Unterhaltung

"Der Günther ist echt!" Regisseur Weicker über "Wer wird Millionär?"

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Der Mann hinter der Kamera steht gar nicht so gern im Mittelpunkt ...

(Foto: imago/Future Image)

Günther Jauch ist einer der erfolgreichsten Show-Moderatoren Deutschlands. Und Volker Weicker ist einer der erfolgreichsten Regisseure von Live-TV-Shows in Deutschlands. It's a match! Deswegen wollen wir mit Weicker ein bisschen über Geld, "Wer wird Millionär?" und Fernsehen überhaupt sprechen. Denn allen Unkenrufen zum Trotz - es existiert noch, das gute alte Fernsehen! Am liebsten "live und in Farbe".

Sie haben schon viel mit Günther Jauch zusammengearbeitet.

Ja, seit 1992 arbeite ich mit Günther zusammen - und zwar eigentlich bei allem, was er macht, außer bei "Wer wird Millionär?". (lacht)

Weil Ihnen das zu langweilig oder zu wenig erfolgversprechend erschien, damals vor 20 Jahren?

Es hat mich von der Regieseite nicht so sehr interessiert, das stimmt, denn es war von Anfang an ein relativ klar festgelegtes Konzept.

Man hat nur wenige Einstellungen …

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Der junge Günther mit Franziska Schenk und Michelle Hunziker (r) bei "Millionär gesucht! - Die SKL Show"

(Foto: imago stock&people)

Ja, es ist ein wirklich sehr klares Konzept, was RTL sehr deutlich umgesetzt hat. In anderen Ländern wird das etwas weicher gehandhabt.

Bedauern Sie, die Regie dort nie übernommen zu haben?

Nein, ich habe ja ganz viele andere tolle Sachen gemacht, auch mit Günther Jauch.

Sie machen Live-Regie bei großen Sport- und Kultur-Veranstaltungen - was ist Ihnen da am liebsten, was reizt Sie am meisten und was ist am einfachsten?

"Einfacher" und "lieber" gibt es gar nicht. Ich mag alle Formen von Live-Produktion, weil das eine ganz bestimmte Art von Spannung hat. Gleichzeitig ist die Möglichkeit, die Sendungen aufzuzeichnen, natürlich wirtschaftlich nachvollziehbar, aber die Spannung bei einer Live-Sendung ist definitiv eine ganz andere. Ich war schon immer ein Verfechter von Live, da ist man sozusagen "Master of the Universe" (lacht). Ich finde die Aufzeichnung von "Live-Events" immer eher falsch, weil man dazu tendiert, alles zu glätten, alles sauber und clean zuzubereiten. Es gibt keine Fehler - das ist unmenschlich. Dabei lieben die Menschen Fehler.

Stichwort "Fernsehgarten-Skandal" - wenn ein Komiker sich nicht an die Absprachen hält, dann hat man den Schlamassel - aber auch die komplette Aufmerksamkeit, wenn man live ist …

Wenn man mal ehrlich ist - die Leute reden immer nur über die Fehler oder das Außergewöhnliche. Das Fernsehen beklagt sich ja die ganze Zeit über das Internet und Netflix und Amazon und alles, was ihnen den Rang abgräbt, aber das, was sie außergewöhnlich macht, nämlich live sein zu können, das findet immer weniger statt. Aufzeichnungen, das Bereitstellen in einer Mediathek, führt natürlich dazu, dass Live-Sendungen ganz langsam wegbrechen. Die Entscheidung damals, "Wetten, dass …?" einzustellen, halte ich übrigens nach wie vor für einen Fehler.

War das nicht einfach irgendwann mal durch, vor allem wegen des schrecklichen Unfalls von Samuel Koch?

Nein, sondern weil der neue Moderator Markus Lanz durch die sogenannten sozialen Medien so eine richtige Breitseite abbekommen hat und der Sender, zugegebenermaßen mit rückläufigen Quoten für seine Flaggschiff-Sendung, dann eingeknickt ist. Ich hätte mir gewünscht und erwartet, dass man länger durchhält. Dann, da bin ich mir sicher, hätte sich die Sendung auch wieder erholt.

