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"Ich rief auch 'Pädophiler'"Tourette-Aktivist ist voller "Schuld und Scham"

25.02.2026, 14:56 Uhr
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LONDON-ENGLAND-SEPTEMBER-29-John-Davidson-attends-the-London-gala-screening-of-I-Swear-at-The-Curzon-Mayfair-on-September-29-2025-in-London-England-Photo-by-Tim-P
Hat die BAFTAs unfreiwillig aufgemischt: John Davidson. (Foto: Getty Images for STUDIOCANAL)

Der an dem Tourette-Syndrom leidende John Davidson sorgt für jede Menge Wirbel, als er bei der Verleihung der Filmpreise BAFTA Beleidigungen ins weite Rund plärrt. Dass er das N-Wort rief, konnte jeder hören. Doch das war noch nicht alles, wie er jetzt offenbart.

Das Tourette-Syndrom ist als neurologisch-psychiatrische Erkrankung ebenso anerkannt wie die Koprolalie - der zwanghafte, unwillkürliche Ausspruch obszöner Wörter - als eines ihrer möglichen Symptome. Wenn die Krankheit dann ganz real auf eine glamouröse Zeremonie wie die Vergabe der britischen Filmpreise BAFTA trifft, kann das dennoch für bizarre Momente sorgen - und offenbar auch für jede Menge Erklärungsbedarf im Nachhinein.

So geschehen am vergangenen Sonntag. Der bekannte Tourette-Aktivist John Davidson saß im Publikum der Preisverleihung, bei der der auf seiner Lebensgeschichte basierende Film "I Swear" unter anderem die Trophäe für den besten Hauptdarsteller Robert Aramayo abräumte. Vor und während der Gala entfuhren dem 54-Jährigen mehrfach barsche Kommentare wie "Langwellig!", "Schwachsinn!" oder "Halt die Klappe!". Die größte Aufregung erregte allerdings sein Ruf des N-Worts, während die schwarzen "Sinners"-Stars Michael B. Jordan und Delroy Lindo auf der Bühne waren.

Die Vorfälle, die bei der Ausstrahlung der Preisverleihung durch den Sender BBC deutlich zu vernehmen waren, haben im Nachgang bereits zu einer heftigen Debatte geführt. Oscar-Preisträger Jamie Foxx etwa bezeichnete die Geschehnisse als "inakzeptabel" und schwang sich zum Mediziner auf, indem er Davidson unterstellte: "Das meinte er so."

BBC entschuldigte sich

Die BBC, die dafür kritisiert wurde, dass sie Davidsons Zwischenrufe nicht zensierte, als sie die Aufzeichnung der BAFTAs zeitversetzt sendete, entschuldigte sich und machte die Passagen in der Streaming-Version nachträglich unkenntlich. Und auch Davidson meldete sich zu Wort und bekannte, dass er "zutiefst beschämt" sei, "falls jemand meine unwillkürlichen Tics für absichtlich hält oder ihnen eine Bedeutung beimisst". Als er das Unbehagen wegen seiner Ausrufe gespürt habe, habe er die Veranstaltung vorzeitig aus freien Stücken verlassen.

Doch damit ist die Sache noch immer nicht gänzlich vom Tisch, auch weil sich Davidson nun noch einmal selbst geäußert hat - und dabei weitere Einblicke in sein Verhalten gewährt, das ohne Wissen um seine Tourette-Erkrankung so unerklärlich und unverschämt anmutet.

Abermals erklärt der Schotte, er fühle "unerträgliche Schuld und Scham", dass ihm das N-Wort "wie ein Schuss aus dem Kopf geschossen" sei. Zugleich gesteht er im Gespräch mit dem Magazin "Variety", während der Preisverleihung zehn verschiedene beleidigende Wörter gerufen zu haben. Dabei habe es auch Moderator Alan Cumming getroffen, der auf der Bühne beim Publikum um Verständnis für das absonderliche Verhalten Davidsons gebeten hatte.

"Aufgewühlt und verzweifelt"

"Am Sonntag scherzte Alan Cumming über seine eigene Sexualität und sagte in Anspielung auf Paddington-Bär: 'Vielleicht möchtest du mit mir nach Hause kommen, Paddington. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich einen haarigen peruanischen Bären mit nach Hause nehme", schildert Davidson die Situation und ergänzt: "Das führte bei mir zu homophoben Reaktionen und schließlich zu dem Ausruf 'Pädophiler', der wahrscheinlich dadurch ausgelöst wurde, dass Paddington-Bär eine Kinderfigur ist."

Davidson habe sich inzwischen an das Produktionsstudio von "Blood & Sinners" gewandt, um sich bei Jordan, Lindo und der Produktionsdesignerin Hannah Beachler zu entschuldigen, heißt es. Auch sie hatte erklärt, von Davidson nach der Show rassistisch beleidigt worden zu sein. Zugleich schloss sich Davidson der Kritik an der BBC an. Er sei davon ausgegangen, dass der Sender den Ton bei der BAFTA-Ausstrahlung kontrollieren würde.

"Wenn sozial inakzeptable Worte fallen, sind die Schuld- und Schamgefühle für den Betroffenen oft unerträglich und verursachen enormen Kummer. Ich kann gar nicht beschreiben, wie aufgewühlt und verzweifelt ich bin, seit ich die Tragweite des Vorfalls vom Sonntag realisiert habe", erklärt Davidson.

Der britischen "Daily Mail" zufolge war es bei weitem nicht das erste Mal, dass seine Krankheit Davidson in unangenehme Situationen gebracht hat. So soll er etwa "Fuck the Queen" erklärt haben, als ihm die damalige britische Königin Elizabeth II. 2019 die Auszeichnung "Member of the Most Excellent Order of the British Empire" (MBE) verlieh. Im selben Jahr soll er bei einer Fahrzeugkontrolle gerufen haben: "Eine Bombe! Ich habe eine verdammte Bombe!" Ein weiteres Mal habe ihn ein Mann mit einer Eisenstange fast zu Tode geprügelt, nachdem er dessen Freundin mit einem unangemessenen Kommentar überzogen hatte.

Quelle: ntv.de, vpr

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