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Clint Eastwood ist häufig mit einer Waffe im Anschlag zu sehen.
Clint Eastwood ist häufig mit einer Waffe im Anschlag zu sehen.(Foto: imago stock&people)
Sonntag, 31. Mai 2015

Clint Eastwood wird 85: Ein Mann, in Stein gemeißelt

Von Markus Lippold

Das Gesicht von Clint Eastwood steht für Männerkino. Rauchende Colts und brutale Cops haben einen Großteil seiner Karriere bestimmt. Erst später, hinter der Kamera, fand die Filmlegende neue Themen und neuen Erfolg. Es ist ein Leben voller Widersprüche.

Woran man einen Clint-Eastwood-Film erkennt? Vielleicht an der recht hohen Dichte an Waffen. Vielleicht an der Gewalttätigkeit oder der wortkargen Hauptfigur. Schwer zu sagen, denn Eastwood hat in den vergangenen 60 Jahren an mehr als 50 Filmen mitgewirkt. Vor und hinter der Kamera, als Schauspieler, Regisseur, Produzent und Komponist. Die einen bewundern ihn als legendären Westerndarsteller. Die anderen erinnern sich an den zynischen Cop "Dirty Harry" oder an die unzähligen Actionfilme seiner Karriere. Wieder andere haben Eastwood in den letzten Jahren als Filmemacher schätzen gelernt, der nachdenkliche Stoffe auf die Leinwand bringt und damit Oscars einsammelt.

Eastwood, wie man ihn in früheren Jahren kennengelernt hat.
Eastwood, wie man ihn in früheren Jahren kennengelernt hat.(Foto: imago stock&people)

Eastwood hat kleine Filme gedreht und Streifen mit recht großen Budgets (die im Vergleich zu heutigen Blockbustern aber wie Mini-Produktionen anmuten). Er hat großartige Werke geschaffen und Mittelmaß. Er hat Herzensprojekte realisiert und Dokus vorgelegt. Es ist schwer, all diese Werke und Facetten unter einen Hut zu bringen, vor allem seit Eastwood in den 80er-Jahren seine ausgetretenen Western- und Action-Pfade verließ und sich ambitionierteren Projekten widmete, vom Musikfilm "Bird" bis zum Boxerstreifen "Million Dollar Baby".

Die Karriere des Amerikaners, der am 31. Mai vor 85 Jahren in San Francisco geboren wurde, ist lang, wendungsreich und reich an Widersprüchen. "Konservativer Rebell" wurde er einmal genannt. Und als das Filmfestival von Cannes ihm 2009 die Goldene Palme für sein Lebenswerk verlieh, begründete sie dies mit Eastwoods Fähigkeit, eine "Synthese des klassischen und des modernen amerikanischen Kinos" zu schaffen.

Dreckig, gewalttätig, pessimistisch

Klassisch waren lange die Rollen, die der 1,93 Meter große Eastwood spielte: Revolverhelden, Polizisten, Soldaten oder Draufgänger. Sein kantiges Gesicht stand für Männlichkeit, die Gewalttätigkeit seiner Figuren für pures Testosteron. Doch die Ausgestaltung dieser Rollen war modern: Sein dreckiger, auf einem Zigarrenstummel herumkauender Pistolero, den er in "Für eine Handvoll Dollar" von Sergio Leone etablierte und in "Zwei glorreiche Halunken" zur Vollendung brachte, ist wortkarg und geht über Leichen. Er hat nichts vom klassischen Westernhelden. Sein Cop Harry Calahan ist zynisch und aggressiv. Er steht im krassen Gegensatz zum properen Polizisten.

