Leben

"Die Politik kann das ändern" Jan Brandt gegen den Immobilien-Irrsinn

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"Aus Wohnungen sind begehbare Anlagedepots geworden" (Jan Brandt)

(Foto: picture alliance / Christophe Ga)

"Wie wäre es mit dem Friedhofscafé?" Ein seltsamer Vorschlag für einen Interview-Termin? Nicht, wenn der Vorschlag von Jan Brandt kommt, der gerade ein Buch über seine verzweifelte Wohnungssuche in Berlin veröffentlicht hat. Denn: "Hier kann man nicht vertrieben werden, diese letzten Wohnstätten sind einem erstmal sicher." Beim letzten Treffen zum Buch "Gegen die Welt" (2012) noch im Heavy-Metal-Shirt und verspiegelter Sonnenbrille, jetzt in rotkariertem Flanell und Basecap - ansonsten ist Jan Brandt äußerlich weitgehend unverändert. Alte Gewissheiten sind jedoch verschwunden.

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Wahl-Berliner auf Heimatsuche: Jan Brandt

(Foto: Anika Büssemeier )

Nach einer Eigenbedarfskündigung erlebt Brandt 2016 eine Odyssee auf dem Berliner Mietmarkt, fast gleichzeitig wird in seinem Heimatdorf in Ostfriesland der alte Hof seines Urgroßvaters von einem Bauunternehmer gekauft und droht abgerissen zu werden. Selber von Wohnungslosigkeit bedroht, setzt sich der 1974 in Leer geborene Schriftsteller in den Kopf, das alte Haus zu retten und überlegt, vielleicht in das Dorf zurückzukehren, das er als Jugendlicher "am liebsten abgefackelt hätte". Denn Berlin, die Stadt, die ihm dank der niedrigen Lebenshaltungskosten überhaupt erst ein Leben als Schriftsteller ermöglicht hat, will ihn offenbar nicht mehr. Doch auf dem Land versteht man seine plötzliche Sehnsucht danach, das Alte zu bewahren, nicht. 

Über diese doppelte Suche nach einer Heimat hat Brandt ein Buch geschrieben, das man wahrhaftig von zwei Seiten lesen kann -  "Eine Wohnung in der Stadt" / "Ein Haus auf dem Land" lässt sich wenden, ist Immobilienkrisen-Reportage und Familiengeschichte in einem. Das Buch zur Stunde, lautet die fast einhellige Meinung angesichts der aktuellen Mietdeckel- und Enteignungsdebatten. "Schon wieder?", möchte man da fragen, denn so wurde sein für den Deutschen Buchpreis nominiertes Buch "Gegen die Welt" auch schon genannt. Das erschien, als Schlecker, die Bösewicht-Kette, die im Roman das Dorfleben durcheinander bringt, tatsächlich pleite ging.

n-tv.de: Bevor wir über den Inhalt deines neuen Buches sprechen, müssen wir einmal von außen drauf schauen. Im Grunde halte ich hier zwei Bücher in der Hand. "Eine Wohnung in der Stadt" mit weißem Cover, dann dreht man es und hat "Ein Haus auf dem Land" mit dunklem Cover vor sich. Nach den verblassenden Schriften und zweigeteilten Texten bei "Gegen die Welt" ist das fast schon eine Kleinigkeit, aber kann es sein, dass du möglicherweise ein wenig anstrengend für deinen Verlag bist? 

Jan Brandt: Ich bin nicht anstrengend für sie, ich fordere sie heraus. Zum Beispiel hat der Setzer meines ersten Buches zunächst gedacht, dass meine Ideen unmöglich umzusetzen sind. Dann hat er irgendwann eine Lösung gefunden. Das war dann so, als ob wir gemeinsam ein Rätsel gelöst hätten. Ich finde, dass ein Buch mehr sein sollte als ein reiner Text. Es braucht eine Existenzberechtigung. Ein Alleinstellungsmerkmal. Sonst könnte man ein reines eBook machen. 

