Unterhaltung

Mandoki sorgt sich um die Kultur Katastrophe für die Seele der Gesellschaft

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Brönner und Mandoki sind sich einig: "Wir als Künstler sind für Emotionen zuständig, und wenn wir durch diesen schrecklichen Winter, der wie ein dunkler Tunnel auf uns zukommt, durchkommen wollen, dann müssen wir uns alle die essenzielle Wichtigkeit von Kunst und Kultur vor Augen führen."

(Foto: imago stock&people)

Leslie Mandoki gehört zu den unermüdlichen Mahnern, Denkern und Aktivisten, die sich im Augenblick des zweiten Corona-Lockdowns mehr denn je fragen: "Wo soll das alles hinführen?" Doch anstatt nur zu lamentieren, hat der Musiker - wie immer - auch konkrete Ideen.

Die Stimmen mehren sich, die sagen: "Hallo, wir sind auch noch da!" Zuletzt war es Till Brönner, der mit seinem emotionalen Beitrag für Aufsehen gesorgt hat, er fragte, und das ist eher ungewöhnlich für den Star-Trompeter: "Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen und uns Arbeitslosengeld II anbieten?" Dass Brönner sich auf diese Art und Weise geäußert hat, heißt, dass er die momentane Lage wirklich desaströs findet. Einer, der genau weiß, was sein Freund und Kollege damit meint, ist der Musiker Leslie Mandoki.

"Wir haben kein Nachfrageproblem wie beispielsweise Lufthansa, wir haben schlicht und einfach Berufsverbot", so Mandoki. "Kunst und kulturelle Vielfalt sind existenziell für unsere 'bunte Republik', wie mein Soulmate Udo Lindenberg unser Land nennt." Mandoki sorgt sich nicht um sich selbst, er gehört zu den etablierten Künstlern. Er sorgt sich um die Existenz der jungen und innovativen Künstler, die auf die kleineren Bühnen und Festivals angewiesen sind und bereits durch die Firmenpolitik der Tonträgerindustrie keine Rücklagen mehr bilden konnten. "Ich sorge mich um all die Techniker, Veranstalter, Caterer, Fahrer und all die Menschen, die es uns Künstlern ermöglichen, auf der Bühne zu stehen. Eine komplexe Wertschöpfungskette aus Dienstleistern steht kurz vor dem Zusammenbruch, und es wäre eine Katastrophe für die Seele unseres Landes, wenn die Fülle und Vielfalt unserer Kultur dadurch drastisch ausgedünnt werden würde", so der gebürtige Ungar. "Mein Wunsch an die Politik ist, dass sie die Terminologie "Systemrelevanz" komplett überdenkt und neu definiert."

Und er fährt fort: "Wir müssen als Gesellschaft - Kulturschaffende und Publikum - gemeinsam aufstehen und uns für den Erhalt und die Vielfalt unserer Kunst und Kultur, und damit auch den Schutz unserer Demokratie einsetzen." Wie wichtig der Schutz unserer Demokratie ist, erleben wir täglich, siehe Wien. Die Welt scheint gerade aus den Fugen zu geraten, momentan leider noch mehr als sonst. Mandoki befürchtet, dass die Gesellschaft - nach hoffentlich in naher Zukunft überstandener Pandemie - auch von ihren Künstlern nicht mehr aufgerichtet werden kann. Denn Künstler können, wenn sie nicht mehr ihrer Arbeit, der Kunst in jeglicher Form, nachgehen dürfen, kein sicherer und somit auch kein unabhängiger Kompass einer Gesellschaft mehr sein.

Bedrohungen aus allen Richtungen

Dass die Stilllegung des Kulturlebens und die Nichtbeachtung der Nöte der Kreativen mit der Kernbotschaft, Kunst sei angeblich weder system- noch humanrelevant, dauerhaft das Seelenwohl unseres ganzen Landes betrüben wird, das befürchtet Leslie Mandoki. Seit Jahren macht er sich, auch mit seinen "Soulmates", einer Band aus aller Herren Länder, für andere stark. Der 67-Jährige, der sich immer wieder einmischt, immer wieder dazu aufruft, alle Chancen, die wir haben, zu nutzen, sagt gegenüber ntv.de in Bezug auf Corona: "Die Chinesen nutzen das gleiche Wort für Krise und Chance. Diese Krise ist gewaltig und überfordert uns alle, aber sie birgt auch eine Chance."

Dass dies nicht nur ein Kalenderspruch ist, untermauert der erfolgreiche Musiker wie folgt: "Wir haben jetzt die Möglichkeit, eine konstruktive Korrektur unseres gesellschaftspolitischen Leitbildes vorzunehmen, damit wieder die Menschen im Mittelpunkt stehen. Damit die Achtsamkeit über der Gleichgültigkeit und die Menschlichkeit über der Gier stehen. Es ist an der Zeit, neu zu bewerten, wer und was wirklich systemrelevant ist, und die Frage zu stellen, wer gesellschaftlichen Mehrwert, Zusammenhalt und wer Solidarität schafft."

Die Antwort liegt seines Erachtens auf der Hand: "Kulturelle Vielfalt ist auf jeden Fall systemrelevant", so Mandoki. "Eine gesunde und aktive Kunst- und Kulturszene ist eine der wirkungsvollsten Prophylaxen gegen das Eindringen radikalen Gedankenguts in die Mitte der Gesellschaft." Und er verweist noch einmal auf seinen Kollegen und Soulmate Brönner: "Till spricht mir hier nicht nur aus dem Herzen, wir sind nach langen und intensiven Gesprächen hierzu auch absolut und in aller Konsequenz einer Meinung."

"Das ist die Lösung"

"Kunst ist immer ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft", ergänzt Mandoki, der seinen Weg vom Flüchtling zum Musikstar nicht als selbstverständlich ansieht und nur zu gut weiß, wie es ist, wenn Kunst und freie Meinung bedroht sind oder kein Gehör finden. "Kunst ist ein Korrektiv, was gerade in Zeiten wie diesen unverzichtbar ist", fasst er daher zusammen und ruft seine Kollegen dazu auf, dass gerade "wir etablierten Künstler jetzt unsere Stimmen erheben und uns lautstark für den Erhalt dieser Vielfalt einsetzen. Es ist Zeit aufzuwachen und eine neue Bewegung in Gang zu setzen!"

Wie es sich für einen etablierten Künstler gehört, hat er auch schon die passende Musik dazu: Die Hymne "Wake Up" zeigt im neuen Video Fans, die mit ihm, Till Brönner und seinen anderen Soulmates-Kollegen dazu aufrufen, endlich etwas zu unternehmen. "Wir befinden uns in einem neuen Jahrzehnt, dem der 20er Jahre - das weckt in vielen von uns dunkle Erinnerungen", erzählt Mandoki ntv.de: "An die Weimarer Republik, die Weltwirtschaftskrise und das Aufkeimen des Nationalsozialismus, der schließlich zum Ende der Demokratie in Deutschland führte."

Aber eben auch an die "Goldenen Zwanziger", oder? "Ja, und zwar mit der Blüte von Kunst und Kultur. Eine Epoche der Gegensätze", ergänzt er hoffnungsfroh. In den Zwanzigern des 21. Jahrhunderts warten unübersehbar viele Aufgaben auf uns - "Wake Up" ist also ein Weckruf, unsere Komfortzone zu verlassen? Mandoki: "Ja, um die Spaltung zu überwinden, müssen wir miteinander sprechen und Brücken bauen - das ist die Lösung."

Quelle: ntv.de

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