Praxistest

Schneller Knauser Seat Leon - Golf für die Sport-Spar-Fraktion

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Scharf geschnitten steht der spanische Golf in Form des Seat Leon FR da.

(Foto: Holger Preiss)

Golf fahren ist langweilig? Nicht schlimm, es gibt ja die Möglichkeit, auf andere Modelle mit gleichen Genen auszuweichen. Jetzt ist auch der neue Seat Leon am Start. Da ist optisch mehr Würze drin und unterm Blech der Golf 8. Das hat Vor-, aber auch Nachteile.

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Die zwei Endrohrverblendungen sehen nicht nur gut aus. Aus ihnen knurrt der Seat Leon FR auch wie ein Großer.

(Foto: Holger Preiss)

Wer es sportlich mag, wird sich nicht mit einem Golf abgeben. Höchstens mit einem GTI. Aber selbst der verhindert nicht, dass man mit der auch beim Golf 8 sehr gefälligen Optik unterwegs ist. Wer es hier etwas schärfer mag, aber dennoch das gesamte technische Angebot aus Wolfsburg erfahren möchte, kann das mit dem Seat Leon machen.

Allein wenn man vor dem spanischen Bruder des Golf steht, ist es, als würde man Kartoffeln und Quark mit einer scharf gewürzten Paella vergleichen. Während das deutsche Original kaum Kanten im Blech hat, sieht der Spanier aus, als hätte ein Samurai ihn bei seinen Übungen mit dem Katana geschnitzt. Und Seat setzt noch eins darauf, wenn man die Ausstattungslinie FR bestellt. Die steht nämlich für optisch ungestüme Sportlichkeit.

Der Treibsatz macht den Unterschied

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Scharf geschnitten: die Seitenansicht des Seat Leon FR.

(Foto: Holger Preiss)

Mit den im Konfigurator angegebenen 24.080 Euro ist dann aber noch lange nicht alles bezahlt. Das, was es für den sportlichen Ausritt braucht, ist aber auf jeden Fall dabei: 17-Zoll-Felgen, Außenspiegel in Cosmo-Grau, Voll-LED-Licht an Front und Heck, ein digitales Cockpit, schlüsselloser Zugang, Startknopf und vier Fahrprofile. Straff abgestimmt ist der Spanier ohnehin, sodass dem rasanten Kurvenlauf in Verbindung mit einer präzise arbeitenden Lenkung keine Grenzen gesetzt sind. Wird es doch mal eng, greifen die Regelsysteme helfend ein.

Allerdings bedarf es für den sportlichen Ritt auch des richtigen Treibsatzes. Und genau den gibt es für den oben genannten Preis noch nicht. Wer hier richtig vom Leder ziehen will, ohne gleich an die kommende Power-Ausführung eines Cupra Leon mit über 300 PS zu denken, der landet mit Sicherheit beim 1,5 eTSI mit 150 PS für 29.050 Euro. Moment, sagt der Kenner, den Motor gibt es doch auch für 26.570 Euro. Das ist nur bedingt richtig, denn hier macht das e den Unterschied. Das steht nämlich für einen Mildehybrid. Was nichts anderes heißt, als dass der 1,5-Liter-Benziner an einen 48-Volt-Riemen-Startergenerator und eine 48-Volt-Lithium-Ionen-Batterie gekoppelt ist.

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Der 1.5 eTSI mit 48-Volt-Technik ist eine Empfehlung für den Seat Leon.

(Foto: Holger Preiss)

Diese Kombination sorgt unter anderem dafür, dass mit abgeschaltetem Motor gesegelt werden kann. Heißt, Motor und Getriebe werden für diese Zeit voneinander getrennt. Das ist also so, als würde man bei einem Handschalter die Kupplung treten und den Wagen einfach rollen lassen. Das hilft natürlich nicht, wenn man den Leon sportlich bewegen will, spart aber auf jeden Fall einiges an Sprit. Gemessen wurden im ntv.de-Test knapp über sieben Liter. Sportlich wird es hingegen, wenn der Riemen-Startergenerator das Antriebsmoment erhöht, also als Booster fungiert.