Hier folgt eine längere, angeregte Diskussion über eBooks, die Anstrengungen und Disziplin, die zum Beispiel Self-Publisher in Sachen Marketing und schnelles Schreiben auf sich nehmen müssen, hin zu seriellem Erzählen an sich und Streaming-Diensten mit sehr guten Anthologie-Serien wie "Black Mirror". Diese sind eher eine Bedrohung für den klassischen Roman als eBooks, weil hier sehr dichtes, literarisches, emotional ergreifendes Erzählen um die Zeit der potenziellen Leser buhlt. Von da ist es nur noch ein kurzer Sprung hin zu Überlegungen, wie bei eBooks typografische Chancen verschenkt werden. Wegen der typografischen Extras (verblassende Schriften, Wendebuch) wurde von Jan Brandts Büchern nur "Stadt ohne Engel" als eBook veröffentlicht. Davon sei dann ein Buch oder so verkauft worden. Wir sind bereits eine ganze Ecke weit weg von dem zu besprechenden Buch, aber hey, das ist Jan Brandt, der gerade bei "Ein Haus auf dem Land" auf rekordverdächtigen 30 Seiten ohne Punkt, aber mit vielen Kommata, einen historischen Abriss des Weltgeschehens während der Standdauer des Hauses seines Urgroßvaters abgeliefert hat. Da müssen kleine Exkurse drin sein. 

Zurück zum Buch: Nicht nur mit dem Cover, auch mit dem Genre kann man sich bei deinem neuen Buch schwer tun. Einige Buchhändler haben gleich mehr bestellt, weil sie nicht wussten, ob sie es in der Belletristik oder im Sachbuch auslegen sollen. 

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Das betrifft tatsächlich nicht nur die Buchhandlungen, sondern auch den Verlag und mich selbst. Als es auf der Spiegel-Bestseller-Liste im Bereich Belletristik auf Platz 32 eingestiegen ist, stutzte ich, weil es für mich ein Sachbuch ist. Ich habe zwar Namen und Orte im Stadtteil des Buches aus juristischen Gründen verändert, ich habe aber nichts dazu erfunden, es ist keine Fiktionalisierung der Wirklichkeit. 

Wir haben auch überlegt, und jetzt wird das Interview bei n-tv.de nicht in der Buchrubrik erscheinen, sondern in der Rubrik "Leben". 

Sehr schön. Ich wollte schon immer aus der Buchrubrik raus und rein ins Leben! Letztlich ist "Eine Wohnung in der Stadt" eine sehr lange Reportage. Aber ich erzähle in "Ein Haus auf dem Land" auch eine Familiengeschichte. Also vielleicht wirklich kein klassisches Sachbuch. 

Hättest du das Ganze in zwei Bänden veröffentlicht, wäre es vielleicht einfacher gewesen, das Genre zu bestimmen.

Das kann schon sein, aber für mich gehören beide Teile untrennbar zusammen. Sowohl im Stadt- als auch im Landteil zeigt sich der Immobilienboom auf unterschiedliche Weise und doch sehr ähnlich im Hinblick darauf, dass Wohnraum knapp ist. Zudem ist der Stadtteil viel episodischer mit den Wohnungsbesuchen und meinen Nachstellversuchen, als ich meinem Vermieter auf die Schliche kommen will. Der Landteil hat eine ganz andere Sprache. 

Auf die Nachstellversuche kommen wir noch zurück. Hast du die beiden Teile parallel geschrieben? 

Ich habe es nicht parallel gelebt. Erst kamen die Eigenbedarfskündigung und meine Wohnungssuche. Und als das abgeschlossen war, stand das Haus meines Urgroßvaters zum Verkauf und drohte abgerissen zu werden. In der Überarbeitung habe ich zeitweise aber tatsächlich parallel gearbeitet, um die Verbindungen herzustellen, sodass man theoretisch schon während des Lesens das Buch immer wieder wenden könnte, um auf der anderen Seite weiterzulesen. 

Ich habe mich an deine Anweisung gehalten und erst "Stadt" dann "Land" gelesen, aber ich verstehe, dass einige Leser Probleme damit haben, sich zu entscheiden. 

Das finde ich ja das Schöne, dass man eine Entscheidung treffen muss. Das war ja bei "Gegen die Welt" auch so, dass einige Leser mit dem zweigeteilten Text überfordert waren, weil sie sich für eine Sache entscheiden mussten. Das macht für mich neues Erzählen aus, auch wenn das kein ganz neuer Gedanke ist. Da gibt es auch eine Black-Mirror-Folge, da wird man als Zuschauer gefragt, wie es weitergehen soll. Je nachdem, wie man sich entscheidet, ist die Geschichte viel schneller erzählt als einem lieb ist.

