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Vom Paulus zurück zum Saulus? Die Akte Bushido

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Erwachsen ist anders: Bushido.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nach gescheiterter Saubermann-Karriere geht Bushido wieder auf Rüpel-Kurs. Die kurzfristige Aufmerksamkeit ist ihm dafür gewiss. Doch auf längere Sicht dürften ihn seine Ausfälle im Song "Stress ohne Grund" teuer zu stehen kommen.

Er wird im September 35. Schon frühzeitig ist er ergraut. Jedenfalls kann man an seinen Schläfen bereits die ersten weißen Haare schimmern sehen. Seit vergangenem Jahr ist er verheiratet. Mit Anna-Maria Lagerblom, Schwester einer gewissen Sarah Connor. Und er ist Vater. Kurz nach der Hochzeit inklusive Erdbeertorte in Herzform kam Tochter Aliya zur Welt. Das zweite Kind im Haushalt, nachdem Lagerblom schon einen Sohn aus einer früheren Verbindung mit in die Ehe eingebracht hat.

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Baustelle: Bushidos Villa in Kleinmachnow.

(Foto: picture alliance / dpa)

Noch werden in einer zitronengelb gestrichenen Villa im Berliner Großverdiener-Bezirk Lichterfelde die Windeln gewechselt, der Babybrei gekocht und mit Puppen gespielt. Doch die Familie will umziehen. Aufs Land. Nach Brandenburg, in die beschauliche Biederkeit der 20.000-Seelen-Gemeinde Kleinmachnow. Hier warten ein schlappe 16.000 Quadratmeter großes Grundstück und ein 1000 Quadratmeter Wohnfläche umfassendes Herrenhaus auf das junge Glück. Aber erst einmal muss vom Ersparten renoviert werden. In dieser Zeit haften Eltern auf der Baustelle natürlich für ihre Kinder.

Kurzum: Dieser neureiche Herr wäre an sich ein durchaus geeigneter Kandidat für die "Spießer"-Werbung einer deutschen Bausparkasse. Von einem Leben auf Bordstein-Niveau ist er ungefähr so weit entfernt wie Springmäuse in der tunesischen Wüste von jeder Skyline. Doch der Herr hat ein Problem. Er ist Bushido. Groß geworden ist der kleine Anis Mohamed Youssef Ferchichi, wie er bürgerlich heißt, als sogenannter "Rüpel-Rapper". Zu Bekanntheit, Geld und fetten Karren brachte er es dabei mit zum Teil schwulenfeindlichen, frauenverachtenden und gewaltverherrlichenden Texten. Und mit dem Diebstahl geistigen Eigentums. Dutzendfach klaute er sich seine Musik von anderen zusammen.

"Bu" und "Bushi"

Das kam trotzdem oder gerade deswegen an. Vor allem bei pubertierenden Jungs, die lieber über Schwule und Frauen herziehen, als Pickelcreme aufzutragen. Doch auch das Establishment spielte bereitwillig mit. Die "Bravo" lieferte ihrer Klientel nur allzu gerne Berichte über "Bu" und "Bushi". Nacheinander sackte der Rapper Preise wie den Comet, den Echo und den MTV Award ein. Nach seinen Anfängen beim Szene-Label "Aggro Berlin" fand Bushido rasch bei der Großindustrie neue Unterstützer. Seine Alben wurden erst vom Branchen-Primus Universal vertrieben, mittlerweile bringt sie mit Sony Music die zweitgrößte Plattenfirma der Welt unter das Volk.

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Rüpel-Rapper in Hemd und Anzug: Bushido bei seinem Bundestags-Praktikum 2012.

