegungen. Allerdings sollte man spätestens ab Tempo 180 die Lenkung selbst übernehmen, weil die Automatik, die bis Tempo 200 arbeitet, dann doch etwas zappelig wird.

Ein Schnäppchen mit Niveau

Nichtsdestotrotz ist an dieser Stelle der Punkt gekommen, wo man die Premium-Mitbewerber - die der Stinger sicher im Blick hat - Revue passieren lässt. Wer hier ein Fahrzeug sucht, findet es in einem Audi A5 Sportback, einem BMW 6er Coupé oder im Mercedes CLS zweifelsohne, darf sich aber bei ähnlicher Ausstattung mit Preisen von 70.000 bis 100.000 Euro anfreunden. Nun mögen die verwöhnten Premium-Kunden bemängeln, dass der Kia ja kein volldigitales Cockpit hat. Nee, hat er nicht. Zwei analoge Rundinstrumente versorgen den Fahrer mit Daten zur Geschwindigkeit und zu den Drehzahlen. Allerdings kann er sich die auch digital in der Matrix anzeigen lassen oder im Head-up-Display. Ja, selbst die G-Kräfte werden auf Wunsch für den Stinger-Pilot sichtbar. Hinzu kommt ein ansprechendes Ambiente, in dem keine billige Plastik zu finden ist, und ein mit Alcantara bespannter Himmel.

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490 Liter Stauraum gibt es. Schön wäre, wenn sich die Matte an der Rücklehne nicht verkrumpeln würde.

(Foto: Holger Preiss)

Über das 8 Zoll große Display, das sich über der Mittelkonsole aufbaut, der Fahrer hat sieben Jahre lang ständig aktualisierte Navigationsdaten, das Smartphone lässt sich über Apple CarPlay oder Android Auto spiegeln, der Radioempfang ist digital und zusätzlich gibt es eine Bluetooth-Freisprecheinrichtung und ein Soundsystem von Harman-Kardon. Natürlich gibt es auch ein Ladefeld zum induktiven Befüllen des Smartphone-Akkus, wenn das nicht möglich ist, USB-Anschlüsse in Front und Heck. Und noch einmal: All das ist im Preis von 54.900 Euro bereits enthalten. Natürlich hat der Stinger auch einen Kofferraum, mit einem Ladevolumen von 490 Litern. Das ist nicht üppig und hoch bauen kann man ob der Coupé-Linie auch nicht, reicht aber für das Reisegepäck von vier Personen aus. Wer in der zweiten Reihe halbwegs bequem sitzen möchte, sollte die 1,80 Meter nicht überschreiten. Denn trotz der Tatsache, dass die Fondpassagiere tief in die Sitzbank plumpsen, reibt der Kopf doch an der Dachlinie. Hinzu kommt, dass Kia den Vordersitz so verkleidet hat, dass die Füße nicht unter das Polster geschoben werden können. Ein Umstand, der vor allem dann für Unwohlsein sorgt, wenn der Fahrer Gardemaß hat.

Fazit: Sollte es Menschen gelingen, ihren Dünkel der Marke Kia gegenüber abzulegen, dann werden sie mit dem Stinger – jedenfalls in der GT-Version und mit dem potenten V6 – ein Fahrzeug bekommen, das sich mit der deutschen Premium-Konkurrenz ohne Weiteres messen kann. Das Ganze wurde in ein Paket geschnürt, das es genau dort nicht mal im Ansatz gibt. Dazu gehört das oben Genannte ebenso wie der Umstand, dass Kia auch für sein Flaggschiff sieben Jahre Garantie bietet. Das sollte auch den im Vergleich zu den Mittbewerbern geringeren Restwert wieder wettmachen. In jedem Fall sollte, wer sich für ein Coupé in dieser Klasse interessiert, eine Probefahrt mit dem Stinger machen. Nur um zu sehen, wo die Reise noch hingehen kann.

DATENBLATTKia Stinger GT 3.3 T-GDI AWD
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,83 / 1,87 / 1,40 m
Radstand2,90 m
Leergewicht (DIN)1909 - 1971 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen490 Liter
MotorV6-Zylinder mit 3342 ccm Hubraum
Getriebe8-Gang-Automatik
Systemleistung Verbrennungs- und E-Motor370 PS (272 kW)
KraftstoffartBenzin
AntriebAllradantrieb permanent
Höchstgeschwindigkeit270 km/h
Tankvolumen60 Liter
max. Drehmoment (Systemleistung)510 Nm bei 1300 - 4500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h4,9 Sekunden
Normverbrauch (innerorts, außerorts, kombiniert)14,2 / 8,5 / 10,6 Liter
Testverbrauch (kombiniert)13,9 Liter
CO2-Emission kombiniert244 g/km /EU6
Grundpreis54.900 Euro
Preis des Testwagens57.249 Euro

Quelle: n-tv.de

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