Unterhaltung

"Unser Glied für Lissabon" Mit Manneskraft zum ESC

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Unser Star für Lissabon: Michael Schulte.

(Foto: dpa)

Nach der zuletzt erfolglosen ESC-Damenwahl braucht es mal wieder eine - Achtung, Wortwitz - starke Schulter zum Anlehnen. Da ist die Wahl unseres Stars für Lissabon nur konsequent. Bei Michael Schultes Song jedoch schießt selbst harten Kerlen Pipi in die Augen.

Es birgt schon eine gewisse Ironie. Da stehen mit Ivy Quainoo und Natia Todua zwei Gewinnerinnen von "The Voice of Germany" auf der Bühne. Und mit Michael Schulte einer, der in der Pro7-Sat.1-Castingshow "nur" den dritten Platz belegte. Und das auch noch genau in eben jener allerersten Staffel, die Quainoo damals, 2012, für sich entschied.

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Doch wer zuletzt lacht, lacht bekanntlich am besten. Und so sticht Schulte die beiden Frauen nun, als es darum geht, Germany's Voice beim Eurovision Song Contest (ESC) zu werden, haushoch aus. Vielleicht war es nach den östrogenen Tiefschlägen mit Cascada, Elaiza, Ann-Sophie, Jamie-Lee und Levina in den vergangenen Jahren ja einfach mal wieder an der Zeit für einen Kerl. Schließlich hatte Roman Lob als letzter männlicher Vertreter Deutschlands bei dem Wettbewerb 2012 immerhin noch den achten Platz erobert.

Mit dem James-Blunt-Kuschelfaktor

Doch wir wollen keine "MeToo"-Selbsthilfegruppe ESC-benachteiligter Typen auf den Plan rufen. Zumal gegen die Geschlechter-These auch spricht, dass Schultes Siegersong "You Let Me Walk Alone" alles andere als ein vor Testosteron strotzender Dampfhammer ist. Eher so die Ballade mit dem James-Blunt-Kuschelfaktor. Und mit einer gehörigen Portion Dramatik: Schulte verarbeitet in dem Lied, das in einem dreitägigen Workshop speziell für den ESC-Vorentscheid zusammengezimmert wurde, den Tod seines Vaters.

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"Ja, ich will" - daran ließ Schulte mit Blick auf Andreas Kümmerts Last-Minute-Rückzieher beim Vorentscheid vor drei Jahren keine Zweifel.

(Foto: dpa)

Für seinen Triumph bei "Unser Lied für Lissabon" dürfte dem 27-Jährigen zudem in die Karten gespielt haben, dass er längst - auch schon vor seiner Teilnahme bei "The Voice of Germany" - ein stiller Star ist. Sofern man von still sprechen kann, wenn man allein die knapp 50 Millionen Abrufe seiner Videos bei Youtube bedenkt.

Conchita Wurst auf Ecstasy

Todua hatte dem mit "My Own Way" nur die gefühlt 785. Amy-Winehouse-Abklatsch-Nummer entgegenzusetzen. Und Quainoo ihre zwar nach wie vor bezaubernde Ausstrahlung und jede Menge Budenzauber auf der Bühne, aber mit "House On Fire" auch nur einen mittelmäßigen und mit wenig Gehörhaftung gesegneten Song.

Und sonst so? Sonst war da noch Ryk, bei dessen "You And I" vermutlich sogar noch beim schrillsten ESC-Fan Selbstmordgedanken aufkeimen. Und der für seinen Auftritt im TV-Studio in Berlin-Adlershof vor allem für seine ausdruckstanzende Pirouetten-Lady auf dem Klavier Props kassierte - weniger jedoch für den Song. Bei Xavier Darcy mit "Jonah" ging es dagegen eher schmissig zu, während er wie eine Conchita Wurst ohne Schminke und Abendkleid, dafür aber auf Ecstasy seine Gitarre bearbeitete.

Kann man, muss man aber nicht

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Stark, aber nicht stark genug: Ivy Quainoo.

(Foto: dpa)

Und schließlich waren da noch Voxxclub, die Culcha Candela der volkstümlichen Musik. Die Überschrift "Wir sind Seppel" lag schon fein säuberlich vorformuliert in der Schublade, denn dass der Lederhosen-Boyband mit "I mog Di so" der Durchmarsch vom Oktoberfest zum ESC gelingen würde, erschien alles andere als unwahrscheinlich. Doch auch im Silbereisen-Zeitalter geschehen noch Zeichen und Wunder. Und so hatte die Truppe, die das Maria-und-Margot-Hellwig-Gedächtnis-Grinsen scheinbar spielend leicht ins krachlederne Burschen-Milieu im Hier und Jetzt zu transformieren vermag, auch beim TV-Publikum gegenüber Schulte am Ende das Nachsehen.

