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"Ich hab im Traum geweinet" Der Schwarzwald-"Tatort" im Schnellcheck

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"Es geht um die Masken- und Traummetapher", sagt Regisseur Jan Bonny zu seinem "Tatort".

(Foto: SWR/Benoît Linder)

Als Philipp Kiehl tot in einem Hotelzimmer aufgefunden wird, fällt der Verdacht auf die Ex-Prostituierte Romy. Die Ermittlungen sind zäh, der ganze Ort ist im Fasnacht-Taumel. Ein fulminanter "Tatort" wie Schnaps am Nachmittag - scharf brennend, kurz euphorisierend, dann extrem ernüchternd.

Das Szenario

Einst hat Romy Schindler (intensiv: Darja Mahotkin) in Karlsruhe als Escort-Mädchen gearbeitet, als Prostituierte. Heute lebt sie in Elzach und hat ein neues Leben angefangen. Sie arbeitet in einer Schönheitsklinik, lebt mit Sohn Jonas bei einem der Ärzte, David Hans (Andrei Viorel Tacu), und versucht, die Geschehnisse von früher zu vergessen. Wirklich gelingen will das nicht. Sie selbst scheint eine diffuse Sehnsucht nach diesem anderen Dasein zu spüren, auch die Vergangenheit ruht nicht. Ex-Kunde Burk Giebenhain (Ronald Kukulies) bedrängt sie, einen Vaterschaftstest machen zu lassen. Philipp Kiehl (Andreas Döhler), dessen Frau (Bibiana Beglau) eine Patientin der Klinik ist, wedelt mit den Geldscheinen und will Sex. Kurz darauf ist er tot.

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Hauptkommissar Friedemann Berg geht mit Ex-Prostituierte Romy einen trinken.

(Foto: SWR/Benoît Linder)

Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) widmen sich notgedrungen dem Fall. Eigentlich ist im Ort alles auf Fasching und Feierei eingestellt. Den beiden fällt es offensichtlich schwer, zerrieben zwischen Maskerade und Mummenschanz, Schnaps und Schunkelei, in der Spur zu bleiben. Umso erschwerender die Tatsache, dass nicht nur allerorten geknutscht, gegrapscht, gerangelt wird, auch die beiden landen schließlich sturzbetrunken miteinander in der Kiste.

Die eigentliche Botschaft

Regisseur Jan Bonny (u.a. "Tatort": Das Gespenst der Freiheit"), zusammen mit Jan Eichberg auch Autor von "Ich hab im Traum geweinet", über seine Motive: "Es geht um die Masken- und Traummetapher. Der Traum von einem anderen Leben, der Traum von der anderen Möglichkeit, die Verkleidung als Mittel des Grenzübertritts. Strafe und Entgrenzung." Bonny und Eichberg machen daraus eine fordernde Momentaufnahme, so schmerzhaft entlarvend und verstörend wie wohl nie zuvor im "Tatort", der sich damit weniger einer Tat, sondern der sie auslösenden Versuchsanordnung im zwischenmenschlichen Miteinander widmet.

Darüber wird in der Mittagspause geredet

Da gibt es einiges. Die ungewöhnliche Direktheit der vielen Sex-Szenen, auch zwischen Tobler und Berg. Die krude Fasnacht-Stimmung, in der eigentlich nichts Spaß macht, so laut auch gelacht wird. Alle Räume fast klinisch ausgeleuchtet, das schale Bier in Dosen und Plastikbechern, Schnaps immer nur klar und pur, allesamt Wirkungstrinker im Wahn, untermalt von Matthias Reim, Britney Spears, Backstreet Boys. Wann ist eigentlich Aschermittwoch? Und warum will sich die attraktive Elena (Bibiana Beglau) überhaupt das Gesicht machen lassen?

Der Plausibilitätsfaktor

Hoch. Karneval als eine Zeit, in der Etikette versickert wie feuchtes Konfetti. Vernebelte Beziehungen, in denen sich eigene Ansprüche mit den Erwartungen des Partners kaum deckungsgleich arrangieren lassen. Mann und Frau im Sog von Sehnsüchten, Sprachlosigkeit und Sexualität, chronisch verletzt und verstoßen.

Die Bewertung

10 von 10 Punkten. Gewagtes Vexierspiel, das sich wenig für Krimi-Traditionen interessiert, dafür einen umso spannenderen, in dieser Form, auf diesem Sendeplatz, selten zuvor gezeigten Blick auf zwischenmenschliche Beziehungen bietet.

Quelle: ntv.de