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Queen-Sänger starb vor 30 Jahren Es konnte nur einen Freddie Mercury geben

07_S.108_Freddie Mercury at Musicland Studios Munich 1980_copyright Peter Hince www.peterhince.com.jpg

Freddie Mercury 1980 mit einer Gitarre in den Münchener Musicland-Studios.

Freddie Mercury schrieb als Sänger von Queen und Komponist von Stücken wie "Bohemian Rhapsody" und "We are the Champions" Musikgeschichte. Es war ein Leben, in dem es keine Grenzen zu geben schien und das bis heute mit Überraschungen aufwartet.

Es kann nur einen geben, heißt es im Film "Highlander", zu dem 1986 Queen die Musik beisteuerten. Mit diesem Zitat eine Annäherung an Freddie Mercury zu beginnen, ist wie immer bei diesem Typen etwas übertrieben, etwas drüber und doch irgendwie passend. Denn es kann viele geben und er war nicht der einzige Einzigartige, aber zu denen gehörte er. Vor wenigen Jahren hat er durch den Film "Bohemian Rhapsody" wieder neuen Ruhm erlangt. Der Sänger Freddie Mercury starb heute vor 30 Jahren an Aids.

Heute wäre eine Push-Nachricht aufs Handy geschickt worden, damals gab es den Videotext. Ob genau diese Meldung dort zu lesen war, lässt sich nicht mehr überprüfen. Aber die dpa schickte am Montag, den 25. November 1991, am Morgen danach, diese Nachricht über den Ticker, den man damals noch zu Recht als Draht bezeichnen konnte:

"Der britische Rock-Star Freddie Mercury ist an den Folgen der Immunschwächekrankheit Aids gestorben. Wie sein Sprecher am Montag früh mitteilte, war die unmittelbare Todesursache des 45 Jahre alt gewordenen Lead-Sängers der Gruppe Queen eine Lungenentzündung. Mercury hatte erst einen Tag davor bekannt gegeben, dass er an Aids erkrankt war. Zu den größten Erfolgen des Sängers gehörten unter anderem 'Radio Ga Ga' und 'We are the Champions'."

Man könnte noch den ein oder anderen Song hinzufügen. Die für oben genannten Film namensgebende Komposition zum Beispiel. "Don't stop me now" wird heute wieder gern gespielt, läuft sogar manchmal in Clubs. Warum "sogar"? Weil Queen und Freddie Mercury nie besonders cool waren. Vielleicht weil die Band als Mit-Erfinder des Stadionrocks gilt und Mercury manchen größenwahnsinnig erschien. Mit seinem Motto "Je größer, desto besser" konnten all jene wenig anfangen, für die das intime Konzert im kleinen Klub das Größte ist.

Tatsächlich ist es ja so, dass viele Bands immer langweiliger werden, je mehr Menschen sich im Publikum tummeln. Nur wenige dringen bis zur letzten Reihe durch. Queen seien eine Gruppe gewesen, die immer besser geworden sei, je größer ihr Publikum war, sagte ein Wegbegleiter. Davon konnte sich die Welt am 13. Juli 1985 überzeugen. Damals war das Publikum die ganze Welt. Okay, das war jetzt wieder eine Mercury-hafte Übertreibung. Aber es war Live Aid, das "größte Musikspektakel aller Zeiten", wie der "Rolling Stone" meint.

Welt schaute auf Röhrenfernsehern zu

Weltweit schauten Menschen dem großen Schaulaufen auf kleinen Röhrenfernsehern zu und sahen Queen. "Sie stahlen die Show", sagte Organisator Bob Geldof anschließend. Und das lag nicht nur daran, dass ihr Toningenieur heimlich die Lautstärkeregler noch etwas höher geschoben hatte. Es lag an der Performance von Freddie Mercury. In Jeans, Turnschuhen und einer Art weißem Unterhemd kam er auf die Bühne und sang einige "seiner größten Erfolge", wie man in Deutschland damals sagte.