Da haben wir es wieder. Wir brauchen bessere eBooks.

Ja, unbedingt, das würde sich total anbieten. Vor allem wenn die Verlage Angst haben vor der Netflix-Konkurrenz, dem seriellen Erzählen. Da könnte sich noch etwas Neues auftun. Neue Imaginationsräume.

Lass uns zuvor noch kurz in das Buch hineingehen. "Ein Haus auf dem Land"/ "Eine Wohnung in der Stadt" wurde als ultimativer Heimatroman beschrieben. Das war früher etwas für rote Bommel auf Hüten, jetzt werden Bücher von Juli Zeh & Co und eben deine Bücher als neue Heimatromane gefeiert. 

Na ja. Einen Heimatroman sehe ich immer als etwas Gesellschaftsstützendes und Bestätigendes an. Ich schreibe das Gegenteil. Für mich war zum Beispiel "Gegen die Welt" ein Anti-Heimat-Roman, ein Anti-Bildungsroman, der den Weg nach unten beschreibt, den Untergang eines Dorfes, Verfall einer Familie, Zusammenbruch einer Ehe und wie eine ganze Gesellschaft ins Verderben geführt wird. 

Ich versuche es mal mit einer anderen Zuschreibung: Dein neues Buch wurde auch als "Roman der Stunde" bezeichnet - schon wieder. Zur Erinnerung: Nach "Gegen die Welt" (2011) ist Schlecker, der ausgemachte Feind des Idylls auf dem Land, pleitegegangen. 

Ja! (lacht) 

Pünktlich zur Erscheinung von "Eine Wohnung in der Stadt" gab es nun Demonstrationen, auf denen Enteignungen gefordert wurden. Was passiert in deinem nächsten Buch? Ich möchte gerne vorbereitet sein. 

Trump wird gestürzt werden. 

Und dann Weltfrieden.

Warte, 2016 gewählt, 2020 wird er wiedergewählt. Das schaffe ich nicht. Aber die Wirkmacht von Literatur ist erstaunlich. Als jetzt das Buch erschienen ist, waren ja nicht nur die Demonstrationen und die Enteignungsdebatte, sondern der Mietendeckel kam sofort. Und neulich hat Daniel Kehlmann eine Rede gegen die Regierung Österreichs gehalten. Zwei Tage später war die FPÖ weg vom Fenster. 

Alles Zufall?

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Unsere Antennen sind eben so feinfühlig, dass sie wahrnehmen, was kommt. Vielleicht programmieren wir aber auch die Gehirne der Leser. (lacht) Oder die Plutonier tun es. (Anmerkung der Redaktion: Plutonier und Kornkreise spielen in "Gegen die Welt" eine entscheidende Rolle. Genau wie Gerhard Schröder und Headbanger.)

"Eine Wohnung in der Stadt" fängt mit dem traumhaften Berlin der 1990er an - hättest du jemals gedacht, dass du eines Tages ein solches Buch schreiben würdest? 

Als ich damals nach Berlin kam, konnte ich gar nicht fassen, dass es eine Stadt gibt, in der man mit so wenig Geld, wie ich damals hatte, die Freiheit hat, machen zu können, was man eigentlich will und nicht den ganzen Tag für seine Miete arbeiten zu müssen. Ich war aber so naiv, dass ich dachte, es geht immer so weiter. Oder die Entwicklung schreitet so langsam voran, dass ich mithalten und irgendwann doch eine eigene Wohnung kaufen kann. Die Preise blieben dann ja auch relativ lange sehr niedrig. Dann kamen aber der Finanzcrash und die Niedrigzinspolitik und hat all diejenigen überrollt, die dachten, dass sie mit ihren Ersparnissen auch irgendwann einmal etwas anfangen können. Die Preise steigen so rasant, dass man sich immer weiter von diesem Traum, sich einmal eine eigene Wohnung oder ein Haus leisten zu können, entfernt. 