Ab 180 km/h bitte ohne Spurhalter

Wer den Pin mit Schmackes ins Blech bügelt, bekommt nämlich nicht nur den knurrigen Sound des Vierzylinders zu hören, sondern fühlt sich auch angenehm flott auf Landstraßentempo beschleunigt. Nach kaum mehr als acht Sekunden ist die 100-km/h-Marke gefallen. Auch bei Zwischensprints gibt sich der Spanier dank seiner elektrischen Unterstützung keine Blöße und reagiert ansatzlos auf die über den Gasfuß gegebenen Befehle. Apropos, wer den Fuß lange genug auf dem Gaspedal stehen lässt, wird mit dem Spanier laut Datenblatt 221 km/h schnell. Im Test wurden sogar 230 km/h gemessen. Damit ist dann für Tiefflieger auch die linke Autobahnspur auf den freien Abschnitten gesetzt. Allerdings rückt auch der nächste Tankstopp deutlich näher.

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Die Sitze im Seat Leon FR lassen keine Wünsche offen und in der zweiten Reihe gibt's auch ausreichend Platz.

(Foto: Holger Preiss)

Aber Achtung: Spätestens bei 180 km/h sollte der adaptive Spurhalteassistent deaktiviert werden. Zu arg ruckelt der elektronische Helfer hier am Lenkrad, wenn er glaubt, der Fahrer würde zu dicht an eine Außen- oder Innenlinie kommen. Zum einen erschreckt es den bei solchen Geschwindigkeiten konzentrierten Piloten, zum anderen vermittelt es den Fahrern nachfolgender Autos ein ungutes Gefühl, wenn der Wagen vor ihnen bei derartigem Vortrieb hin und her zuckt. Allerdings ist das mit der Deaktivierung leichter gesagt als getan. Gab es früher im Rahmen der Lenkradbedienelemente einen extra Knopf, mit dem der elektronische Lenkeingriff gestoppt werden konnte, muss man sich heute durch die volldigitalen Menüs navigieren, um den entsprechenden Haken zu setzen.

Fluch und Segen

Und genau dieses superstylishe, voll digitalisierte Cockpit macht es dem Spaßfahrer nicht leicht. Denn auch die Fahr-Modi, über die sich Dämpfer, Lenkrad und Gaskennlinie anpassen lassen, müssen über das 10-Zoll-Display gesteuert werden. Klar, man kann sich hier schicke Kacheln anlegen, die jeweils einzelne Menüs beinhalten. Aber dennoch kommt man nicht umhin, will man auf einzelne Feature zugreifen, diese hin- und herzuschieben. Das Gleiche gilt übrigens für den Parkassistenten. Auch für den gab es seinerzeit einen Knopf in der Mittelkonsole.

Nun kann man sich über diesen Umstand im Seat beklagen, muss aber gleichfalls darauf hinweisen, dass es auch im Skoda Octavia und im Golf 8 so zugeht. Während der Fahrt scheint der Fahrer pausenlos genötigt, mit dem Finger in den Menüs zu stochern, um die ihm passende Einstellung zu finden oder aber das Gleiche über die Tasten und Scrollrädchen am Lenkrad und damit im 10,25 Zoll großen Display im Cockpit zu machen. Das ist wie schon gesagt zeitgemäß, lenkt aber mächtig von der eigentlichen Tätigkeit ab.

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Das Cockpit des Seat Leon FR. Zeitgemäß digital, aber nicht in allen Fällen ideal.

(Foto: Holger Preiss)

Nun kann man sich über all das beklagen oder die Vorteile der analogen Reduktion suchen. Der Leon erfreut nämlich durch sein aufgeräumtes Inneres und den daraus entstehenden Platz. Da ist zum Beispiel nur noch ein Gangwahl-Gnubbel, der per Elektroimpuls, also Shift-by-Wire, für die Schaltstufen sorgt. Ein induktives Ladefach gibt es ebenfalls und zwei USB-Anschlüsse vom Typ C. Ein echter Gewinn ist auch die Kopplung des Handys mit dem Multimediasystem über Bluetooth. Genau da, wo man sonst die USB-Verbindung brauchte, kann man jetzt quasi durch die Luft Android Auto oder Apple CarPlay auf dem Monitor spiegeln.

