VIP VIP, Hurra!Mette-Marit, Epstein und der royale Sumpf
Die Promikolumne von Verena Maria Dittrich
Königshäuser leben von Ehrfurcht, aber der Lack ist ab. Die Epstein-Mails ziehen auch Norwegens Royals immer tiefer in den Sumpf, und Mette-Marit rückt plötzlich ins Zentrum unbequemer Fragen. Warum sich dieses Märchen nicht mehr retten lässt.
Bevor mir jetzt jemand erklärt, dass Sozialisierung ja nun wirklich eine große Rolle spielt: weiß ich alles. Und vielleicht erzähle ich das hier auch deshalb, weil meine eigene DDR-Kindheit so wenig mit dem zu tun hatte, was man heute gern unter "klaren Rollenbildern" abheftet. Sorbisch-katholische Eltern, regimekritisch, Malocher, ein Bruder, Westverwandtschaft. Niemand hat mir je gesagt, womit ich zu spielen habe. Ich hatte Puppen und Matchbox-Autos, spielte mit Jungs und mit Mädchen, kam meistens dreckig nach Hause, baute Baumhäuser und spielte Räuber und Gendarm. Und ja, ich liebte Märchen: russische, Grimm, alles mit Prinzessinnen, Königinnen und - natürlich - mit Königshäusern.
Vielleicht erklärt das, warum ich lange eine gewisse Nachsicht mit Monarchien hatte. Ein sentimentaler Restbestand aus Kindertagen, anders lässt sich das kaum nennen. Und ganz ehrlich: Wenn mir eine Freundin eine Diana-Kaffeetasse aus London mitbringt, freue ich mich darüber immer noch. Diese Faszination ist mir aber spätestens in dem Moment gründlich abhandengekommen, als ich einmal dieses fahnenschwenkende Volk aus nächster Nähe sah, wie es vollkommen unterwürfig goldenen Kutschen zujubelte. Da wurde mir klar, dass sehr viele Menschen nach wie vor an Märchen glauben - selbst dann noch, wenn Europas Königshäusern längst alles um die Ohren fliegt.
Seit Jahren vergeht kaum ein Monat, in dem nicht über die Verstrickungen von Prinz Andrew mit Jeffrey Epstein berichtet wird. Trotz aller Versuche des Aussitzens kommen immer neue Details ans Licht. Und man konnte zuletzt beobachten, wie sich beim Publikum etwas breitmacht, das man getrost Erschöpfung nennen kann - ausgelöst durch eine Salamitaktik, die jede Verantwortung schön in dünne Scheiben schneidet.
Wer ist Jeffrey Epstein nicht begegnet?
In den Kaninchenbau der veröffentlichten Epstein-Akten hinabzusteigen, ist allerdings eine ganz andere Nummer. Man kann an dieser Stelle nur eine Warnung für die eigene seelische Belastbarkeit aussprechen, denn das, was dort dokumentiert ist, sind keine schmutzigen Anekdoten, sondern Verbrechen. Wochenlang berichten internationale Medien - von der „New York Times“ bis hin zu skandinavischen Leitmedien - über die Epstein-Files, und mit jeder neuen Veröffentlichung stellte sich irgendwann diese eine Frage: Wer ist diesem Mann in seinem weltumspannenden Netzwerk eigentlich nicht begegnet?
Besonders entlarvend ist in diesem Zusammenhang die Rolle von Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit - vor allem angesichts dessen, was seit Jahren über Epstein bekannt ist. Ein Mann, der bereits 2008 im Gefängnis saß, weil er Minderjährige zur Prostitution vermittelt hatte. Und dennoch gab es über Jahre hinweg einen ausgesprochen persönlichen E-Mail-Austausch zwischen ihm und Mette-Marit. Sie besuchte ihn in seinem Haus in Palm Beach, es existiert sogar ein gerahmtes Foto von ihr an seiner Wand - alles zu einer Zeit, in der Epsteins Verurteilung wegen Sexualdelikten nun wirklich kein Geheimwissen mehr war.