Du beschreibst im Buch die damals aktive Künstler- und Studentenszene, die dazu beigetragen hat, dass Berlin so attraktiv für Touristen und Zugezogene wurde. Sind die, die eigentlich schuld waren an der Gentrifizierung, schon alle raus aus der Stadt oder etabliert? 

Es ist ja immer so ein Mythos, dass die Künstler selber diejenigen sind, die die Gentrifizierung vorantreiben. Sicher sind die Künstler diejenigen, die, weil sie eben auch kein oder wenig Geld haben, an Orte ziehen, an die die bürgerliche Mitte erstmal nicht ziehen würde. Sie werten das dann auf, machen es attraktiv für den Mittelstand. Der zieht dann dahin, und dann wird es interessant für die Investoren. Aber was wir jetzt erleben, ist ja nochmal eine ganz andere Situation, wo nicht mehr einzelne Stadtteile, sondern ganze Städte interessant werden für das globale Kapital. Das kauft einfach Wohnungen, ohne diese gesehen zu haben oder dort wohnen zu wollen. Aus Wohnungen werden so begehbare Anlagedepots. 

Du hast bei Deiner Wohnungssuche eine Menge Wut angesammelt, die sich an verschiedene Adressen richtet. Ich zitiere mal aus deiner langen Liste: Politiker, Profiteure (Eigentümer, Aktionäre, Banker), Neuberliner, Akademikerehepaare aus Westdeutschland, Großstadthipster. Außerdem bist du auf dich selber wütend, weil du nicht rechtzeitig aktiv geworden bist. Was machen wir jetzt mit dieser ganzen Wut? 

Die Wut bleibt bestehen, und sie richtet sich für mich und viele andere als ersten Adressaten an die Politik, denn nur die Politik kann das ändern. In Berlin zum Wohle der Mehrheit. Hier sind 85 Prozent Mieter, und die leiden unter der Situation. Enteignung oder der Mietendeckel sind meiner Meinung nach gar nicht unbedingt das erste, was die Politik machen sollte und könnte. Auf Bundesebene müsste ein umfassendes Wohnungsbauprogramm für Sozialbauten angeschoben werden. Inzwischen betrifft die Wohnungsnot ja nicht mehr nur die sozial Schwachen, sondern greift immer größere Kreise der Gesellschaft an. Nicht mal der Mittelstand kann sich die Wohnungen und Preise noch leisten. Außerdem müssten die Share-Deals und die Spekulationen mit Wohnraum abgeschafft werden. Damit Häuser und Grundstücke nicht einfach brachliegen. 

Es gäbe also einiges zu verbessern und zu tun, bevor man über Enteignungen nachdenkt. Ist das nur ein Schlachtruf für Demonstrationen? 

Ja, das ist reiner Populismus. Enteignung schafft nicht mehr Wohnraum, und es ist unheimlich teuer, diese Immobilien zurückzukaufen. Dann fehlt das Geld für die Maßnahmen, die eigentlich nötig wären. Der Mietendeckel für die Altbauten ist nicht so verkehrt, finde ich. Der führt einfach dazu, dass sich zum Beispiel Alleinstehende, Witwer oder Witwen überlegen, doch von der Fünf-Zimmer-Wohnung in Zwei-Zimmer-Wohnungen zu ziehen, weil sie dann sicher sein können, dass sie nicht mehr Geld zahlen müssen. Andererseits hat der Mietendeckel, den es in anderen Ländern und auch in Deutschland immer mal wieder gab, dazu geführt, dass weniger in Mietwohnungen, sondern doch in Eigentumswohnungen investiert wurde. 

Das wäre dann der gegenteilige Effekt. 

Eben. Alles hat immer zwei Seiten. Und so sehr ich das dann teilweise begrüßen würde, sehe ich auch schon immer die Schattenseiten heraufdämmern. 

Während Leser in und aus Berlin wahrscheinlich gerade Nackenschmerzen vom zustimmenden Nicken bekommen, liest man dein Buch in anderen Städten teilweise kritischer. Düsseldorf, Hamburg und München hätten den starken Preisanstieg schon vor 20 Jahren erlebt, heißt es unter anderem. Schreibst du nur aus deiner Berliner Sicht heraus?  

