Leben

One #UnhateWomen Show Angst essen Seele auf

frauentag.jpg

Heute mal ein paar ernste Töne in der Kolumne. Aber keine Angst, das Lesen dauert nur vier Minuten.

(Foto: www.imago-images.de)

Was mir Angst macht? Wir! Denn überall herrscht Angst: Vor Corona, Rappern, dem Tod, dass uns der Himmel auf den Kopf fällt. Dabei ist der Mensch das, wovor man am meisten Angst haben müsste. Am besten wär's, wir pfeifen drauf.

In den letzten Wochen klingt mir ein Satz in den Ohren, den ich zwei Mal von einem Interviewpartner gehört habe. Der Fotograf Olaf Heine sagte ihn - einmal, als ich mit ihm über sein Projekt in Ruanda gesprochen habe und es um den Genozid dort vor 20 Jahren ging, und einmal, als wir über das Kunsthaus Tacheles redeten und seinen gleichnamigen Kurzfilm, den er anlässlich der Veränderungen an diesem Ort gedreht hatte. Heine sagte: "Habt keine Angst." Er meinte damit zum Beispiel, Veränderung als etwas Positives zu sehen oder der Zukunft trotz einer schlimmen Vergangenheit mutig ins Auge zu blicken. In den letzten Wochen habe ich an mir selbst festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist, keine Angst zu haben. Denn sie wird einem an allen Ecken und Enden gemacht - und gerade deswegen trage ich diese drei Worte wie ein Mantra in mir und muss ständig darüber nachdenken, was Angst anrichten kann.

Angst vor: Tod

Es gibt ja durchaus Gründe, momentan in Angst zu verfallen. Der Tod kann Angst machen, ohne Zweifel. Zwei Menschen sind 2020 bereits gestorben, zwei Menschen in meinem weiteren Umfeld, aber doch so nah, dass es mich sehr berührt. Einer mit Ende 20, einer mit Ende 50. Beide plötzlich und unerwartet. Das Leben kann also jederzeit enden. Lebe ich denn so, frage ich mich da unweigerlich, dass es "okay" wäre, wenn ich jetzt plötzlich umkippen würde? Habe ich getan, was getan werden musste? Habe ich getan, was ich tun wollte? Hinterlasse ich nur Müll? Eine Lücke? Oder hinterlasse ich auch Mut und Zuversicht und Schönes?

Angst vor: Sexismus

*Datenschutz

Eine Journalisten-Kollegin wurde kürzlich von einem "Rapper" bedroht, weil sie nicht genehme Fragen stellen wollte. Sie musste sich in einen Hauseingang flüchten und die Polizei rufen. Ja, man könnte der Kollegin anraten: Geh' doch nicht so nah ran an das Böse, Gangsta-Rap war noch nie was für Frauen, strafe ihn besser mit Nichtachtung. Aber ist das die Lösung? Ist das die Lösung, wenn Männer in - von durchaus großen Plattenfirmen publizierten - Songs von sich geben dürfen: "Baller der Alten die Drogen ins Glas, Hauptsache Joe hat seinen Spaß" oder: "Die Bitch muss bügeln, muss sein, wenn nicht gibt's Prügel, muss sein". Ich verzichte gerne darauf, die Urheber dieses deutschen "Liedguts" zu nennen, weil diese "Künstler" ja bereits eine ausreichend große Plattform haben (und wenn nicht, dann kaufen sie sich eben eine Plattform, Digga). Aber hallo, geht's noch, können wir mal runterkommen von dieser verzerrt politisch korrekten Denkweise, dass man alles durchwinken muss, bloß weil wir eine tolerante, liberale Gesellschaft sein wollen? Die sind wir an anderen Stellen doch auch nicht - warum dann bei Songs, die offen frauenverachtend sind, die dazu aufrufen, Frauen (oder andere "Minderheiten") wie den letzten Dreck behandeln zu dürfen?

