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Freitag, 13. April 2018

Echo 2018: Hohle Köpfe und weiche Eier

Von Kai Butterweck

Ganz Pop-Deutschland gegen Kollegah und Farid Bang? Von wegen! Der Einzige, der sich bei der Echo-Verleihung gegen die in Musik gegossene Verkümmerung von Sitte und Anstand auflehnt, ist ein Ur-Punk mit reichlich Schaum vorm Mund.

Seit seiner Geburt im Jahr 1992 hat der Echo schon so manch schallende Kritiker-Ohrfeige einstecken müssen. Jedes Jahr aufs Neue fliegen den Verantwortlichen des alljährlich verliehenen Möchtegern-Grammys Bewertungen wie "langweilig", "peinlich" und "vorhersehbar" um die Ohren. So richtig jucken tut das Gemaule von außen aber niemanden innerhalb der sich artig gegenseitig auf die Schultern klopfenden Echo-Familie. Im Beisein von nationalen und internationalen Schlager-, Rock- und Pop-Ikonen lässt die High Society der hiesigen Phono-Industrie jegliche Kritik an sich abprallen.

Spätestens seit der im Jahr 2013 angeleierten Frei.Wild-Nominierungs-Posse weht den Verantwortlichen aber ein "Kann doch nicht euer Ernst sein!"-Gegenwind um die Nasen, dem man nicht einfach so mit einem Gläschen Schampus und einem Who-cares?!-Grinsen im Gesicht aus dem Weg gehen kann.

Wer hat den hohlsten Reim am Start?

Außer Campino wollte keiner der Preisträger Stellung beziehen.
Außer Campino wollte keiner der Preisträger Stellung beziehen.(Foto: AP)

Auch in diesem Jahr steht die Anti-Echo-Community wieder mit zusammengezogenen Augenbrauen vor den Toren der Berliner Messehallen. Die fleischgewordenen Steine des Anstoßes: Felix Blume alias Kollegah und Farid Hamed El Abdellaoui alias Farid Bang.

Das muskelbepackte Deutschrap-Duo aus Düsseldorf steht dieser Tage nicht das erste Mal vor einer Wand von imaginären Stinkefingern. Mit ihrem nahezu alles verachtenden Wer-hat-den-hohlsten-Reim-am-Start-Gehabe treten die beiden Rheinländer schon seit Jahren von einem Gesellschafts-Fettnäpfchen ins andere. Der Text des aktuellen Dreiminüter-Aushängeschilds des Zweiers "0815" ("Mein Körper definierter als von Ausschwitzinsassen …") bringt das Fass hier und heute aber zum Überlaufen.

Schon im Vorfeld brodelte es in öffentlichen Küchen. Presse, Musiker, Fans: Alle zeigten mit den Fingern auf die rappenden Rüpel. Nach der ersten halben Echo-Stunde fragt man sich daheim vor der Mattscheibe allerdings: Ja, wo sind sie denn, all die Vorab-Kritiker? Statt den genüsslich Bier, Wein und Wasser schlürfenden Angeklagten eine Geht's-noch?-Ansprache nach der anderen vor den Latz zu knallen, schalten Mark Forster, Rea Garvey und Co lieber in den butterweichen Nichts-hören-nichts-sehen-nichts-sagen-Modus.

Campino schießt aus allen Anti-Rohren

Erst als Campino die Bühne betritt und den von Alice Merton überreichten Echo gegen drei knittrige DIN-A-4-Seiten eintauscht, spitzt man daheim die Lauscher. Ohne die tätowierten Schatten des Abends beim Namen zu nennen, schießt der Hosen-Frontmann bestimmt und nachhaltig aus allen Anti-Rohren. Es fallen Begriffe wie "frauenverachtend", "homophob" und "antisemitisch". Campino ist sichtlich angefressen und will "keinen tieferen Sinn in etwas suchen, wo es keinen Sinn gibt".

Der Tisch, an dem Kollegah und Farid Bang die Beine ausstrecken, rührt sich erstmal nicht vom Fleck. Es werden keine Flaschen auf die Bühne geschmissen und keine Stühle geworfen. Eine knappe Stunde später folgt jedoch die Retourkutsche. Die immer noch aufgewühlte Punk-Ikone primitiv nachäffend, schlendert Kollegah mit seinem "Kollegen" im Arm auf die Bühne, um den Echo in der Kategorie "Hip Hop/Urban National" entgegenzunehmen. Mit einer selbst gezeichneten Campino-Karikatur in der Hand pöbelt und bellt der an die Leine gelegte Hip-Hop-Bulldozer zurück. Das "Echo": lautes Gejohle und Buh-Rufe aus dem Publikum.

Fremdschäm-Auftritt ohne Contra-Folgen

Jetzt aber!, denkt sich der Zuschauer. Nun sollte auch der Rest des Abends ganz im Zeichen der Wir-gegen-jegliche-Form-der-Verachtung-und-Diskriminierung stehen. Aber Pustekuchen. Keiner der im Anschluss noch im Rampenlicht stehenden Branchen-Hochkaräter verliert auch nur ein weiteres Wort über den Fremdschäm-Auftritt des Abends. Stattdessen knutscht man wie wild das eigene Spiegelbild, erfreut sich an den Hüftschwüngen von Rita Ora, Kylie Minogue, Helene Fischer und Luis Fonsi und zählt eifrig die eingeheimsten Trophäen.

Um kurz nach elf geht schließlich die Saalbeleuchtung an. Alle Pop-Lemminge springen von ihren Sitzen und folgen den Hinweisschildern mit der Aufschrift "Zur After-Show-Party". Jetzt zählen nur noch drei Dinge: sehen, gesehen werden und bechern, bis der Arzt kommt. Ob Campino wohl mit anstoßen wird?

Quelle: n-tv.de