Na klar, aber ich bin ja damals nach Berlin gezogen, weil ich mir München, Frankfurt, Stuttgart, Hamburg, Köln, Düsseldorf gar nicht hätte leisten können. Das trifft ja auf viele Leute zu. Hier sind ja nicht nur die Freaks oder diejenigen, die in den 1970er- Jahren vor der Bundeswehr geflohen und hier hängen geblieben sind. Berlin war immer auch eine Stadt, in der die Leute im Vergleich zu anderen Städten viel weniger verdient haben und wo auch jetzt die Einkommenssteigerungen viel geringer sind. Deshalb trifft dieser Immobilienboom, oder diese Immobilienkrise - je nachdem, wie man das sehen will - Berlin viel härter als die anderen Orten. 

In diesen niedrigen Mieten hat zudem auch kulturell eine große Chance gesteckt. Niedrige Mieten sind das beste Stipendium, das man haben kann. Meine These ist, dass wir diese Hochzeit der deutschen Gegenwartsliteratur aktuell nur haben, weil die Mieten in Berlin und auch in Leipzig bisher sehr niedrig und die Leute weniger den Kapitalzwängen ausgesetzt waren.

Wollen wir aufs Land wechseln? Und sollen wir die Leser, die gerade die n-tv-App nutzen, auffordern, in den Darkmode zu wechseln?  Dann hätten sie schon hier das Wendebuch-Gefühl, schließlich ist das "zweite" Cover auch dunkel. 

Ja, gerne! Oder noch besser: Jetzt den Bildschirm drehen. 

Mitten in deiner Berliner-Wohnungssuche-Verzweiflung denkst du wieder an Ostfriesland und überlegst, in deinem Heimatdorf Ihrhove ein Haus zu kaufen. Da entdeckst du die Verkaufsanzeige für das Haus deines Urgroßvaters gleichen Namens.

Da hätte ich jetzt am liebsten die Black-Mirror-Folge gehabt, ich sehe jetzt diese Anzeige in der Zeitung und muss sofort entscheiden, kaufe ich jetzt das Haus oder nicht? Denn meine damalige Entscheidung, nicht zu kaufen, sondern erstmal abzuwarten, hat eben dazu geführt, dass dann diese Geschichte von "Ein Haus auf dem Land", dieser verzweifelte Rettungsversuch dieses Hauses, entstanden ist. 

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Der Gulfhof in Ihrhove

(Foto: Jan Brandt)

Da war ich auch wieder so mega-naiv: Ich dachte, so einen alten Gulfhof, 150 Jahre alt, der noch einigermaßen gut in Schuss ist, den wird jetzt ein Liebhaber kaufen und instand setzen. Ich gehe immer wieder davon aus, dass die Leute so ticken wie ich, und bin immer wieder überrascht, dass dem nicht so ist. Denn der Gulfhof wurde von einem Bauunternehmer, einem Investor gekauft, der auf dem Grundstück sein eigenes Projekt verwirklichen wollte. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass jemand so ein Traditionshaus einfach abreißen und gegen einen ganz banalen Neubau austauschen will. 

Aber nachdem du deinen Irrtum bemerkt hast, denkst du daran, den Hof vom Bauunternehmen zurück zu kaufen. Hattest du da auch schon ein neues Leben für dich im Kopf?

Ja, klar. Zum einem wollte ich dann das Haus und diese kulturelle Tradition erhalten, denn diese Gulfhäuser sind sehr typisch für Ostfriesland, die gibt es in dieser Form nirgendwo sonst. Zum anderen habe ich dann natürlich darüber nachgedacht, wie es wäre, jetzt aufs Land zurückzuziehen, in das Dorf, aus dem ich komme. Allerdings war das ja die Hölle, der man vor 20 Jahren entkommen ist. Ich bin aus guten Gründen da weggezogen und all die Jahre in Berlin geblieben. Aber ich konnte nichts in Berlin finden, Berlin wollte mich nicht mehr, also musste ich mir überlegen: Wohin denn dann? Da andere Städte eben noch teurer sind, blieb nur das Land. Da habe ich mich gefragt: Kann ich wieder zurückkehren auf das Land? Will ich das überhaupt? Und wenn ich das tue: Wer bin ich dann da?

Wie haben Familie und Freunde auf deine Pläne reagiert? 

