Unterhaltung

Mischung aus Austen und Kafka Der Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro

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Ishiguro möchte mit seinem Preis zu einer positiven Atmosphäre in unsicheren Zeiten beitragen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Seinen Namen kannte vielleicht nicht jeder, eine Berührung mit dem Werk von Kazuo Ishiguro hatten aber vermutlich die meisten schon. Denn der britisch-japanische Autor steht für einige Bestseller, dabei ist er immer wieder überraschend.

Schon zum zweiten Mal in Folge geht der Literaturnobelpreis an einen Autor, den man kaum für möglich gehalten hatte. Im vergangenen Jahr war es mit Bob Dylan immerhin noch einer, den viele für überfällig, aber dann doch für ausgeschlossen hielten. 2017 heißt der Preisträger Kazuo Ishiguro und ihn hatte beim besten Willen kaum jemand auf dem Zettel.

Dabei lieben die Menschen seine Bücher und die Filme, die aus ihnen entstanden sind. "Was vom Tage übrig blieb" natürlich, die wunderschöne Liebesgeschichte zwischen den alternden Butler Stevens und der Haushälterin Miss Kenton. Dafür hatte Ishiguro 1989 den Booker-Prize gewonnen. Aber auch "Alles, was wir geben mussten", die Dystopie von geklonten Menschen, die als Organspender dienen. Und "Der begrabene Riese" natürlich, der vieldeutige Historien-Fantasy-Roman, der ihm auch viel Schelte eingebracht hatte.

In Japan geboren, kam der heute 62-Jährige schon als Kind nach Großbritannien, wo sein Vater als Ozeanograph für die britische Regierung arbeitete. Er studierte Englisch und Philosophie an der Universität von Kent und wandte sich dann dem kreativen Schreiben zu. 1980 schloss er an der Universität von East Anglia mit dem M.A. in Literatur ab. In seinen ersten beiden Romanen "Damals in Nagasaki" und "Der Maler der fließenden Welt" ist die Verbindung zu seiner Geburtsheimat noch stark, sein Erstling entstand als Abschlussarbeit an der Uni und brachte ihm sofort den ersten Buchvertrag ein. Schon damals gibt es die Motive des Ringens um Erinnerung, um Identitätssuche.

"Ishiguro in der Nussschale"

Inzwischen hat er acht Romane geschrieben, die in über 40 Sprachen übersetzt wurden. Die Schwedische Akademie begründete ihre Wahl damit, dass Ishiguro "Romane von starker emotionaler Kraft" geschrieben habe. Vielleicht ist das tatsächlich die größte Übereinstimmung in seinen Büchern. Ishiguros Figuren wandeln häufig auf einem schmalen Grat, der ihnen gar nicht bewusst zu sein scheint. Der Akademie zufolge zeigen seine Werke "eine starke emotionale Wirkung und legten den Abgrund der vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt bloß".

Von seinem Preis erfuhr Ishiguro von der BBC und hielt die Auszeichnung zunächst für einen Scherz, um sich im nächsten Moment geehrt zu fühlen, in die Fußstapfen großer Autoren treten zu dürfen. Auch die ständige Sekretärin der Akademie, Sara Danius, bemühte in ihrer Beschreibung für Ishiguro gleich mehrere weltbekannte Autoren. "Wenn Sie Jane Austen und Franz Kafka mischen, dann haben Sie Ishiguro komprimiert in einer Nussschale", beschrieb Danius den Preisträger. Dann müsse man allerdings noch eine Prise Marcel Proust hinzugeben.

"Der absolut brillante Novellist" Ishiguro sei sehr an der Vergangenheit interessiert, allerdings nicht im Proustschen Sinne, "und er bezieht sich zugleich stark auf die Gegenwart". Das wurde dem Autor auch schon angekreidet. Nach der Veröffentlichung von "Der begrabene Riese" musste er sich den Vorwurf gefallen lassen, er habe sich der Fantasy aus Marketinggründen zugewandt. Der Autor ließ den Vorwurf nicht gelten und sagte dazu, wenn er einen Drachen brauche, gebe es eben einen Drachen. Möglicherweise meinte Danius diesen Teil des Autors, als sie von seiner "großen Integrität" sprach.

Vielleicht ist er einfach ein Autor, der für Überraschungen gut bleibt. Sein deutscher Verlag hatte jedenfalls ebenso wenig wie Ishiguro selbst mit dem Preis gerechnet. Holger Kuntze vom Münchner Blessing Verlag war beinahe sprachlos: "Das hat uns völlig aus dem Off erwischt", sagte er. Ishiguro sei schon oft als preiswürdig gehandelt worden, aber diesmal auf keiner Liste aufgetaucht. Dabei sei der 62-Jährige nicht nur ein fantastischer Autor, sondern auch ein unglaublich toller Mensch, den man auf jeden Fall lesen sollte.

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