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Die Natur schlägt zurück Hannes Jaenicke über Mensch und Misere

Bergbaumaschinen stehen im Tagebau Garzweiler. Foto: Federico Gambarini/dpa/Archivbild

Bergbaumaschinen im Tagebau Garzweiler - die größten der Welt.

(Foto: Federico Gambarini/dpa/Archivbild)

Sind wir tatsächlich im Zeitalter des Anthropozän angekommen, in dem die Spezies Mensch die Erde beherrscht und verändert? "Die Epoche des Menschen - Das Anthropozän" heißt der Dokumentarfilm, den Hannes Jaenicke vertont hat. Ein Film, der in Schulen gezeigt werden sollte und allen anderen, die noch immer an die Notwendigkeit von Öl und Elfenbein glauben. Die Filmemacher Jennifer Baichwal, Nicholas de Pencier und Edward Burtynsky sind über drei Jahre um den Globus gereist, um mit modernster Kameratechnik die Beweise dafür zu sammeln und spürbar zu machen, wie sehr der Mensch den ganzen Planeten dominiert. Herausgekommen ist die bildgewaltige Inventur des Zustands unseres Planeten, die uns sowohl die Schönheit als auch all den menschengemachten Schrecken zeigt, der auf unserer einmaligen Erde herrscht. Der Film steht in seiner Machart an der Kreuzung von Kunst und Wissenschaft - mit provokanten und unvergesslichen Bildern. Im Interview mit ntv.de sagt Hannes Jaenicke immerhin, dass er die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben hat.

ntv.de: Unglaublich beeindruckende Bilder …

Hannes Jaenicke: Und wenig Text (lacht). Ich hatte nicht viel zu tun, aber das ist in dem Fall gut so, denn diese Bilder sprechen für sich. Das ist ein Film, den man am besten auf der großen Leinwand sieht. Ich vertone ja öfters mal Dokus, und ich muss sagen, es ist großartig, wie spartanisch in diesem Film mit Sprache umgegangen wird.

Das ist auch mutig …

Der Schauspieler Hannes Jaenicke ist beim Münchner Filmfest zu sehen. Foto: Tobias Hase/Archiv

Hannes Jaenicke ruft dazu auf, endlich an den Erhalt der Erde, so wie wir sie kennen, zu denken.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Ja, aber man wird eben nicht abgelenkt mit irgendwelchem Info-Gelaber, sondern kann sich vollkommen auf die Bilder konzentrieren. Ich freue mich über jeden Film, der uns nicht dauernd mit Erklärbär-Texten zuballert. Die Bilder-Wucht in diesem Film ist jedenfalls enorm.

Wir sind am Beginn einer neuen Ära, nämlich der des Anthropozäns. Das heißt, es ist das Zeitalter, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist.

Bislang hat die Erde sich über Milliarden von Jahren evolutionär von selbst weiter entwickelt, und jetzt innerhalb kürzester Zeit übernimmt das der Mensch, der die Evolution quasi vollkommen in die Hand genommen hat. Es gibt also eine naturbedingte Evolution und eine von Menschen gemachte. Ich glaube, dass es vielen Leuten gar nicht so klar ist, dass wir diesen Planeten gerade in einer Art und Weise beeinflussen, die alles total unberechenbar macht.

Der Film ist wie eine Bestandsaufnahme - wir sehen alles, was schiefläuft, von Raubbau an der Natur wie in Garzweiler bis hin zu Raubbau an Tieren, wie in Afrika, wo wir Zeuge der Verbrennung von gewildertem Elfenbein werden. Was machen wir gegen weiteren Raubbau?

Am wichtigsten wäre es, den sogenannten Flächenfraß zu stoppen. Nehmen wir naheliegender Weise mal das Beispiel Deutschland, ein Land, das extrem aufgeklärt, gebildet, modern und wohlhabend ist. Deutschland vernichtet pro Sekunde 10 Quadratmeter Grünfläche. Das macht pro Tag 84 Fußballfelder. Wie lange wollen wir das noch durchziehen? Bis der letzte Quadratmeter auch noch versiegelt ist, damit Gewerbeparks gebaut werden können und Andreas Scheuer auf neuen Straßen seine schwachsinnige Verkehrspolitik betreiben kann?

Wir brauchen also …

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Verbrennung von Elfenbein - das Abschlachten der Elefanten in Afrika muss endlich aufhören.