Mit Skepsis. Und mit der Angst, dass ich mich dabei ruinieren würde. Das herrschte wohl vor. Ich brauchte aber eben Solidarität, ich habe mich nach Unterstützung gesehnt. Ich dachte, wenn wir alle zusammenhalten, dann können wir das Haus erhalten. Aber niemand aus meiner Verwandtschaft oder auch Bekanntschaft dort vor Ort hat das so gesehen. Ich fand keine Mitstreiter. Es hätte ja durchaus Nutzungsmöglichkeiten gegeben. Der Bürgermeister hatte mir angeboten, dort die Bücherei einzurichten, das hätte ich über Miete refinanzieren können. Ich hätte auch einen Teil des Gebäudes als Wohnhaus vermieten können. Ich hätte aber schon für die Anschubfinanzierung so viel Geld gebraucht, dass ich das alleine nicht hätte schaffen können. 

Man fiebert mit dir mit, auch wenn man ahnt, wie es ausgeht. Hätten mehr Zeit und mehr Solidarität geholfen? 

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"Das neue Haus wendet dem Dorf den Rücken zu."

(Foto: Jan Brandt)

Ja, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, hätte ich natürlich über Crowdfunding nach Unterstützern suchen, die Last auf viele Schultern verteilen können. Oder ich hätte mich überregional nach größeren Geldgebern umschauen können. Woran ich aber sehr viel stärker gescheitert bin, ist dieser Pragmatismus der Dörfler, die den Wert dessen, was sie da haben, gar nicht erkennen und dann den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Es gab ja keinen Protest im Dorf gegen den Abriss dieses Hauses. Alle haben das so schulterzuckend hingenommen. Dieses Haus, was da jetzt steht - und das finde ich das frappierende, wenn man sich das anguckt - wendet dem Dorf den Rücken zu. Das erste, was man sieht, sind die Carports und den Hof und eben nicht die Vorderfront. Es integriert sich nicht ins Dorf. Ich verstehe nicht, wie man als Bauherr so bauen kann, dass man das Dorf ignoriert. Und wie man umgekehrt als Dorf, als Bewohner, als Bewohnerin, akzeptieren kann, dass etwas gebaut wird, was gar nicht dahin passt und mit dem Dorf, so wie es da steht, nichts zu tun haben will. Das Dorf sieht heute strahlender aus als früher, weil die Vorgärten alle so wunderschön aussehen und die Häuser blankgeputzt und neu sind, aber es hat keine Seele mehr. 

Angenommen, du hättest Zeit gehabt, das Crowdfunding hätte geklappt, du hättest das Gulfhaus gekauft, die Bücherei wäre da eingezogen. Wie wäre es dann weitergegangen? So wie du das beschreibst, hätte die Dorf-Gemeinschaft vielleicht trotzdem gefehlt oder die Netflix-Serien wären spannender als die Bücherei. Der Verzicht auf Berlin wäre auch nicht einfacher geworden. 

Wenn ich das Haus gerettet und originalgetreu restauriert hätte, wäre das im Idealfall das Schmuckstück des Dorfes geworden. Ich glaube aber nicht, dass es im Dorf ein Umdenken bewirkt hätte. Es gibt jetzt im Dorf den Plan, Städtebauförderung zu beantragen. Das Dorf will eigentlich Stadt werden und noch größere Gebäude bauen. Größere Bürogebäude, noch größere Mehrfamilienhäuser. Was da politisch angeschoben wird, geht eigentlich in die andere Richtung. Da hätte jetzt auch ein schöner Gulfhof, der da in der Ortsmitte erstrahlt, nichts geändert. Das Problem dabei ist auch, das jemand wie ich, der das Alte erhalten will, als Fortschrittsverweigerer gesehen wird. Als ob die neuen Pläne automatisch besser, zukunftsweisender oder nachhaltiger wären. Wenn ich mir dagegen die Stadt angucke, hier solidarisieren sich die Leute sehr stark. Als Mieter. Die wollen die Stadt erhalten, so wie sie ist, die wollen verteidigen, was sie selbst erarbeitet haben. Das passiert eben, zumindest in dem Dorf, aus dem ich komme, nicht. 