Und ja, es gibt Frauen, die das mit sich machen lassen, auch wenn man sich fragt, wie das geht. Und man denkt auch: "Ey, du 'Hip-Hopper', du hast doch eine Mutter, eine Schwester! EineTochter?!" Welche Frau hat also so eine Textzeile verdient: "Es ist Kampfgeschrei, was nachts aus unserem Schlafzimmer dringt, weil dank mir in deinem Gleitgel ein paar Glassplitter sind". Mal außen vorgelassen, dass die arme "Bitch" überhaupt Gleitgel braucht (bringt's der Macker nicht?) - warum darf so etwas im Radio laufen?  Warum läuft das auf Spotify, Google Play Music, YouTube und Deezer? Was hat das mit Meinungsfreiheit und Freiheit der "Kunst" zu tun? Das ist Gewalt! Wie wär's mal wieder mit Verstand vor Profit? Der Internationale Frauentag naht, der Hashtag #UnHateWomen ist ganz weit vorne und solange dieser Tag als "Kampftag" deklariert werden muss und Plattenfirmen so tun, als sei Sexismus salonfähig (bloß weil es Sexismus überall gibt, heißt es ja nicht, dass er korrekt ist), stimmt ja was nicht in unserem Land.

Angst vor: Coronavirus

Das allgegenwärtige Coronavirus, das gar nicht so allgegenwärtig ist wie eine normale, tödlich verlaufende Grippe und auch gar nicht so allgegenwärtig ist wie der Tod durch Rechtsextremismus (und auch Linksextremismus, wie der Link zu diesem Video zeigen dürfte) oder der Tod durch Hunger, der in unserer Welt des Überflusses tatsächlich noch immer existiert und nicht nachvollziehbar ist, dieses Virus, das macht uns gerade große Angst. Die Supermarkt-Regale sind leer, weil Menschen Angst haben, nichts mehr abzubekommen. Die, die nichts mehr abbekommen haben, haben jetzt natürlich auch Angst: vor Hunger und vor Klopapierarmut. Eine Spirale der Angst - berechtigt? Notwendig? Keiner weiß was Genaues, aber alle reden drüber, gern laut.

Angst vor: Terroristen an der Macht

Angst kann man auch haben vor den Katastrophen, die in unseren Urlaubsländern abgehen, in der Türkei und in Griechenland: Wir reisen nach Mykonos, während sich auf Lesbos die Hölle auftut. Wir fliegen in die Türkei, um "die Wirtschaft zu unterstützen", is' klar. Und bevor ich jetzt total rundgemacht werde - nein, ich bin keinen Deut besser! Ich will mich gar nicht aufspielen, ich will nur darauf hinweisen, dass es so ist. Dass wir verstehen müssen, dass wir unser gutes Leben auch auf dem schlechten Leben anderer aufbauen, dass wir immer dicker und andere immer dünner werden, hier reich, da arm. Und ja-haa, auch hier gibt's Armut, aber noch müssen wir nicht aus unserem Land fliehen, weil uns irgendein Terrorist, der gerade an der Macht ist, Bomben um die Ohren schmeißt. Da werden Menschen nur wenige Kilometer weiter (in unserer kleiner gewordenen Welt sind 2500 Kilometer nichts!) daran gehindert, sich in Sicherheit zu bringen, sie werden von der Polizei und dem Militär bedrängt, aufgehalten, angeblich sogar auf ihren Gummibooten beschossen. Und wir gucken hier aus der Loge zu, noch einen Prosecco bitte! Wir überlegen, wie wir ein erneutes 2015 verhindern und haben keinen Schimmer, was wir "vor Ort" tun müssten, damit Boote mit Flüchtenden nicht beschossen werden und Kinder nicht abgeführt werden wie Schwerverbrecher. Was mir wirklich Angst macht, sind WIR!

Angst vor: Seelenlosigkeit

Und damit komme ich zu meiner Überschrift: "Angst essen Seele auf" - denn wenn das so ist, wenn die Angst die Seele aufisst, dann haben wir bald keine Seele mehr! Dann sind wir egoistische Roboter mit null Empathie, dann gilt nur noch, sich selbst der Nächste zu sein. Das heißt nicht, dass wir keinen Spaß mehr haben dürfen, dass wir uns nicht um uns selber kümmern sollten, denn nur, wenn wir funktionieren, funktionieren wir auch für andere. Aber wenn wir keine Seele mehr haben, wie es Rainer Werner Fassbinder 1974 in seinem Film beschreibt, dann verlieren wir Stück für Stück alles: Mitgefühl, Liebe, Respekt.

Angst vor: Angst

Also bitte, überwindet euch, habt keine Angst, aufeinander zuzugehen - ihr müsst euch ja nicht gleich um den Hals fallen oder die Hand geben.

Quelle: ntv.de