Unterhaltung

Wutausbruch eines Weltstars "Muss daran liegen, dass ich sauer bin"

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"Es geht um uns alle", sagt Brönner.

(Foto: imago images / biky)

Der Trompeter Till Brönner gehört zu den Größen der internationalen Jazz-Szene. Sein zorniger Appell sorgt für Furore. Er fragt: "Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen und uns Arbeitslosengeld II anbieten?"

Anfang Oktober erhielt der Pianist Igor Levit das Bundesverdienstkreuz. Geehrt wurden damit seine "Corona-Hauskonzerte", die man via Internet verfolgen konnte, und sein erstaunlich lautes, politisches Engagement gegen Rassismus und Judenhass. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lobte den Musiker dafür und ließ mitteilen: "Er brilliert auf den Konzertpodien der Welt mit seiner enormen Virtuosität wie mit tiefgründigen Interpretationen." Levit habe aus der Isolation seines Wohnzimmers heraus ein Miteinander über Grenzen hinweg entstehen lassen.

Gegen Steinmeiers Entscheidung ist nichts einzuwenden. Das Problem aber ist: Den Brückenbau aus den eigenen vier Wänden hinaus in die schöne weite digitale Welt versuchten dieses Jahr Tausende bis Zehntausende Künstler in Deutschland - weil ihnen nichts anderes übrig blieb. Sie konnten und können nicht auftreten - und wenn doch, dann für lausiges Honorar, weil wie in Bayern gerade mal 50 Gäste zugelassen sind. "Da ist eine Unmittelbarkeit und eine Form von Leichtigkeit und Nähe zu den Hörerinnen und Hörern entstanden, die ganz neu für mich ist", berichtet Levit über seine Begegnung mit den unsichtbaren Gästen an den Bildschirmen.

Von dieser Leichtigkeit ist die überwältigende Mehrheit seiner freischaffenden Kollegen Lichtjahre entfernt. Levit ist ein Weltstar und kann sich ein paar Monate Lockdown finanziell leisten. Das sei ihm gegönnt, darum soll es hier nicht gehen, sondern um all die Musiker unterschiedlicher Genres, Tänzer, Regisseure, Bühnenbildner und Schauspieler, die schon oder bald am Hungertuch nagen. Sie eint das Schicksal, keine Lobby zu haben. Die Politik lässt sie links und rechts liegen.

Brönner kritisiert auch sich und die eigene Branche

"Kultur ist kein Luxus, den man sich nur in guten Zeiten leistet", hatte Kulturstaatssekretärin Monika Grütters im März gesagt und zugleich einen "riesigen Rettungsschirm auch für den Kultur-, Kreativ- und Medienbereich" verkündet, weil dort "für uns alle so wertvolle Arbeit in der Gesellschaft" geleistet werde. Der Rettungsschirm entpuppte sich als Rettungsschirmchen der Größe, wie man sie von Eisbechern kennt. Später lobte die Christdemokratin ein ums andere Mal, wie kreativ doch all die Kreativen mit der Situation umgingen und was für ach so tolle Sachen im Internet entstanden seien. Nur bringen die alle kein Geld, wenn man nicht gerade wie Levit die 32 Klaviersonaten Beethovens als CD herausgebracht hat.

Vom Staat gibt es nichts - noch nicht mal Konzepte, wie Theater und Konzerthallen wieder bespielt werden könnten. Dafür aber Verbote und Beschränkungen, obwohl bekannt ist, dass von hohen, weiten Räumen nicht die allerschlimmste Corona-Gefahr ausgeht. All den Frust, der sich in der Szene aufgestaut hat, brachte jetzt der Jazz-Trompeter Till Brönner in einem knapp sieben Minuten langen Video auf den Punkt, das sich seit Dienstagabend im Internet rasend schnell verbreitet.

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"So was wie heute habe ich noch nie gemacht", beginnt der Trompetenvirtuose seinen Rundumschlag. "Muss daran liegen, dass ich ziemlich sauer bin." Brönner spart nicht an Kritik an den eigenen Kollegen und Kolleginnen, die schwiegen, statt laut aufzubegehren. Fatal sei diese Stille, weil sie "ein völlig falsches Bild der dramatischen Lage zeichnet". Es räche sich, dass Künstler keine Gewerkschaft hätten. "Wir sind keine Minderheit", betont Brönner, ein Weltstar des Jazz. "Es geht hier nicht um Selbstverwirklicher, die in ihrer Eitelkeit gekränkt sind. Es geht um uns alle. Und es geht um Geld, viel Geld."

