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Jetzt fotografiert sie auch noch Katja Flints Sehnsucht nach Kreativität

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Katja Flint kann nicht nur Schauspielerei, sondern auch Fotografie.

(Foto: dpa)

Seit über 30 Jahren verkörpert Katja Flint als Schauspielerin menschliche Emotionen, Zustände, Rollen. Zeit für eine Veränderung, findet sie: Flint wagt einen Perspektivwechsel, indem sie das Menschsein mit fotografischen Mitteln untersucht. In einer umfassenden Einzelausstellung, die momentan in der Berliner Galerie Semjon Contemporary zu sehen ist, präsentiert Flint ihre Arbeiten. Klassisch in Schwarz-Weiß erinnern die Porträts an Francis Bacon, Samuel Beckett oder auch Hitchock-Momente. Katja Flint ist vor allem an echten menschlichen Emotionen interessiert, kurze Regieanweisungen stehen am Anfang jeder Fotositzung: "Stell dir vor, du bist ein Tier, das bedroht wird." Katja Flint lässt jegliches Licht im fotografischen Umraum verschwinden und exponiert einzig die Person vor ihrer Kamera. Der zugleich darstellende und dargestellte Mensch ist auf minimale Gesten reduziert, die mehrere Sekunden lange Belichtungszeit im abgedunkelten Raum ermöglicht Bewegungen vor der Kamera, die auf der Fotografie zur Spur werden. So weit so gut, doch wie kam es nun dazu, dass Katja Flint die Seiten gewechselt hat? Nach ihrer Rolle als Marlene Dietrich im Jahr 2000 habe sie gemerkt, dass sie nicht mehr nur in der Position der Schauspielerin sein wollte, die darauf wartet, ein interessantes Angebot zu bekommen, sondern "es kam die Sehnsucht, etwas Kreatives zu machen, unabhängiger zu sein". Sie habe Verständnis für skeptische Reaktionen anderer, die denken, warum muss sie denn jetzt auch noch fotografieren, reicht ihr das Schauspielen nicht mehr? Sie liebt die Schauspielerei nach wie vor, verrät Flint im Gespräch mit n-tv.de, aber die Freude, die sie an der Fotografie habe, sei eben so groß, dass sie gar nicht anders könne.

n-tv.de: Jetzt fotografiert sie auch noch.

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Rockstar K

(Foto: Katja Flint)

Katja Flint: Ja, stimmt (lacht). Ich habe mein Betätigungsfeld erweitert. Als Schauspielerin beschäftige ich mich seit über 35 Jahren mit dem Nachdenken über das Menschsein und die menschlichen Emotionen. Nun hatte ich aber das Bedürfnis, dieses Thema im Medium Fotografie etwas selbstbestimmter zu bearbeiten. Außerdem hat es mich interessiert, auch mal aus einer anderen Perspektive zu erzählen, nämlich von "hinter der Kamera".

Hätte das dann nicht eher Regie werden können?

Fotografieren ist Bildregie. Man erzählt dabei aber nicht wie beim Film eine komplette Geschichte, man gibt nur einen Denkanstoß.

Es gibt von den meisten Bildern nur drei Stück, einige sind schon verkauft, Sie waren ja bereits in Rostock. Es gibt aber auch eine Galerie-Edition.

Genau, für junge Sammler oder Sammler, die erst anfangen, von einem Motiv in einer kleinen Größe und deshalb besonders preisgünstig. Davon gibt es eine 15er-Auflage. Ja, Semjon hat schon gut verkauft. Wir freuen uns natürlich, dass dadurch das nötige Geld zum Weitermachen verdient wird. Am meisten freut mich daran aber, dass jemand mit einer meiner Fotografien leben möchte.

Ein Bild oder ein Kunstwerk zu kaufen ist ja eine höchstemotionale Angelegenheit, zumindest, wenn man kein professioneller Sammler ist.

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Devilish Jenny

Ja, und um Emotionen geht es auch bei meinen Fotos. Emotionen steuern unser Verhalten, und unser Verhalten gestaltet unsere Welt. Nicht nur unser individuelles Glück oder Unglück, auch das der Gemeinschaft. Ich habe mit den Modellen jeweils eine allgemeingültige Emotion erarbeitet, manchmal sind auch Mischformen entstanden.

Während des Shootings?