(Foto: picture alliance/dpa)

... dringend große Marineschutzgebiete, wir brauchen viel mehr Nationalparks und Naturschutzgebiete, um die Natur, wo es sie noch gibt, besser zu schützen. Corona war die Rache für das zu penetrante Vordringen in die Natur. Vielleicht sollte man mal darüber nachdenken, dass Corona den Tieren nichts ausmacht. Es wurde nachgewiesen, dass Hunde, Katzen oder Fledermäuse mit dem Virus befallen sind, aber sie werden nicht krank. Und jetzt schlägt die Natur zurück. Das hat sie vorher schon mit Sars, mit Schweinepest oder BSE - und da das nicht gereicht hat, zeigt sie uns jetzt mit Corona die rote Karte. Vielleicht hilft dieser Warnschuss. Es muss einfach aufhören, dass wir die gesamte Erde als Plünderungsstätte wahrnehmen.

Finden Sie wirklich, dass Corona etwas bewirkt oder verändert hat?

Nicht genug, das stimmt schon, wahrscheinlich haben wir den Schuss noch immer nicht gehört. Das sieht man allein daran, wie die Deutschen mit Kultur umgehen. Haben wir die Kultur unterstützt? Kaum. Frankreich hat das anders gemacht, da zählt Kultur anscheinend mehr. Wobei ich nicht weiß, ob die Politiker Kulturbanausen sind oder ob wir als Volk einfach desinteressiert sind. Bei uns geht es nicht so sehr um Kino, Konzerte oder Theater, hier ist die oberste Priorität, ob wir schnell wieder shoppen gehen können. Möglichst schnell ein neues Auto kaufen, möglichst schnell ins nächste Flugzeug steigen oder ins Fußballstadion gehen können. Andererseits muss man sagen, die Luft ist noch immer ganz gut, außer der Fußball-Nationalmannschaft fliegt ja kaum jemand (lacht).

Haben wir denn etwas gelernt?

Na ja, wir sollten gelernt haben, dass es nicht viel gibt, was wir wirklich dringend brauchen. Was man braucht, sind Lebensmittel. Und ein paar Textilien. Und die Frage stellt sich: Lebt unser ganzes Wirtschaftssystem davon, dass wir ständig Dinge kaufen, die wir eigentlich gar nicht brauchen. Das sollte uns zu denken geben. Aber vielleicht setzt ja noch ein Denkprozess ein, noch ist die Krise ja nicht vorbei.

Der Film schafft es, dass man Gänsehaut bekommt, wenn ein Bagger in Carrara, Italien, riesige Brocken aus dem Marmor herausstemmt - ein Gefühl, als ob einem selbst etwas weggerissen wird.

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Marmorabbau in Carrara - wie lange kann das noch so weitergehen?

(Foto: dpa)

Der Marmor hat Millionen Jahre gebraucht, um zu entstehen. Und jetzt verschwindet er innerhalb kürzester Zeit. Es gibt in Neuseeland ein Gesetz, das besagt, man darf gewisse Dinge nur noch verarbeiten, wenn sie vorher schon mal verarbeitet wurden. Manche Baumarten zum Beispiel. Man braucht nicht ständig neues Material, man könnte alte Eisenbahnbohlen benutzen. Wir sollten endlich anfangen, das, was wir schon mal benutzt haben, konsequent wieder zu verwenden. Damit wäre dem Planeten sehr geholfen. Kreislaufwirtschaft ist ein Thema, das bisher völlig unterschätzt wird.

Haben wir es versäumt, uns um die Erde zu kümmern, wie man sich eigentlich um eine gute Freundin kümmern sollte?

Ganz klar, ja. Ich setze auf die neue, junge Generation. Die haben längst mehr kapiert als wir, nehmen Sie zum Beispiel die "Fridays For Future"-Bewegung.

Wir sind an der Grenze zur Grenze angekommen, heißt es im Film - wie nahe sind wir denn an der Grenze?

Kommt drauf an, wie man die Grenze definiert. Der Planet wird sich so oder so weiter drehen. Übrigens auch ohne uns. Die Frage ist, ob wir rechtzeitig und freiwillig umsteuern, oder warten, bis wir dazu gezwungen werden. Ich habe das Gefühl, dass der Leidensdruck noch nicht groß genug ist. Die Politik und große Teile der Wirtschaft haben nichts verstanden, es werden weiter Dieselautos gebaut, wir vermüllen die Erde mit Plastik und anderen Giften, es wird weitergeflogen, der Planet wird weiter ausgeplündert. Es geht nach der Covid-19-Krise nur um die Restauration eines Wirtschaftssystems, von dem wir wissen, dass es nicht funktioniert. An ewiges Wachstum kann doch kein vernünftiger Mensch wirklich glauben!