(Foto: picture alliance / dpa)

2008 machte sich Schlagersänger Karel Gott in einem gemeinsamen Song mit dem Rapper zur Maja. Im selben Jahr veröffentlichte Bushido seine Biografie. Zwei Jahre später kam sie unter dem Titel "Zeiten ändern dich" ins Kino. Mit Hilfe des "Who is who" des deutschen Films - von Produzent Bernd Eichinger über Regisseur Uli Edel bis hin zu den Schauspielern Moritz Bleibtreu, Hannelore Elsner, Katja Flint und Uwe Ochsenknecht. Peter Maffay gab sich 2011 ein Stelldichein auf Sidos und Bushidos gemeinsamem Album "23". Und gerade einmal ein Jahr ist es her, dass CDU-Mann Christian von Stetten Praktikant Bushido die Bühne des Bundestags bereitete. Zu einer Zeit, in der der Rapper auch darüber sinnierte, eine eigene Partei zu gründen und Regierender Bürgermeister von Berlin zu werden. So wie der Mann, der nun seinem jüngsten Songtext zufolge in den "Arsch gefickt" wird.

Es mutete schon damals wie der Versuch einer Quadratur des Kreises an. Ausgerechnet der, der alles seinem trotzigen Vortrag einer postpubertär-gesellschaftsfeindlichen Gangsta-Attitüde zu verdanken hatte, setzte nun scheinbar Kurs auf die Mitte der Gesellschaft. Doch nicht wenige schienen an den Wandel vom Saulus zum Paulus zu glauben. Oder daran glauben zu wollen. Schließlich ließen sich damit auch gut Blitzlichtgewitter und Kasse machen.

Löcher wie ein Golfplatz

Nur bei der Bambi-Verleihung 2011 krachte es. Dass die Rehkitz-Jury dem Rapper bescheinigte, ein "hervorragendes Beispiel für gelungene Integration" zu sein, das einen "wertvollen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis sozialer Gruppen mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln" leiste, war für manch einen dann doch endgültig zu viel des Guten. Peter Plate, homosexueller Sänger der derzeit auf Eis gelegten Gruppe Rosenstolz, platzte noch während der Bambi-Gala der Kragen. Andere wie Grünen-Chefin Claudia Roth schlossen sich der Kritik an der Vergabe des Integrationspreises an Bushido an.

Die Meldungen, die in jüngster Zeit über den Rapper kursieren, scheinen all den Kritikern Recht zu geben. Eine Bekehrung hat nie stattgefunden. Im Gegenteil: Bushidos Verbindungen zur Halbwelt sind offenbar noch ausgeprägter als ohnehin schon lange vermutet. Nicht nur die Generalvollmachten, die er und Arafat Abou Chaker - laut Staatsanwaltschaft Oberhaupt einer Großfamilie "im Milieu der organisierten Kriminalität" - miteinander austauschten, legen das nahe. Erst im Mai wurden Bushidos Villa in Lichterfelde und Geschäftsräume von Firmen, an denen er beteiligt ist, durchsucht. Verdacht auf Steuerhinterziehung. Ein wirklich hervorragendes Beispiel für Integration.

Diese Enthüllungen haben den 34-Jährigen offensichtlich schwer getroffen, waren sie doch ein ordentlicher Schuss vor den Bug seiner neuen Saubermann-Karriere. Nicht Claudia Roth, wie es Bushido laut dem Song "Stress ohne Grund" mit Kollege Shindy gerne hätte, hat "Löcher wie ein Golfplatz", sondern sein Image. Wie gnadenlos der Rapper aber bereit ist, auch noch die letzten Trümmer seiner bürgerlichen Re-Integration geschwind selbst mit dem Hintern einzureißen, erstaunt dann doch. Und das alles nur für ein paar lausige Piepen.

YouTube hat das Video zu "Stress ohne Grund" mittlerweile gesperrt. Aber, oh ja, bei Amazon zum Beispiel kann man den Song als MP3 bereits erwerben. Und vermutlich wird es auch einige Dödel geben, die die Aneinanderreihung von Fäkalausdrücken, Beschimpfungen, Drohungen und schwulenfeindlichen Ausfällen des Thirty-Somethings noch cool finden und kaufen. Die kurzfristige Aufmerksamkeit, die der Rapper mit seiner Umkehr von der Umkehr erzielt, ist freilich hoch - inklusive Strafanzeige von Klaus Wowereit und Wutausbruch von Heino. Der Preis jedoch, den er langfristig dafür zahlt, ist höher. Nicht mehr lange dürfte es Menschen geben, die dem Spießer aus Kleinmachnow sein albernes Gangsta-Gehabe noch abnehmen.

Quelle: ntv.de

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