Stand und fiel das nicht alles mit Thomas Gottschalk?

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Günther guckt streng - ob ihm der Kandidat nicht gefällt?

(Foto: imago stock&people)

Das sehe ich ein kleines bisschen anders. Gottschalk hat nach seinen ersten Moderationen auch einen Shitstorm bekommen. Nur hieß das damals noch nicht so und es gab auch kein Internet, in dem man ihn hätte anonym und tagelang durch den Kakao ziehen können. Die Menschen mussten Briefe schreiben, das bedeutet mehr Aufwand. Heute läuft es doch so: "Find' ich blöd - klick, send." Zack, weg ist es, man denkt nicht nach, man kotzt seinen Unmut raus. Und die, die etwas toll finden, schreiben ja selten …

Äußerst selten …

Und dann haben Sendungen der Privaten dem ZDF natürlich ganz ordentlich die Quote weggenommen. Ich habe damals gehört, dass der Thomas aufhören wollte, er wollte die Sendung einfach nicht zu Grabe tragen müssen.

Als er jedoch sagte, er will aufhören, waren die Quoten wieder so gut wie lange nicht mehr …

Ich glaube, da hätten sich das alle vielleicht doch gern noch einmal überlegt (lacht).

Hätte man versuchen sollen, die Sendung in die "Jetzt-Zeit" zu tragen, sie zu modernisieren?

Das ist gar nicht so einfach, dieses Modernisieren (lacht). Wenn man mal genauer hinguckt, wird in den heutigen Formaten überall ein bisschen gegamet, ein bisschen gequizzt, ein bisschen hier ein bisschen da, es ähnelt sich alles. Es gibt nur sehr selten etwas Außergewöhnliches, die Zutaten bei Unterhaltungsformaten sind alle mehr oder weniger gleich. Von daher glaube ich, wenn man spannende Wetten hätte finden können, dann würde das immer noch weiterlaufen. Deswegen glaube ich auch an "Wer wird Millionär?", weil das immer noch und immer wieder eine gute Quote hat. Allerdings muss ich anmerken, dass mir persönlich ein paar "Promis" zu viel da sind.

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Dem Pastor gönnen wir das: Alfred Mignon aus dem oberbayerischen Otterfing hat 125.000 Euro gewonnen und will einen großen Teil seines Gewinns einer bedürftigen Familie spenden.

(Foto: imago/epd)

Sie finden die Promi-Variante nicht so gut?

Naja - wir haben gar nicht so viele Promis (lacht). Und der Otto-Normal-Zuschauer will nicht einem Promi beim Scheitern zusehen, sondern sich mit einem normalen Kandidaten identifizieren, er will das "Einer von uns"-Gefühl haben.

Was macht einen richtigen Star aus?

Am Ende des Tages ist es die Authentizität, die einen Star ausmacht: Dem guckt man gern zu, der muss über sich selbst lachen können und er muss am besten vermitteln können, dass er aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Am besten ist es, wenn man mit seinen Stars mitgealtert ist. 

Ist Authentizität heute schwierig?

Ja, auf jeden Fall. Wenn einer anders ist als die anderen, dann werden ihm schnell die Kanten abgeschliffen und er wird gleichgemacht: Sie müssen anders reden, sich anders anziehen, abnehmen, ablesen vom Telepromoter … das ist wirklich schade, denn die Individualität geht verloren. Und dann kann man diese Person eben mögen oder nicht. Heute sitzt man außerdem nicht mehr gemeinsam vor dem Fernseher - die alte Lagerfeuer-Theorie - sondern jeder macht sich sein Programm an seinem Endgerät. Wir gucken nicht mehr gemeinsam, demzufolge können wir auch nicht mehr miteinander darüber reden. Die einzige Ausnahme sind Sport-Ereignisse und ganz wenige andere Momente, die einem in Erinnerung bleiben.