Ja, genau, nachdem wir Angst, Wut, Hass, Aggression oder ähnliches hinter uns gebracht haben, ergaben sich schöne emotionale Mischformen von Sinnlichkeit, Leichtigkeit, innerer Stille oder Staunen.

Haben die Fotos eigentlich Namen?

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Hitchcock Antje

(Foto: Katja Flint)

Ja, sie sind aber eher pragmatisch, wie Arbeitstitel. Sie heißen nach dem Modell plus Beschreibung,  zum Beispiel "Cup Jasna", "Holy Antje", "Devilish Jenny" oder "Angry Young Man". Die Titel sind englisch, damit sie auch von nicht-deutschsprachigen Interessenten verstanden werden.

Das klingt vor allem sehr neutral.

Genau, die Titel sollen keine Interpretation vorgeben.

Ich sehe Hitchcock in Ihren Bildern.

Ja, Hitchcock-Jenny und die Hitchcock-Antje und dann gibt"s auch noch "Mother & Daughter", das sind meine Mutter und ich. Da könnte man natürlich denken: "Was will die Künstlerin uns damit sagen"? - oder eben nicht (lacht).

Und? Was will die Künstlerin uns damit sagen?

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Mother & Daughter

Dass ich gar nicht vorhatte, ein Mutter-Tochter-Duo zu fotografieren. Stilistisch passten die beiden Bilder aber gut zusammen, und dann erst fiel mir auf, dass dieser "Zugewandt-Abgewandt"-Moment in der Mimik und Gestik ein typisches Mutter/Tochter-Thema ist.

Geben Sie Ihren Modellen Anweisungen?

Ja, wir beginnen meist mit einer Emotion, die dem Modell liegt, danach kommen die düsteren, dann die harmonischen. Der Körper bleibt ruhig, das Gesicht ist in Bewegung. Ich fotografiere mit einer langen Belichtungszeit, dadurch entsteht eine Verzerrung des Gesichts. Das Modell bringt zwar echte Emotionen ein, die Bilder sollen aber nicht eine Charakterstudie des jeweiligen Modells sein, sondern eher eine Innenschau darstellen, eine allgemeingültige Emotion, mit der die Betrachter in Resonanz gehen können.

Der Ausstellungsort hier in der Berliner Galerie ist auch etwas sehr Spezielles, vor allem im Gegensatz zu Rostock, wo Sie vorher waren.

Ja, hier sind zwei große Räume und drei kleine, alles etwas intimer. Im Museum in Rostock war die Hängung durch die langen Wände etwas großzügiger, aber beides funktioniert auf unterschiedliche Weise sehr gut.

Sie bilden Freunde ab, Familie, aber auch Schauspieler.

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Kiss

(Foto: Katja Flint)

Ja, zwei tolle Schauspielerinnen sind dabei: Jasna Fritzi Bauer und Antje Traue. Bei beiden ist etwas völlig anderes herausgekommen, als ich es mir vorher gedacht hatte. Jasna hat mir einen wunderschönen Ausdruck von innerer Stille geschenkt, ihr Bild wurde der Buchtitel des Bildbandes. Antje spielt für mich den Teufel im heiligen Gewand. Großartig!

Ein Foto von Ihnen kann sinnlich wirken, oder bedrohlich. Abwartend, oder ergeben.

Ja, und nicht alle Fragen werden beantwortet. Vielleicht könnte man auch sagen, meine Bilder stellen eher eine Frage, als dass sie eine Antwort geben.

Ich sehe keinen Kitsch, nicht einmal bei dem Kussbild.

Das ist gut (lacht). Positive Emotionen so zu fotografieren, dass sie nicht kitschig wirken, ist gar nicht so einfach.

Es gibt auch Bilder ohne Bewegungsunschärfe.

Aber es sind nicht viele. Bei ihnen habe ich die Verfremdung mit verschiedenartigen Licht- und Schatteneffekten gezeichnet.

Einige Bilder sehen aus wie gemalt.

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Oscar

(Foto: Katja Flint)

Man sagt, in der Fotografie würde man mit Licht und Schatten zeichnen. Ich liebe Malerei und lasse mich gerne davon inspirieren.

Mit Katja Flint sprach Sabine Oelmann

Die Ausstellung in der Berliner Galerie Semjon  Contemporary läuft noch bis zum 4. Mai, das Gallery Weekend Ende April bietet sich für einen Besuch abseits der üblichen Pfade an.

Der Bildband zur Ausstellung ist im DISTANZ Verlag erschienen.

Quelle: ntv.de