"Bohemian Rhapsody", "Radio Ga Ga", "Hammer to Fall", "Crazy little Thing Called Love", "We will rock you", "We are the Champions". Knapp 20 Minuten Hits. Freddie Mercury (und Queen) in Best-Form. Es ging bei Live Aid darum, Kinder in Afrika vor dem Hungertod zu retten. Die Queen-Performance gilt manchen als bestes Konzert der Band. Vielleicht eines der besten überhaupt.

Man kann wohl nicht sagen, dass Freddie Mercury jemals am Boden geblieben wäre, aber als er nach diesem Konzert backstage geht, trifft er auf Elton John. "Freddie, ihr wart absolut fantastisch", sagt der und Mercury antwortet: "Ja, waren wir. Aber was hast du für einen Hut getragen, du sahst aus wie die Königin-Mutter!". Die beiden sind Freunde und haben Spitznamen füreinander. Mercury nennt John "Sharon" und der nennt ihn "Melina" - so als wären sie Drag Queens.

Wer die Band nicht mochte, war nach Live Aid schon genervt. Der Auftritt sei wenig spontan und durchgeprobt gewesen, hieß es. Damit habe die Band nur ihre Karriere retten wollen. Fakt ist, dass der Auftritt der Band guttat. 1985 war Freddie Mercury 39 Jahre alt, damals schon ein fortgeschrittenes Alter für Rockmusiker. "Oh mein Gott, 20 Jahre schon?", fragte er wenige Jahre zuvor in einem Interview, als er auf das damalige Bandalter der Rolling Stones angesprochen wurde. Queen waren zum Zeitpunkt von Live Aid 15 Jahre aktiv.

Angefangen hatte es in London der frühen 70er Jahre. Die Beatles hatten sich gerade aufgelöst und junge Musiker wie David Bowie und Elton John, aber auch Bands wie Led Zeppelin, Black Sabbath oder T-Rex testeten die Grenzen aus. In dieser Zeit stieß der junge Grafikdesign-Student Farrokh Bulsara zur Band Smile, in der Brian May und Roger Taylor spielten. Zusammen formten sie Queen, der Bassist John Deacon stieß etwas später hinzu.

Farrokh ließ sich da schon Freddie rufen und änderte bald seinen Nachnamen in "Mercury". Nichts wies nun auf seine indisch-parsischen Ursprünge hin, auf seine Kindheit und Jugend in drei Erdteilen. Aufgewachsen als Sohn parsischer Eltern auf Sansibar (heute ein Teil Tansanias), ging er auf ein Internat in Indien und kam mit seiner Familie als Jugendlicher nach London. Wo seine Haare lang wurden und er Jimi Hendrix zu lieben begann. Nachdem er schon die Grenzen von Herkunft und Kultur hinter sich gelassen hatte, stellte er weitere infrage. Er lackierte sich die Fingernägel schwarz, trug Make-up und Damenblusen.

"Ich werde eine Legende"

Dass aus diesem jungen Mann mal derjenige werden würde, der Zehntausende Menschen mit einem Fingerschnippen singen lassen kann und noch 50 Jahre später Millionen mit seiner Musik glücklich machen würde, ahnte da noch niemand. Außer er selbst natürlich. Obwohl er ein schüchterner Typ gewesen sein soll und, wie er selbst sagte, seine vorstehenden Zähne hasste, sah er sich zu Höherem berufen. Ein Wegbegleiter erzählte mal, Mercury sei in einen Pub gekommen und habe gesagt: "Ich werde kein Star. Ich werde eine Legende!"

Das war wohl das, was manche nicht an ihm mochten. Das, was wie Arroganz wirkte, aber vor allem eines war: Show. Freddie Mercury meinte, man müsse dem Publikum mit Champagner zuprosten und in einer dicken Limousine vorfahren. Was nicht heißt, dass er das nicht genossen hätte. Er liebte nicht nur den großen Auftritt, sondern auch die große Party, je wilder, desto besser. Der Exzess lag ihm, schon in jungen Jahren habe er gern zwei Wochen gespart und dann das ganze Geld in einer Nacht ausgegeben, erzählte er mal.

