Star-Parade zum AbschiedEin letzter Applaus für Stephen Colbert

Tränen, Beatles-Musik und ein "Colbert Questionnaire" mit Starbesetzung: Stephen Colberts letzte "Late Show" ist ein Abschied voller großer Gefühle und absurder Gags. Sogar seine Ehefrau Evie sorgt - zum Leidwesen der Kinder - für einen süßen Moment.
Elf Jahre lang war Stephen Colbert das Gesicht der US-amerikanischen Late Night - die "Late Show" bei CBS moderierte er bissig, politisch, oft absurd und immer mit einer Mischung aus Intelligenz und Wärme, die ihn zu einem der prägendsten TV-Moderatoren seiner Generation machte. Nun lief seine letzte Ausgabe. Und sie wurde weniger zu einer klassischen Abschiedssendung als zu einer riesigen Liebeserklärung von Freunden, Kollegen und Wegbegleitern.
Schon der Auftakt machte klar, dass dieser Abend anders werden würde. Colberts Monolog wurde immer wieder von prominenten Gästen aus dem Publikum unterbrochen. Bryan Cranston etwa spielte auf der Zuschauertribüne den schwer enttäuschten Star, nachdem Colbert ihm erklärt hatte, die Gästeliste sei zu voll, um ihn noch auf die Bühne einzuladen. "Warum zur Hölle bin ich dann hier?", rief der "Breaking Bad"-Darsteller empört und verließ unter großem Gelächter das Studio mit dem Hinweis, draußen sein Ticket verkaufen zu wollen.
Auch Paul Rudd durfte nur kurz auftreten. Mit einer Tüte Bananen in der Hand erklärte er, er habe Colbert zum Abschied ein Geschenk mitgebracht. Der Moderator konterte trocken, er habe eigentlich eher mit einer goldenen Uhr gerechnet. Später tauchten außerdem Ryan Reynolds und Tim Meadows auf - ebenfalls frustriert darüber, keinen Platz mehr auf der Couch bekommen zu haben.
Die Sendung spielte von Beginn an mit falschen Erwartungen. Die Crew deutete zunächst an, der letzte Gast des Abends werde der Papst sein. Doch der habe die Show kurzfristig abgesagt, scherzte man, weil er mit der Hotdog-Auswahl im Backstagebereich unzufrieden gewesen sei. Tatsächlich betrat wenig später eine echte Legende die Bühne: Paul McCartney. Der ehemalige Beatle wurde mit minutenlangen Standing Ovations empfangen - ein Moment, der selbst Colbert sichtbar emotional werden ließ.
Colbert beantwortet die wichtigsten Fragen
Besonders liebevoll geriet auch der Auftritt von Jon Stewart, Colberts langjährigem Freund und Mentor aus "The Daily Show". Stewart brachte zwei luxuriöse Lazy-Boy-Sessel auf die Bühne. "Du verdienst ein Geschenk, das dem Opfer und der Arbeit gerecht wird, die du in diese Show gesteckt hast - und das dir zeigt, welches Leben du jetzt führen kannst", sagte er. Die Sessel konnten per Fernbedienung zurückgefahren werden und verfügten sogar über eine Massagefunktion. Als Colbert und Stewart sich wieder aufrichten wollten, erschien die Sängerin Andra Day auf der Bühne und sang "Rise Up".
Natürlich durfte auch das legendäre Segment "The Colbert Questionnaire" nicht fehlen. Normalerweise stellte Colbert seinen Gästen darin 15 absurde und zugleich überraschend persönliche Fragen. In der letzten Ausgabe wurde das Konzept umgedreht: Nun musste Colbert selbst im Gästesessel Platz nehmen, während ihm verschiedene Stars die berühmten Fragen stellten. So wollte Billy Crystal wissen, welches sein Lieblingssandwich sei (Antwort: Im Sommer gut gewürzte Tomaten auf Roggenbrot, zu jeder anderen Jahreszeit heiße Pastrami mit Senf und wahlweise Coleslaw auf Roggenbrot). Weird Al Yankovic fragte nach seinem ersten Konzert, Josh Brolin nach dem furchteinflößendsten Tier.
Martha Stewart - die von Colbert daran erinnert wurde, einst Schlagsahne von seinem Finger geleckt zu haben - fragte schlicht: "Äpfel oder Orangen?" und erhielt Colberts übliche - und wahnsinnig US-amerikanische - Antwort: "Na ja, man kann keine Erdnussbutter auf Orangen streichen ...". Wenig später fragte Ben Stiller nach Colberts frühester Kindheitserinnerung und schließlich entlockte Robert De Niro ihm die Antwort auf eine Frage, die Fans seit Jahren beschäftigte: An welche Zahl denke er ständig? "Drei", antwortete Colbert. De Niro konterte sofort: "Ich hätte gedacht, es wäre 2,5 Millionen - die Anzahl an Epstein-Dokumenten, die Trump noch nicht freigegeben hat."
