N-Wort-Eklat bei den BAFTAsTourette-Aktivist zeigt sich "zutiefst beschämt"

Zwei Tage nach der Vergabe der britischen Filmpreise BAFTA spricht kaum noch jemand über die Preisträger. Allgegenwärtig ist stattdessen die Debatte um die Beleidigungen, die der am Tourette-Syndrom leidende John Davidson während der Zeremonie rief. Nun meldet er sich selbst zu Wort.
Mit viel Pomp sind am Sonntag in London die BAFTAs über die Bühne gegangen. Kein Wunder: Schließlich gelten die Filmpreise als das britische Pendant zu den Oscars. Doch ganz ungetrübt verlief die Zeremonie nicht. So waren vor und während der Verleihung der Trophäen mehrfach beleidigende Zwischenrufe zu hören. Sie stammten von dem Tourette-Aktivisten John Davidson, der sich unter den BAFTA-Gästen im Publikum befand.
Die Lebensgeschichte des Schotten war die Inspiration für das Biopic "I Swear", für das Hauptdarsteller Robert Aramayo bei der Preisverleihung als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde. Davidson leidet an einer schweren Form des Tourette-Syndroms, die mit Koprolalie einhergeht - dem unwillkürlichen Ausstoßen von Tabu-Wörtern.
Nach der teils heftigen Kritik, die sich im Anschluss in den sozialen Netzwerken ob der Beleidigungen firmierte, hat sich der 54-Jährige nun in einem emotionalen Statement selbst zu Wort gemeldet. In der Stellungnahme, die dem Magazin "Variety" vorliegt, betont Davidson seine Dankbarkeit gegenüber den Veranstaltern. Dass er trotz seiner schweren Symptomatik eingeladen worden sei, werte er als wichtiges Zeichen für Inklusion.
Davidson verließ den Saal
"Ich habe mich sehr über die Ankündigung im Auditorium vor der Aufzeichnung gefreut, die alle darauf hingewiesen hat, dass meine Tics unwillkürlich sind und nichts über meine persönlichen Ansichten aussagen", sagt Davidson. Der Applaus, der auf diese Erklärung im Saal folgte, habe ihn tief berührt und ihm das Gefühl gegeben, in einem Umfeld willkommen zu sein, das Menschen mit seiner Erkrankung normalerweise "unmöglich" betreten könnten. "Ich kann nur sagen, dass ich zutiefst beschämt bin, falls jemand meine unwillkürlichen Tics für absichtlich hält oder ihnen eine Bedeutung beimisst."
Davidson verweist darauf, dass er die Zeremonie vorzeitig aus freien Stücken verlassen habe. Er habe bemerkt, welches Unbehagen seine Tics bei anderen Gästen ausgelöst hätten und habe die Veranstaltung nicht weiter belasten wollen.
Davidson hatte unter anderem mit einem rassistischen Ausruf während der BAFTAs für Aufruhr gesorgt. Als die "Blood & Sinners"-Co-Stars Michael B. Jordan und Delroy Lindo auf der Bühne standen, um die Kategorie "Beste visuelle Effekte" zu präsentieren, hallte das N-Wort aus dem Zuschauerraum durch den Saal.
"Halt die Klappe"
Im Einklang mit dem feierlichen Ton des Abends unterbrach Moderator Alan Cumming während der Moderation mehrfach die Show, um die Zuschauer darauf hinzuweisen: "Sie haben vielleicht verstörende Sprache im Hintergrund bemerkt. Das kann Teil dessen sein, wie sich das Tourette-Syndrom bei manchen Menschen äußert", sagte er unter Bezugnahme auf "I Swear". "Danke für Ihr Verständnis und dafür, dass Sie dazu beitragen, einen respektvollen Raum für alle zu schaffen."
Tourette-bedingte Ausrufe von Davidson waren bereits in den ersten 20 Minuten der BAFTA-Zeremonie mehrfach aufgetreten, etwa als er "Langweilig!" rief, während den Gästen vor Beginn der Show der Ablauf erklärt wurde, und "Schwachsinn!", als die geladenen Zuschauer gebeten wurden, nicht zu fluchen. Außerdem rief er "Halt die Klappe", während BAFTA-Chefin Sara Putt ihre einleitenden Worte sprach.
Delroy Lindo und Michael B. Jordan haben sich bislang noch nicht offiziell zu den Vorfällen geäußert. "Vanity Fair" berichtet jedoch, Lindo habe dem Magazin bei einer Aftershow-Party gesagt, er und Jordan hätten "getan, was wir tun mussten", indem sie auf der Bühne ruhig geblieben seien. Zudem habe Lindo den deutlichen Wunsch geäußert, "dass jemand von den BAFTA-Veranstaltern anschließend mit uns gesprochen hätte".
"Nicht akzeptabel"
Schauspieler Jamie Foxx wurde in seiner Kritik des Eklats deutlicher. Der Hollywood-Star schrieb unter einem Social-Media-Post zu dem Vorfall: "Nicht akzeptabel" und "Nein, das meinte er so".
Der Schauspieler Wendell Pierce, bekannt aus der HBO-Serie "The Wire", sagte: "Es ist ärgerlich, dass die erste Reaktion keine vollständige und deutliche Entschuldigung an Delroy Lindo und Michael B. Jordan war. Die Beleidigung ihnen gegenüber hat Vorrang. Es spielt keine Rolle, aus welchem Grund der rassistische Ausruf erfolgte."
Die Produktionsdesignerin von "Blood & Sinners", Hannah Beachler, erklärte in den sozialen Medien, dass auch sie beim Verlassen der Veranstaltung mit einem rassistischen Ausruf von Davidson konfrontiert worden sei. Zugleich kritisierte sie die ihrer Ansicht nach unzureichende Entschuldigung der Verantwortlichen.
BBC entfernt Szene
"I Swear"-Star Robert Aramayo erklärte hingegen verteidigend, dass Davidsons Beleidigung der "Blood & Sinners"-Darsteller ein "Tic" und "kein absichtliches Fluchen" gewesen sei.
Besonders schwer wiegen die Vorwürfe gegen den Sender BBC. Das Event wurde nicht live übertragen, sondern mit einer Verzögerung von zwei Stunden gesendet. Kritiker äußerten Unverständnis darüber, dass das N‑Wort hörbar blieb, während etwa ein Kommentar von Akinola Davies Jr. mit "Free Palestine" entfernt wurde. Ebenso wurden ein Witz von Cumming, der offenbar auf Donald Trump anspielte, sowie das Wort "piss", das von Preisträger Paul Thomas Anderson gesagt wurde, zensiert.
Am Montag veröffentlichte die BBC eine Entschuldigung. Die Szene werde aus der im Stream zur Verfügung stehenden Version entfernt. BAFTA erklärte in einer Stellungnahme, man erkenne den "angerichteten Schaden an, kläre den Vorfall auf und entschuldige sich bei allen Betroffenen".