Legendär sind seine Jahre in München, wo er von 1979 bis 1985 lebte. "Danke für die großen Brüste und das schlechte Benehmen", schrieb er seiner Freundin und zeitweiligen Mitbewohnerin Barbara Valentin als Widmung in sein Solo-Album "Mr Bad Guy". Dass er Männer liebte, war ihm zu jenem Zeitpunkt dennoch längst klar. Auch wenn die Ballade "Love of my Life" seiner ersten großen Liebe Mary Austin gewidmet war, seiner Freundin aus Londoner Zeiten, die ihm bis zu seinem Tod verbunden blieb. Songs wie das melancholische "It's a hard life" erzählen davon. Im Video dazu inszenierte er sich als einsamer Sonnenkönig, was wohl sogar seine Bandmitglieder mit den Augen rollen ließ.

Einen wie ihn musste wohl eine gewisse Einsamkeit umgeben. Der einstige Farrokh, der seine Liebe Mary verlassen musste und selbst keine Familie gründen konnte, weil die Zeiten andere waren. Der auf der Bühne weitgehend allein für Unterhaltung und Show zuständig war, so wichtig jeder einzelne Musiker auch an seinem Instrument war. Der auf Solo-Pfaden "The Great Pretender" sang und damit sich selbst meinte. Der in Interviews erzählte, dass er privat eher schüchtern sei. Der sich wieder und wieder ins Partyleben stürzte. Und hart aufschlug.

Wann er sich mit dem Virus infizierte? Darüber gibt es ein paar Theorien, aber es ist eigentlich egal. Als Anfang der 80er-Jahre HIV auftauchte, schockte es die ganze Welt. Gesundheitsaufklärer gaben sich alle Mühe, mit dem Vorurteil aufzuräumen, es sei nur eine Seuche der Homosexuellen. Dennoch war es in den ersten Jahren so, dass es unter ihnen besonders viele Opfer gab. Wenn schwule Männer aus jener Zeit erzählen, klingt es nach einem Gemetzel wie im Krieg.

Freddie Mercury hätte es kaum besser gehen können, bevor er von der Infektion erfuhr. Das Album "A Kind of Magic" war nach dem Energie-Booster von Live Aid entstanden und führte zu einer triumphalen Welttournee mit dem bis dato größten Konzert, das jemals in Deutschland stattgefunden hatte, in Mannheim, und vor allem auch dem ersten Stadion-Auftritt einer westlichen Rockband hinter dem Eisernen Vorhang, in Budapest. "Nicht schlecht für vier alternde Damen, oder?", rief Mercury in dieser Zeit einmal in die Menge. Das Ende der Tour waren zwei Abende im Londoner Wembley-Stadion und einer auf dem Knebworth-Festival. Was das letzte Queen-Konzert sein sollte.

Der große Schlussakkord

"Freddie erzählte mir gleich von seiner Diagnose, als er sie 1987 bekam", berichtete Elton John später. "Ich war am Boden zerstört, weil ich wusste, dass ihm ein qualvoller Tod bevorstand. Und das wusste er auch." Erst ein paar Jahre später fand man Medikamente, die HIV-positiven Patienten ein langes Leben ermöglichten.

Der Mann, der zuvor für wirklich jeden Spaß zu haben gewesen war, hielt sich nun zurück. "Ich lebe wie eine Nonne", sagte er in einem Interview. Immerhin war er zu dieser Zeit nicht mehr einsam und hatte mit seinem Partner Jim Hutton eine neue Liebe gefunden. Eine, die andauerte bis in den Tod. Und die andere Liebe, die zur Musik flammte wieder auf. Er ging neue Wege, nahm ein Album mit der Opernsängerin Montserrat Caballé auf, womit er wieder einmal eine Grenze überschritt. Und er ging wieder mit Brian, Roger und John ins Studio. Sie entschieden, nicht mehr den Namen des Songwriters hinter die Titel zu schreiben. Von nun an sollte da nur noch "Queen" stehen. Kein Egoismus mehr.

Hört man genau hin, ist das Album "The Miracle" (1989) schon als Abschied angelegt. Der große Schlussakkord kam dann aber zwei Jahre später mit "Innuendo". Der Titelsong nimmt Anklänge an die Frühphase der Band und ist ein großer Erfolg. Im Video zu "These are the days of our lives" schaut Mercury lächelnd und mit festem Blick in die Kamera und singt erst "I still love you" und dann flüstert er es noch einmal. Dann deutet er eine Verbeugung an. Die Presse fragt, warum die Band nicht mehr auf Tour geht, die Band erfindet irgendwelche Geschichten. Freddies Krankheit soll geheim bleiben. Er braucht Ruhe. Paparazzi-Fotos zeigen einen ausgemergelten Mann, der nur noch wenig mit der Bühnengestalt von einst zu tun hat.