Deine durch Eigenbedarfskündigung ausgelöste Wohnungssuche in Berlin führte zwischenzeitlich zu einem Wanderleben, dein Traum vom Gulfhaus hat sich nicht erfüllt. Beim Lesen macht man sich Sorgen um dich - besonders bei den Passagen mit den bereits angesprochenen "Nachstellungsversuchen", bei denen du herausfinden möchtest, ob dein Vermieter wirklich Eigenbedarf hat. Und dann: "Ich war so weit, dass ich in Erwägung zog, nach Schmargendorf zu ziehen." Oje.

(lacht)

Kann man machen, ich wohne ja nicht weit davon. Du hast dann eine Wohnung gefunden. Wie geht es dir heute? 

Zum ersten Teil: Ja, man muss sich Sorgen machen, weil das eben ein gesellschaftliches Problem ist, das nicht nur mich betrifft, sondern viele Leute. Es gibt immer mehr Wohnungslose. Familien, Alleinerziehende, Mütter, Väter, die sich das nicht mehr leisten können. Paare, die nicht zusammenziehen können, andere, die sich nicht trennen können. Das ist ein großes Problem, zumal durch hohe Mieten auch Einkommen vernichtet werden. Letzten Endes wird es auch bei vielen zu Altersarmut führen, weil die Ersparnisse nicht mehr da sind, die das abdecken könnten. 

Zum zweiten Teil: Ja, ich bin angekommen, aber gleichzeitig ist mein Dasein als Mieter weiterhin unsicher. Die Angst, wieder wegen Eigenbedarf gekündigt zu werden oder wegen einer Modernisierungsankündigung die Miete nicht zahlen zu können, hält an. Für mich ist Berlin einfach keine Heimat mehr, es ist ein Provisorium. Ich bin hier so lange geduldet, wie ich es mir leisten kann. Wenn das nicht mehr der Fall ist, muss ich gehen. 

Hast du einen Plan B?

Es gibt dann eigentlich nur die Alternative, tatsächlich irgendwo aufs Land zurückzuziehen und zwar dahin, wo es eben wenig kostet. Und vielleicht auch nach Ostfriesland zurück. Aber dann bin ich eben raus aus diesem urbanen Diskurs und der Mitgestaltungsmöglichkeit. Für mich zeigt sich in Berlin viel stärker als auf dem Land, was Deutschland auch sein könnte. Und welchen Fortschritt es eigentlich bräuchte. Nämlich nicht unbedingt neue, große Häuser. Sondern einfach Gleichberechtigung, eine vernünftige Klima- und Einwanderungspolitik, eine vernünftige Sozialpolitik. Und all diese Dinge werden in der Großstadt verhandelt. Hier wird demonstriert, hier gibt es die Universitäten und hier gibt es eine große Bürgerbeteiligung. Landleben kann eben auch bedeuten, im Abseits zu sein. 

Du könntest aber doch noch der Fitzcarraldo von Ostfriesland werden, als den du dich im Buch beschreibst. Eine Bücherei, ein Literaturhaus, das könnte auch woanders funktionieren. 

Ja, aber trotzdem war es so, dass mein Drang, den Gulfhof zu erhalten, viel größer war als bei einem anderen x-beliebigen Haus, weil es das Haus meines Urgroßvaters war, der genau so hieß wie ich. Plus die Straße daneben, die noch Brandtsweg heißt. Ich wollte das Familienerbe retten. 

Du könntest eine neue Tradition starten. 

Das wäre dann die Aufgabe, nochmal einen Ort zu finden, wo man bleiben kann. Ich weiß nicht, manchmal ergibt sich so etwas ja auch durch die Umstände. Man weiß ja nicht, was noch passiert im Leben. Das einzig Gute an der Klimaerwärmung ist, dass Ostfriesland irgendwann unter Wasser stehen wird und dass dieses Haus eben nicht 250 Jahre alt geworden ist. 

Ein deprimierendes, aber irgendwie gutes Ende für unser Gespräch. 

Das wäre zumindest die Rache der dunklen Propheten, die immer gesagt haben, so wird es kommen und ihr habt nicht auf uns hören wollen. Das werde ich aber selber nicht mehr erleben. Obwohl, wer weiß. Die Polkappen schmelzen ja jetzt schneller, als alle vermutet haben.

Mit Jan Brandt sprach Samira Lazarovic.

 

Quelle: n-tv.de

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