"... dann weiß ich, dass du wenig anhast"
Nach kurzen Auftritten von Mark Hamill, Tiffany Haddish und Jim Gaffigan folgte der emotionalste Teil des Abends: Colberts Ehefrau Evie nahm auf der Couch Platz. Sie erinnerte sich daran, wie beide 1995 arbeitslos und mit einem zwei Monate alten Baby dastanden. "Wenn uns damals jemand gesagt hätte, dass du hier sitzen würdest, umgeben von all diesen Menschen, die dich lieben ... das ist so wunderschön", sagte sie. Anschließend stellte sie ihrem Mann die Frage nach seinem Lieblingsduft. Colberts Antwort brachte das Publikum gleichzeitig zum Lachen und zum Seufzen: Er liebe den Moment, wenn sie sich oben im Haus nach dem Duschen fertig mache und er den Duft ihrer rosigen Körperlotion rieche. Sehr zum Leidwesen der drei gemeinsamen Kinder, die im Publikum buhten und ihre Daumen nach unten hielten, fügte er grinsend hinzu: "Dann weiß ich, dass du da drin bist ... und sehr wenig anhast."
Gerade diese Szene zeigte noch einmal, was Colbert von vielen anderen Late-Night-Moderatoren unterschied. Er war nie der Typ Gastgeber (wie etwa David Letterman oder Conan O'Brian), der mit weiblichen Gästen flirtete, sexuelle Witze auf deren Kosten machte oder ihnen hinterherlechzte. Selbst Komikerin Tiffany Haddish, die zuvor laut von einer gemeinsamen Reise mit ihm geträumt hatte, fragte er lediglich: "Darf ich meine Frau mitbringen?"
Im Zentrum des Abends stand aber nicht nur Nostalgie, sondern auch Dankbarkeit. In seinem Monolog wandte sich Colbert direkt an seine Zuschauer und seine Crew. "Ich möchte, dass ihr wisst, dass es uns eine große Freude war, diese Show für euch zu machen", sagte er. Hinter den Kulissen habe man die Sendung oft "The Joy Machine", also die "Freude-Maschine" genannt. "Denn um so viele Shows zu produzieren, muss es eine Maschine sein." Weiter sagte er: "Aber die Sache ist die: Wenn man sich dafür entscheidet, es mit Freude zu tun, tut es nicht so weh, wenn die Finger in die Zahnräder geraten, und ich kann euch gar nicht richtig erklären, was die Leute, die hier arbeiten, füreinander getan haben und wie viel wir einander bedeuten, also sage ich einfach zu ihnen: Ihr seid alle der großartige Achilles, den wir kannten."
Später wurde die Sendung plötzlich von einem "Wurmloch" übernommen - eine absurde Sketch-Idee, die zahlreiche Größen der US-amerikanischen Late Night zusammenführte: Elijah Wood, der Wissenschaftler und gern gesehene Talk-Gast (obwohl er einst eine Schlüsselrolle dabei gespielt hatte, Pluto den Titel als Planeten abzusprechen) Neil deGrasse Tyson, John Oliver, Jimmy Fallon, Seth Meyers, Jimmy Kimmel traten darin auf - ein letztes großes Klassentreffen des Late-Night-Fernsehens, mit der von Seth Meyers gestellten Frage: "Wo sollen die US-Amerikaner hingehen, um einem weißen Mann mittleren Alters dabei zuzusehen, wie er Witze über die Nachrichten macht?"
"Fuck Trump"
Politisch blieb der Abend erstaunlich zurückhaltend. Obwohl Donald Trump Colbert in den vergangenen Jahren immer wieder scharf attackiert hatte und das Ende der Show öffentlich begrüßte, erwähnte der Moderator den Präsidenten in seiner letzten Ausgabe nicht direkt. Stattdessen erklärte er, die Sendung habe den Zuschauern über Jahre dabei helfen sollen, gemeinsam die oft chaotische Nachrichtenlage zu verarbeiten. "Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe es definitiv gespürt", sagte er. Deutlicher wurde es nur, als Comedian Jim Gaffigan die Bühne betrat und ein - nicht ganz ernst gemeintes - Statement von Papst Leo übermittelte: "Fuck Trump!"
Dass die "Late Show" endet, bleibt dennoch umstritten. CBS hatte das Aus der traditionsreichen Sendung angekündigt, obwohl sie mit Colbert weiterhin die erfolgreichste Late-Night-Show ihres Sendeplatzes war. Besonders pikant: Kurz zuvor hatte Colbert seinen eigenen Sender öffentlich kritisiert, nachdem der Mutterkonzern Paramount Global im Streit mit Trump wegen eines Interviews mit Kamala Harris 16 Millionen Dollar gezahlt hatte. Colbert sprach damals von einer "fetten Bestechung". Zeitgleich bemühte sich Paramount um die Genehmigung einer milliardenschweren Fusion mit Skydance Media. Offiziell erklärte CBS jedoch, die Absetzung sei rein finanziell begründet.
Am Ende wirkte die letzte "Late Show" deshalb wie weit mehr als nur das Ende einer Fernsehsendung. Sie war ein Abschied von einer Ära des US-amerikanischen Fernsehens - und ein Beweis dafür, wie sehr Stephen Colbert nicht nur sein Publikum, sondern auch seine Kollegen geprägt hat. Wie es für den 62-Jährigen nun weitergeht, ist auch schon bekannt. Der "Herr der Ringe"-Fan soll am Drehbuch eines künftigen Films der Fantasy-Reihe mitschreiben. In seiner letzten Sendung berichtete Colbert auch, dass ihn viele Menschen derzeit fragten, was er nun tun werde: "Die Antwort ist: Drogen."