Seine letzten Wochen verbringt er im Studio am Genfer See in Montreux. Er singt, wann immer er noch die Kraft findet, zum Teil im Rollstuhl. Sein Augenlicht lässt nach. Er friert schnell. "Bringt mir jeden Song, den ihr habt", bittet er seine Bandkollegen, auch nachdem "Innuendo" bereits erschienen ist. Irgendwann geht es nicht mehr. Er kehrt nach London zurück. Es gibt ein Foto aus dieser Zeit, wie er, ein Schatten seines früheren selbst, im Garten steht und in die Kamera lächelt. Am 24. November ist sein letzter Tag gekommen. Freddie Mercury stirbt.

Blumen liegen vor seinem Haus in Kensington, die Nachricht geht um die Welt, "... der Queen-Sänger … Aids … Fans auf der ganzen Welt trauern ... Bohemian Rhapsody … We are the Champions …" Der letzte Song des noch immer neuen Albums ergibt nun einen Sinn: Er heißt "The Show Must Go on" und er wird noch lange nachklingen.

Einen Monat später ist Weihnachten. Mercury ist bereits beerdigt, da bekommt Elton John ein Paket. Absender: Freddie Mercury. Es handelt sich um ein Gemälde eines Malers, der John gefiel, was Mercury wusste. Darin eine Karte: "Liebe Sharon, ich dachte das gefällt dir vielleicht, alles Liebe und frohe Weihnachten, Melina."

Der Moment, wenn man Play drückt

Man könnte sagen, dass mit Freddie Mercury eine Ära endete, vielleicht waren da erst so richtig die 80er zu Ende. Zumal die stilprägende Band der 90er, Nirvana, erst kurz danach ihren Durchbruch mit hartem, rohem Rock im Proberaumsound hatte und zum Jugendidol wurde. Show und Champagner waren sehr lange out, ja verpönt. Kurt Cobain schrieb 1994 in seinem Abschiedsbrief, dass er einfach nicht so ein Typ wie Freddie Mercury sei, der es offensichtlich genossen habe, auf der Bühne zu stehen.

Vielleicht wäre Freddie Mercury heute wieder auf Tour mit Queen, wahrscheinlich sogar, so wie es andere Bands der 70er und 80er und die ewigen Rolling Stones auch sind. Und so wie es Brian May und Roger Taylor mit neuen Sängern, seit mehreren Jahren der fantastische Adam Lambert, machen. Es wäre schön, ihn heute noch sehen zu können. Auch wenn er schon 75 wäre. Als Sänger, nicht als Strip-Künstler, was er selbst mal als beruflichen Alternativplan erwähnte. Vielleicht hätte er ja einen vierten Frühling, so wie Bruce Springsteen in den vergangenen Jahren. Aber wie sagte der einmal: Es kommt nicht auf die Zeit in deinem Leben an, sondern auf das Leben in deiner Zeit. Bei Freddie Mercury war da ziemlich viel.

Und nun, 30 Jahre später, kann man noch einmal den Film mit Rami Malek gucken, der wirklich gut in der Rolle ist. Oder man kann in das Musical "We will rock you" gehen, das seit Jahren in vielen Städten sehr erfolgreich läuft. Aber was wirklich bleibt, ist die Musik. Ob es 1977 nun cooler war, Punk zu machen, als "We are the Champions" zu singen, das ist dann egal. Es sind die Momente, wenn man Play drückt und er da wieder singt und die Lieder sich einfach nicht abnutzen und es auch nach 40 oder 50 Jahren wohl nicht mehr tun werden. Nicht nur weil sie gut gemacht sind, sondern weil da diese Ehrlichkeit in der Stimme ist, ein Temperament, ein Herz, das einfach nicht verblasst. Leben eben.

Quelle: ntv.de

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