In späteren Jahren wechselte Eastwood immer wieder hinter die Kamera.
In späteren Jahren wechselte Eastwood immer wieder hinter die Kamera.(Foto: imago stock&people)

Die Grenzen zwischen Gut und Böse werden in diesen Figuren aufgelöst. Sie passten in die Zeit, in die 60er- und 70er-Jahre, als die Jugend gegen das überkommene gesellschaftliche System rebellierte, so wie in Filmen der glänzende Lack von den Bildern gekratzt wurde. Ein Sommer der Liebe waren Eastwoods Filme aber nie. Sie waren dreckig, gewalttätig und pessimistisch. Dem Publikum gefiel das, Eastwood gehörte lange Jahre zu den erfolgreichsten Schauspielern an den Kinokassen. Kritiker geißelten dagegen seine Filme als gewaltverherrlichend und reaktionär.

Eastwood machte nie einen Hehl aus seiner konservativen Einstellung: Er ist für die Todesstrafe, gegen staatliche Eingriffe und gegen militärische Auslandseinsätze der USA. Er bezeichnet sich selbst als ökonomisch-libertär, aber sozial-liberal, setzt sich etwa für den Umweltschutz und die Ehe für alle ein. Zwei Jahre war er Bürgermeister im kalifornischen Carmel. 2012 leistete er sich dann aber auch einen sehr peinlichen Auftritt beim republikanischen Parteitag.

Der Erfolg gibt ihm recht

Die konservative Einstellung spiegelte sich oft auch in seinen Western und Actionfilmen, die schon mal politisch einfältig oder allzu patriotisch daherkommen. Irgendwann wurden seine Anti-Helden selbst zu Stereotypen: der verwahrloste und wortkarge, aber überaus coole Revolvermann und der brutale Cop, der Gesetze bricht. Eastwood muss irgendwann gemerkt haben, dass er sich im Kreis dreht. Jedenfalls wandte er sich neuen Themen zu, neuen Perspektiven, vor allem hinter der Kamera, wo er eine große Experimentierfreude an den Tag legte und sich in den verschiedensten Genres ausprobierte.

Reihenweise dreht Eastwood seither Filme. Nicht alle taugen zum Klassiker, aber er will immer neue Geschichten erzählen. Eastwood arbeitet effizient, verzichtet auf viele Wiederholungen und Proben. Im Gegensatz zu vielen Kollegen hält er deshalb Drehzeit und Budget ein. Der Erfolg gibt ihm recht: Zwei Oscars erhielt er für "Erbarmungslos", einen für die Regie, einen als Produzent für den besten Film. Noch einmal interpretiert er darin den Westernmythos neu: Sein Revolverheld hat hier nichts mehr von der Coolness und Verschlagenheit aus den Leone-Filmen. Er ist alt geworden, züchtet Schweine, ist längst nicht mehr so treffsicher und fällt vom Pferd.

Es folgten Thriller wie "Absolute Power", Dramen wie "Mitternacht im Garten von Gut und Böse", ja selbst der augenzwinkernde Science-Fiction-Film "Space Cowboys" und die zärtliche Romanze "Die Brücken am Fluss". Für das bewegende Boxerdrama "Million Dollar Baby" erhielt er erneut zwei Oscars. Weitere Nominierungen folgten für die beiden kritischen Kriegsfilme "Flags of Our Fathers" und "Letters from Iwo Jima". "Gran Torino" von 2008 schließlich wirkte wie ein Abschluss, wie das Ende von Eastwoods Karriere. Da liegt Walt Kowalski erschossen am Boden, die Arme ausgestreckt. Er hat so getan, als zöge er seine Waffe. Doch es war eine Finte, der alte Mann hatte sein Gewehr beiseitegelegt. Es war eine Szene mit viel Symbolcharakter.

Eastwood aber mag nicht aufhören, er dreht weiter Filme, bis hin zu der unsäglichen Heldenverehrung "American Sniper". Nur vor die Kamera wird er wohl nicht mehr treten. Doch sein kantiges, wie in Stein gemeißeltes Gesicht hat sich ja längst eingebrannt in die Filmgeschichte. Es steht für hinterhältige Westernhelden und kriminelle Polizisten. Es steht für eine lange Hollywood-Karriere voller Widersprüche.

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Quelle: n-tv.de