Wir sagen nur: "Wenn Dein Leben nur die andern leben. Wenn Du nackert über'd Wiesen rennst. Wenn du das Gestern nimmer haben willst. Wenn das Feuer in deim Herzen wieder brennt. Es geht zwoa Schritt nach links und dann zwoamal nach rechts. Sind die Schuh dir zu eng, zieh sie aus, wirf sie weg. Hör auf dein Herzschlag, wenn du es kannst. Du wirst morgen sein, was du heut tanzt." Kann man singen. Muss man aber nicht.

Der nächste Shitstorm

Apropos TV-Publikum. Das spielte diesmal nur die dritte Geige bei der Wahl des deutschen ESC-Teilnehmers. Nach den Pleiten, dem Pech und den Pannen in den vergangenen Jahren entschieden sich die Verantwortlichen beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) dafür, ihr und unser Schicksal paritätisch auch einer internationalen Experten-Jury und einem 100-köpfigen Panel ESC-Begeisterter anzuvertrauen. Wenigstens Song-Contest-Oberguru Jon Ola Sand kriegte sich vor Freude darüber kaum noch ein - auch in anderen Ländern hätte man damit schon viele positive Erfahrungen gesammelt.

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Wir sind doch keine Seppel: Voxxclub.

(Foto: imago/Future Image)

Hierzulande konnte man dagegen nur erleichtert aufatmen, dass sich alle drei Instanzen - Publikum, Jury und Panel - am Ende bei ihrem Urteil für Michael Schulte einig waren. Nicht auszumalen, wenn die TV-Zuschauer fundamental anderer Ansicht gewesen wären und sich nicht gegen die neuen Besserwisser an ihrer Seite hätten durchsetzen können. Anstatt sich vereint mit dem Sieger zu freuen, würde jetzt landauf, landab über die Legitimität des deutschen ESC-Vertreters diskutiert. Ja, die Abstimmung spannend gemacht hat der neue Modus. Trotzdem sollte man ihn überdenken. Nach dem gescheiterten Xavier-Naidoo-Alleingang sieht man den nächsten Shitstorm schon aus der Ferne aufziehen.

Zwischen Unaufgeregtheit und Dilettantismus

Aber noch etwas war neu in diesem Jahr: die Moderatoren. Nicht wenige dürften wegen des terminbedingten Ausfalls von Barbara Schöneberger eine Träne im Knopfloch gehabt haben. Doch siehe da: "Tagesschau"-Ansagerin Linda Zervakis und der mit der Fähigkeit, bis eins, zwei oder drei zu zählen, ausgestattete Elton erwiesen sich als würdige Vertreter.

Und das nicht nur, weil Zervakis mit ihren Bemerkungen über die pimmelförmige Bühne und "Unser Glied für Lissabon" ihre Nachrichtensprecherinnen-Karriere leichtfertig aufs Spiel setzte. Die zwischen Unaufgeregtheit und Dilettantismus schwankende Moderation machte richtig Spaß. Auch wenn man sich fragt, was Elton in seinem Dauer-Praktikum bei ESC-Interims-Retter Stefan Raab eigentlich gelernt hat, wenn er Jon Ola Sand immer noch nicht richtig zu buchstabieren weiß.

Buxtehude für Deutschland

Eine Sängerin aus Georgien (Todua), eine mit ghanaischen Wurzeln (Quainoo), ein Sänger britisch-französischer Eltern (Darcy) und eine Moderatorin griechischer Abstammung (Zervakis). Von einer Band mit Stammsitz Bayern (Voxxclub) mal ganz zu schweigen. So bunt war der ESC-Vorentscheid wohl noch nie. Das hat ihm nicht nur gut getan, sondern auch gut zu Gesicht gestanden.

Trotzdem fiel die Wahl schlussendlich auf einen Mann aus Buxtehude. Ob er darum zu beneiden ist, muss sich zeigen. Schließlich kommt auf ihn keine geringere Aufgabe zu, als Deutschland beim ESC aus "dem Tal der Tränen" zu führen, wie es ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber nach dem Vorentscheid formulierte. "You Let Me Walk Alone"? Aber nicht doch. Michael Schulte, wir lehnen uns nicht nur an dir an. Wir stehen auch hinter dir.

Quelle: ntv.de