Diese Option ersetzt dann gleich das fahrzeugeigene Navi. Obwohl auch das seine Vorteile hat. Es ist nämlich "intelligent". Weiß, wann die nächste Kurve kommt, bindet Richtgeschwindigkeiten vorausschauend ein oder reduziert das Tempo vor Kurven und Ortschaften. Natürlich nur, solange der Streckenwunsch hinterlegt ist. Leider scheint der Informationsfluss bezüglich einiger Baustellen nicht zu funktionieren. Mehrfach wollte das System während der Testfahrten nicht akzeptieren, dass Straßen gesperrt waren.

Ordentlich Platz, aber wenig Luft

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Der Kofferraum des Seat Leon bietet 380 Liter Stauraum und reicht tief hinab.

(Foto: Holger Preiss)

Ansonsten kann man über das Gesamtpaket nicht klagen. Wer will, kann das Multimediasystem mit dem Ruf "Hola", also Hallo auf Spanisch, zum Kommunizieren bewegen oder sich einfach nur an der Fülle der Assistenten, die allesamt einen ausgezeichneten Job machen, erfreuen. Hier ist man dank Abstandsradar, Tempomat, Kollisionswarner und dem Spurhalteassistenten auf Wunsch sehr entspannt und teilautonom unterwegs. Und weil das besonders auf längeren Strecken von Vorteil ist, werfen wir noch einen Blick in den Kofferraum. Der Fünftürer bietet bei aufrechter Rückbanklehne 380 Liter. Allerdings ist der Kofferraum tief wie der Marianengraben. Dadurch kann mit etwas Geschick mehr Gepäck im Spanier verschwinden, als man auf den ersten Blick glauben möchte.

Eine Kritik sei am Ende aber doch noch gestattet: Wie im Golf 8 und Skoda Octavia wurden auch im Seat Leon die Luftausströmer für den Innenraum verändert. Es gibt nur noch ein Auf oder Zu über die Einstellung der Richtungsschieber. Aber noch unangenehmer ist der Umstand, dass die Düsen in der Mitte des Dashboards unterhalb des Multimediadisplays liegen. Gefühlt erreicht der Luftstrom von da kaum den Kopf, wenn der richtig heiß läuft. Und das geschieht nicht nur bei flotter Kurvenhatz. Der Kompakte neigt nämlich dazu, sich schon bei geringer Sonneneinstrahlung gut aufzuheizen. Um hier Abhilfe zu schaffen, muss die Klimaautomatik dann schon richtig Gas geben oder besser noch der Fahrtwind Einzug halten.

DATENBLATTSeat Leon FR 1.5 eTSI
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,37m/ 1,80 m/ 1,44 m
Radstand2,69 m
Leergewicht (DIN)1361 kg
Sitzplätze5
EmissionsklasseEU 6 DG
Motor/HubraumR4 Benziner mit Turbolader und 1498 Kubikzentimetern Hubraum
Getriebe7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Leistung150 PS (110 kW) bei 5000 - 6000 U/min
KraftstoffartBenzin
Tankinhalt50 Liter
Kofferraum380 Liter
Höchstgeschwindigkeit221 km/h
max. Drehmoment250 Nm bei 1500 - 3500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h8,4 s
Normverbrauch (kombiniert) NEFZ6,1 - 5,8 l
Testverbrauch7,3 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
139 - 133 g/km
Grundpreis29.050 Euro
Preis des Testwagens35.495 Euro

Fazit: Der Seat Leon ist und bleibt der Golf für den jungen oder jung gebliebenen Sportfreund. Obgleich der 1.5 eTSI jetzt kein ausgemachtes Triebwerk für Rennfahrer ist, ergibt sich aus der Gesamtkomposition ein probater Alltagssportler. Dessen Vorteil besteht 48-Volt-Technik auch darin, dass er bei zurückhaltender Fahrweise den einen oder anderen Schluck verweigert. Und selbst der Preis des Testwagens sollte mit 35.495 Euro in Ordnung gehen. Ohne die vielen Extras wären es 29.050 Euro, aber damit auch deutlich weniger Spaß und Entspannung.

Quelle: ntv.de