Wo entdecken Sie Fortschritte, wer hat etwas verstanden?

Ich drehe demnächst eine Doku in Costa Rica, das wird das erste Land der Welt, das CO2-neutral ist. Interessanterweise ein Schwellenland. Costa Rica hat 1949 seine Armee abgeschafft, weil man der Meinung war, dieses Geld könne man besser in Bildung, Soziales und Umwelt stecken. Die Schweiz wird wahrscheinlich folgen. Es wird Menschen und Länder geben, die alles tun, um den totalen Kollaps vielleicht noch zu verhindern. Und es wird die geben, die so lange warten und einfach weitermachen wie gehabt, bis es tatsächlich zu spät ist.

Welche Hoffnungen haben Sie - können die Wahlen in den USA oder auch nächstes Jahr in Deutschland irgendetwas bewirken?

Gut wäre es, wenn wir auf Bundesebene eine grün-schwarze Koalition kriegen. Es gibt sowohl in der CDU als auch in der CSU Leute, die das Umweltthema mittlerweile auf dem Schirm haben. Für die USA bin ich skeptisch. Bei den letzten Wahlen hätte ich gewettet, dass Trump nicht gewählt wird. Ich hab' keine Ahnung, was am 3. November passieren wird. Amerika ist das Musterbeispiel eines Landes, das nicht in Bildung investiert hat. Wir machen das übrigens nicht viel besser. Das sieht man daran, dass wir jetzt den dritten Auto-Gipfel veranstalten, aber keinen Bildungsgipfel. Oder Kinder- oder Pflegegipfel. Aber hoffnungslos bin ich nicht.

Welchen Rat haben Sie für den Einzelnen?

Die schärfste Waffe, die wir haben, ist der Geldbeutel. Wir könnten den Markt komplett vor uns hertreiben, wenn wir vor Inbetriebnahme des Geldbeutels das Gehirn einschalten würden. Das meistverkaufte Auto in Deutschland ist der SUV - würden wir aufhören, die zu kaufen, würde man auch aufhören, die zu bauen. Wenn du vor einem Regal stehst, dann kannst du dich entscheiden, ob du konventionellen Kaffee kaufst oder ein Fair-Trade- und Bio-Produkt. Bei Klamotten ist es genauso, auch da kann man fair einkaufen. Oder eben nicht, weil die Textilien unter katastrophalen sozialen und Umweltbedingungen produziert wurden.

E ist ja das neue Öl - aber das gefällt vielen auch nicht, weil auch das nicht umweltschonend genug ist.

Ja, das höre ich ständig, dass das E-Auto mit seiner Lithium-Batterie schädlich ist. Gegenfrage: Wie viele Öl- und Tanker-Katastrophen hatten wir in den letzten Jahrzehnten? Wie viele Kriege wurden wegen Öl geführt, wie viele Opfer haben diese Kriege gefordert? In Kuweit, im Irak, Iran, Sudan, Jemen? Unser Durst nach Öl hat unendliches Unglück produziert. Und dann soll ich mir anhören, dass meine Lithium-Batterie eine Umweltkatastrophe ist? Ich höre als Vegetarier auch andauernd, wie viel Wasser Mandeln oder Avocados zum Wachsen brauchen. Merkwürdigerweise fragt keiner danach, wie viel Wasser für ein Rinderhüftsteak gebraucht hat, bis es auf dem Teller liegt. Also bitte - die Lobby der Verbrennungsmotoren soll mal den Mund halten. Tesla-Batterien werden längst recycelt. Öl und Kohle sind einfach immer noch zu billig. Was ist mit Feinstaub, Luftverpestung, CO2-Ausstoß, Psyeudokrupp bei Kindern - es gibt keine Alternative zu emissionsfreiem Fahren.

Wir brauchen also eine Energiewende?

Natürlich. Wir haben ja kein Wissens- oder Informationsdefizit, sondern ein Umsetzungsdefizit. Und daran müssen wir arbeiten.

Mit Hannes Jaenicke sprach Sabine Oelmann

Der Film startet am 10. September in den Kinos

Quelle: ntv.de