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#allesdichtmachen Danke, Jan Josef Liefers und Co.!

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Ist er womöglich gar nicht so schlau? Prof. Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers).

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit Gaga-Videos und einer Kampagne unter dem Motto "#allesdichtmachen" wollen rund 50 Schauspieler die Corona-Maßnahmen ironisch kritisieren. Dass sie damit "Querdenkern", Rechtspopulisten und Aluhüten in die Hände spielen, sehen sie nicht. Naiver geht es kaum.

Eines gleich vorneweg: Die Überschrift ist natürlich ironisch gemeint. Sie ist sicher nicht gerade originell, passt sich damit jedoch gut an die ausgesprochen dämliche Aktion "#allesdichtmachen" an, die gerade für Furore sorgt. Schließlich haben sich die rund 50 an ihr beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler für diese ja auch an Ironie versucht, um damit die Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus zu kritisieren.

Was dabei herausgekommen ist, ist jedoch in den wenigsten Fällen auch nur ansatzweise geistreich oder irgendwie hintersinnig. Clips wie etwa der von Wotan Wilke-Möhring, der über die Bedeutungsvarianten von "positiv" und "negativ" sinniert, sind einfach nur zum Fremdschämen. Dass jemand wie der gern auf seine Punk-Vergangenheit verweisende Wilke-Möhring sich dazu herabgelassen hat, gehört zu den besonders irritierenden Aspekten dieser Kampagne. Das ist nicht Punk. Das ist einfach nur gaga. Und es spielt "Querdenkern", Rechtspopulisten und Verschwörungsfantasten in die Hände.

Der Heiland Jan Josef Liefers?

"Nein, das macht es nicht!", hört man da Jan Josef Liefers aus dem Hintergrund rufen. Seine Teilnahme an der Aktion hat er inzwischen nämlich auf Twitter zu rechtfertigen versucht und dabei jede Nähe zur AfD, Reichsbürgern oder Aluhüten weit von sich gewiesen. "Ich bin bei all denen, die zwischen die Fronten geraten sind, den Verängstigten, den Verunsicherten, den Verstörten und Eingeschüchterten, den Verstummten, den Hin- und Hergerissenen", versichert er stattdessen.

Wüsste man es nicht besser, man könnte meinen, hier spricht Jesus. Vielleicht sollte man Liefers jedoch einmal daran erinnern, dass er lediglich der Darsteller eines durchgeknallten Rechtsmediziners im "Tatort" ist und nicht der allein erleuchtete Heilsbringer. Zwischen den Zeilen unterstellt Liefers damit nämlich letztlich allen, die sich für bestimmte Corona-Maßnahmen einsetzen, ihnen seien die verheerenden Kollateralschäden nicht bewusst oder egal. So abgehoben ist selbst Prof. Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne in den seltensten Fällen.

Noch ein anderes Indiz weist darauf hin, dass Liefers nicht der Heiland ist. Jesus konnte Blinde und Taube heilen. Liefers dagegen kann offenbar noch nicht einmal sich selbst Sehen und Hören beibringen. Sonst würde er laut und deutlich vernehmen und erkennen, wer "#allesdichtmachen" bejubelt und der Kampagne applaudiert. "Chapeau! 53 Schauspieler ätzen gegen die Corona-Politik", heißt es etwa im rechtsextremen Blog "PI News". "Das ist intelligenter Protest", feixt die AfD-Bundestagsabgeordnete Joana Cotar auf Twitter. Und auch ihre Parteikollegin Beatrix von Storch ist vor Freude ganz aus dem Häuschen.

"Coronazis" und "Mundschutzknappen"

Doch man musste gar nicht erst die Reaktionen auf die Aktion abwarten, um zu wissen, mit wem man sich da ins Bett legt. Als Initiator wird auf der zugehörigen Webseite eine Münchner Firma genannt, deren Geschäftsführer dem "Spiegel" inzwischen bestätigte, für die Kampagne verantwortlich zu sein. Besucht man seine Instagram-Seite, dann stehen dort etwa Sätze wie: "Jeder, der sich an dieser Panikmache beteiligt, ist daran schuld! Der Ausdruck Coronazi ist somit absolut gerechtfertigt." Schon im Mai 2020 machte er sich über "Mundschutzknappen" lustig und setzte Corona mit der Grippe gleich.

Dass sich Liefers nun im Nachhinein von derart "querdenkenden" Menschen distanziert, wirkt unglaubwürdig. Dabei ist es nicht nur seine Popularität, die ihn im Kontext der Kampagne in den Fokus rückt, an der sich schließlich auch Kolleginnen und Kollegen wie der "Babylon Berlin"-Schauspieler Volker Bruch, Kostja Ullmann, Ken Duken, Nadja Uhl, Nina Proll und die "Tatort"-Darsteller Meret Becker, Richy Müller, Ulrich Tukur, Ulrike Folkerts und Martin Brambach beteiligten. Dass Liefers wie ein Aushängeschild der Aktion anmutet, hängt auch mit dem Inhalt seines Clips zusammen.

Der ist zwar auch voller Zynismus und mit ironischem Unterton verfasst, geht über bloßes Geschwurbel allerdings dann doch deutlich hinaus. Liefers knöpft sich in seinem Video die Medien vor. "Danke an alle Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich, verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört. Nämlich ganz, ganz oben. Und dafür sorgen, dass kein unnötiger kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung", ätzt der 56-Jährige.

Eine weitere Schippe Ironie?