Lange hatte der norwegische Palast den Kontakt als kurz und früh beendet dargestellt. Die nun veröffentlichten Mails erzählen aber eine vollkommen andere Geschichte.
Was diesen Schriftverkehr so irritierend macht, ist der Ton. Die veröffentlichten Dokumente zeigen mitnichten einen formellen Austausch unter entfernten Bekannten, sondern eine über Jahre gewachsene Vertrautheit. Mette-Marit schrieb Epstein über Dinge, die man eher nicht mit jemandem teilt, den man bewusst auf Abstand hält. Und wie gesagt, dieser Austausch fand lange nach Epsteins Verurteilung im Jahr 2008 statt. Genau deshalb wirkt der spätere Verweis auf bloßes schlechtes Urteilsvermögen für viele Beobachter unvollständig. Es geht hier nicht um einen einzelnen Kontakt, sondern um die Normalität, mit der diese Nähe offenbar möglich war. Dass sie von alldem also nichts geahnt haben will, wirkt da ziemlich unglaubwürdig.
Das System Monarchie wankt
Bemerkenswert ist in dieser Causa auch wieder einmal weniger die öffentliche Empörung als vielmehr die Reaktion der Institutionen selbst. Organisationen, für die Mette-Marit bislang als Schirmherrin stand, beendeten ihre Zusammenarbeit oder prüften sie neu. Der Skandal erreicht damit genau jene Ebenen, von denen Monarchien ihre Legitimität beziehen: Vertrauen, Vorbildfunktion, gesellschaftliche Rolle. Dieser Skandal beschädigt eben nicht nur einzelne Personen, sondern das Selbstverständnis des gesamten Systems.
Und während öffentlich über die Mutter diskutiert wird, steht gleichzeitig ihr Sohn Marius Borg Høiby in Oslo vor Gericht. Die Vorwürfe sind schwer, reichen von Gewalt bis zu sexualisierten Übergriffen. Juristisch ist er kein offizielles Mitglied des Königshauses, politisch interessiert diese Trennung außerhalb der Palastmauern allerdings kaum jemanden. Monarchien funktionierten lange über Bilder und Projektionen - und ja, auch über die Vorstellung von Würde.
Umfragen spiegeln diese Verschiebung inzwischen deutlich wider. Ein erheblicher Teil der norwegischen Bevölkerung äußert Zweifel daran, ob Mette-Marit noch die künftige Königin des Landes sein sollte - eine Frage, die vor wenigen Jahren politisch undenkbar gewesen wäre.
Und Norwegen ist dabei kein Ausreißer. Wer sich die internationalen Berichte der vergangenen Jahre anschaut, erkennt ein Muster: Probleme werden ausgesessen und nicht aufgearbeitet. Die neuen Akten zeigen, wie eng einige Royals in Netzwerke eingebunden waren, die sich lange über jede moralische Grenze hinwegsetzten.
Ernüchterung macht sich breit
Parallel dazu flammt auch die politische Debatte neu auf. Im norwegischen Parlament wird seit Jahren über die Zukunft der Monarchie gestritten, bislang ohne Mehrheit für einen Systemwechsel. Doch der Ton hat sich inzwischen verändert. Und was früher als bloßes Gedankenspiel galt, wird nun ernsthaft verhandelt. Denn sie ist nun überall angekommen, die Ernüchterung. Und wenn ein Skandal den nächsten jagt und jede Erklärung gleich klingt - Missverständnis, schlechte Beratung, oh, ich war ein Dummerle -, dann sind das nichts anderes als Schutzbehauptungen, die man inzwischen auswendig kennt.
Als Kind dachte ich, Prinzen, Prinzessinnen oder Könige seien gut oder böse, aber zumindest eindeutig. Heute bleibt die nüchterne Erkenntnis, dass sich dieses Märchen weder mit etwas mehr Goldrand noch mit vermeintlichem Bedauern retten lässt.