"Doppelt so viele wie die Autobranche"

Der Vergleich zwischen Veranstaltungsgewerbe und der Autobranche "hinkt deshalb, weil wir mehr als doppelt so viele sind, nämlich weit über 1,5 Millionen" Beschäftigte, die über 130 Milliarden Euro Jahresumsatz machten. Brönner verweist auf einen Aspekt, der in der öffentlichen Debatte über die Notlage der Künstler weitgehend untergeht: Es geht nicht allein um Musiker, die knapp bei Kasse sind, sondern um die Existenzen von "Toningenieuren, Lichttechnikern, Caterern, Bühnenbauern, Busfahrern, Beschallungsfirmen, Klubbesitzern, Agenturen und lokalen Hallenbetreibern". Zusammengefasst aus seiner Sicht: "Das ist kein Luxusproblem, das ist ein Kernproblem."

Wenn die gesamte Branche im Interesse der Allgemeinheit ihr Geschäft runterfahre, müsse die Gesellschaft auch für Ausgleich sorgen. "Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen und der Veranstaltungsbranche Arbeitslosengeld II anbieten?" Künstler seien vor Corona nicht arbeitslos gewesen, hätten kein Nachfrageproblem gehabt und seien nicht durch Schlafmützigkeit oder Gier in Schieflage geraten.

Es sei "umso skandalöser, welch unwürdigem Schauspiel wir gerade beiwohnen müssen. Zu sehen, wie unsere Wirtschaft seit Ausbruch der Pandemie Ende Februar reflexartig in systemrelevante und systemirrrelevante Berufe unterteilt wurde, habe ich zunächst für eine reine Sicherheitsmaßnahme gehalten. Safety first, ist doch klar." Er wisse, die Politik könne nicht zaubern, weshalb er sich wie alle anderen geduldet und vertraut habe. "Ein Land wie Deutschland wird uns schon nicht hängen lassen." Doch da habe er sich getäuscht. Auch wenn "der Schrei" nach Grütters nachvollziehbar sei, müsse er auch in Richtung der Minister für Arbeit, Wirtschaft und Finanzen gehen. Diese hätten kein Hilfsprogramm auf die Reihe bekommen, dass für Künstler anwendbar sei.

Die Resonanz ist riesengroß

Brönner geht auch auf die übergeordnete Bedeutung von Kunst ein, wie sie von Politikerin in Sonntagsreden oder Laudatoren bei Preisverleihungen gerne beschworen werden. Er sagt: "Was hier gerade passiert, verstößt gegen alles, was ich über Deutschland gelernt habe und wofür wir mit unserem demokratischen Selbstverständnis stehen". Das pluralistische System sei in Gefahr, "wenn Kultur nicht mehr frei arbeiten und frei wirtschaften kann". Der Musiker meint: "Kultur ist kein Luxus, sondern ein Menschenrecht und spült, man höre und staune, Geld in die Kassen des Staates."

Die Botschaft, die man inhaltlich durchaus als Wut-Posting bezeichnen kann, obwohl sie sehr ruhig, sachlich und ohne - in der Körpersprache Brönners - erkennbarem Groll vorgetragen wird, ging viral, was umso erstaunlicher ist, da die Jazz-Szene eine vergleichsweise kleine ist und selbst internationale Stars nur eine minimale Fangemeinde haben. Binnen 24 Stunden wurde das Video mehr als 50.000 Mal geteilt und über 300 Mal kommentiert. "Das ist ungewöhnlich für meinen Dunstkreis und meine Zielgruppe", berichtet er in der "Süddeutschen Zeitung". Seine wohl richtige Vermutung: "Das hat ein Wespennest getroffen."

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte in ihrer Rede zum 20-jährigen Bestehen des Amtes der Kulturstaatsministerin am 29. Oktober 2018 gesagt: "An der Literatur, am Film, am Theater, an der Musik oder Malerei, an der Kunst insgesamt wie auch an den Medien können wir ablesen, wie zukunftsfähig eine Nation ist." Brönner betont in seinem Video-Appell: "Liebe Politiker, lasst euch wählen, ja - aber vergesst bitte nicht, von wem. Das Land steht kulturell still. Und die Beweglichsten und Ehrlichsten tretet ihr gerade mit Füßen - wenn ihr nicht handelt. Sonst heißt es: Buona notte. Licht aus." Oder anders ausgedrückt: Gute Nacht, Deutschland.

Quelle: ntv.de