Dass die Behauptung, es finde kein "kritischer Disput" über die Corona-Maßnahmen statt, Kokolores und nun wirklich eines der grundlegenden "Querdenker"-Märchen ist, mal außer Acht gelassen. Erstaunlich ist dann aber doch, wie ausgerechnet ein Schauspieler, der seine Karriere vor allem den "Medien unseres Landes" zu verdanken hat, so tun kann, als hätte er mit ihnen nichts zu tun. Ausgerechnet ein "Tatort"-Darsteller, der - wie die anderen an der Kampagne beteiligten Protagonisten der Krimireihe - mit öffentlich-rechtlichem Auskommen einigermaßen finanziell unbeschadet durch die Pandemie kommen dürfte. Ob Liefers nach der Aufzeichnung seines Videos wohl mal eben in den Vorgarten seines Hauses in der Berliner Villenkolonie Südende getreten ist, tief durchgeatmet und sich selbst auf die Schulter geklopft hat? Wir wissen es nicht.

Inzwischen hat sich tatsächlich die Initiative "Zentrum für politische Schönheit" zu Wort gemeldet und "#allesdichtmachen" als "Inside-Job" für sich reklamiert. "Wir wollten wissen, ob man 'Tatort'-Schauspieler(innen) dazu bringt, völlig meinungslos gegen ihren eigenen Arbeitgeber zu hetzen. Bei 53 Schauspieler(innen) hat es geklappt", heißt es in einem Tweet des Zusammenschlusses von Aktionskünstlern. Ob das der Wahrheit entspricht oder doch nur eine weitere Schippe Ironie auf diese an und für sich gar nicht komische Geschichte ist, wird sich sicher bald klären.

Makatsch zieht zurück

Für die Beurteilung der Aktion und ihrer Auswirkungen ist es ohnehin nicht von Belang. Heike Makatsch hat das verstanden. Sie hat ihre Unterstützung der Kampagne zurückgezogen und veranlasst, dass der von ihr aufgenommene Clip von der zugehörigen Webseite gelöscht wird. In ihm hatte sie sich darüber lustig gemacht, das Klingeln an ihrer Wohnungstür zu ignorieren, weil es wichtig sei, "dass wir alle nicht aufmachen". Inzwischen hat sie erklärt, sie distanziere sich klar von rechtem Gedankengut und bedauere zutiefst, sollte sie rechten Demagogen in die Hände gespielt haben. "Ich erkenne die Gefahr, die von der Corona-Pandemie ausgeht, und will niemals das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen schmälern und sie dadurch womöglich verletzen. Sollte das geschehen sein, so bitte ich um Verzeihung", fügte sie hinzu.

Auch Richy Müller ruderte mittlerweile zurück. "Nichts liegt mir ferner, als Corona zu verharmlosen oder gar zu leugnen", heißt es in einem Statement, das ntv vorliegt. "Es gibt allerdings Maßnahmen gegen Corona, die ich nicht verstehe. Da wollten wir den Daumen in die Wunde legen. Das sollte satirisch passieren, die Reaktionen zeigen mir, das hat nicht geklappt!", so der Schauspieler weiter. Er habe mit rechtem Gedankengut nichts zu tun, beteuert er. Und: "Es tut mir leid, dass rechte Demagogen diese Aktion für ihre Propaganda nutzen." Müller hatte in seinem Video aus einer Tüte ein- und in eine andere ausgeatmet. So komme er "mit der Raumluft nicht in Kontakt", versuchte er zu scherzen.

"Tief ins Beatmungsgerät"

Andere außenstehende Kolleginnen und Kollegen der an "#allesdichtmachen" beteiligten Stars wurden noch deutlicher. "Kann ich null nachvollziehen", kommentierte etwa Elyas M'Barek die Kampagne und ergänzte: "Mit Zynismus ist doch keinem geholfen." Moderator Tobias Schlegl, der auch Notfallsanitäter ist, reagierte drastisch: "Die Schauspieler(innen) von '#allesdichtmachen' können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben", schrieb er bei Twitter.

Womit er den Nagel auf den Kopf trifft. Denn anders, als von "#allesdichtmachen" suggeriert, darf, kann, ja muss man selbstverständlich über die Maßnahmen in der Pandemie ernsthaft diskutieren, um ihre Ausgestaltung ringen und sie gegebenenfalls korrigieren. Es dürfte kaum jemand geben, der nicht die eine oder andere Maßnahme kritisiert, für überzogen, für zu läppisch, für unsinnig oder sogar für kontraproduktiv hält. Nur eines sollte man dabei stets nicht außer Acht lassen: die Opfer der Pandemie und die, die durch sie um Leib und Leben fürchten müssen. Doch dazu kommt von "#allesdichtmachen" kein Sterbenswort.

Liefers und Co. könnten sich etwa ein Beispiel an "Gladiator"-Darsteller Ralf Moeller nehmen. Der muskelbepackte Kumpel von Arnold Schwarzenegger hat aus seiner Kritik am Corona-Management in Deutschland auch keinen Hehl gemacht. Der Regierung warf er vor, "ziellos" zu sein. Die Impfpolitik hierzulande nannte er "Wahnsinn". Egal, ob man sich seinen Argumenten anschließen mochte oder nicht - ins Fahrwasser der "Querdenker" geriet er nicht. Die Erkenntnis ist ebenso erstaunlich wie bitter: Der Gladiator scheint intelligenter zu sein als Prof. Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne.

Quelle: ntv.de

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