Günther Jauch ist aber ein Star, oder?

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Dann hat man es geschafft: Günther Jauch bei Madame Tussauds.

(Foto: imago/Marius Schwarz)

Ja, das ist er. Und "Wer wird Millionär?" hat das nur noch untermauert, denn er war es schon vorher. Es hat ihn in eine andere Sphäre katapultiert. Das Sympathische an ihm ist ja auch, dass er sein Privatleben nicht in der Yellow Press auslebt. Er macht seinen Job, er funktioniert mal besser und hat auch mal schwächere Momente, aber das ist vollkommen in Ordnung. Er ist nach wie vor einer von uns - obwohl er ein Star ist. Der Günther ist echt.

Was ist sein Geheimnis?

Dass er glaubwürdig ist. Man merkt ihm an, wen er sympathisch findet oder nicht, wem er den Sieg gönnt, ob er jemandem wohlgesinnt ist. Helfen kann er tatsächlich nicht, denn soweit ich weiß, lässt er sich die richtigen Antworten nicht auf seinen Computer spielen, sondern weiß genauso viel oder wenig wie die Kandidaten selbst. Deswegen sind seine Reaktionen immer echt. Und dann liegt es natürlich auch an der Sendung selbst: Das ist ein bisschen wie nach Hause kommen, man weiß, was man vorfinden wird - im besten Fall. Der Günther passt da einfach sensationell drauf.

Das Mitmach-Element ist natürlich nicht zu unterschätzen …

Ja, die Systematik für "Wer wird Millionär?" hat sich mal eine sehr schlaue Person ausgeklügelt: Man kann mitraten, vollkommen risikofrei, man kann sich besser fühlen als der Kandidat oder sich eingestehen: "Ach, das hab' ich doch tatsächlich nicht gewusst, ist ja interessant." Das bleibt spannend.

In "die Medien" kommt man ja auf vielerlei Wegen …

Es ist eine völlig andere Herangehensweise heute. Als ich jung war, habe ich mich für ein Studium eingeschrieben, weil ich dachte, dass ich diesen Beruf ausüben möchte. Zuerst habe ich auch nicht gewusst, was ich will und habe hier und da gejobbt, bin gereist, habe Platten aufgelegt, und dann habe ich gefunden, was ich will. Und der erste Gedanke war, dass mich mein Studium interessieren soll, nicht, ob es mich mein Leben lang tragen wird und mein Auskommen für immer ist. Ich habe das Gefühl, dass die jungen Leute heute viel zielstrebiger sind, viel schneller Geld verdienen wollen und sich gar nicht so sehr treiben lassen. Früher war es angesagt, auf Lehramt zu studieren - heute heißt es "Hauptsache, was mit Medien" (lacht).

Sie bleiben bei der Arbeit cool, auch wenn es mal hektisch wird, wenn etwas live ist. Sind Sie so oder hat das auch viel mit Routine zu tun?

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Ruhig, aber bestimmt: Volker Weicker in der Regie.

(Foto: imago stock&people)

Ich bin schon ein ruhiger Typ, stimmt. Und natürlich gibt es auch so eine positive Art der Routine, die sich einstellt, wenn man weiß, dass man etwas kann. Ich mache ja immer etwas anderes, habe zwei bis drei Formate die Woche - die Abläufe und das Umsetzen sind aber oft ähnlich. Und Fehler können immer passieren, jedem, das ist Peoples' Business. Ein Indikator für eine nicht so gute Sendung ist, wenn es in der Regie laut wird. Wenn es leise ist, dann ist die Sendung gut. Das heißt, wir sind konzentriert und bei der Sache. Aber ich werde nie laut, höchstens bestimmt, weil ich versuche, andere zu pushen. Das wäre auch kontraproduktiv. Ich habe gelernt, mit meinen Entscheidungen, auch den falschen, zu leben. Ich kann ja auch nicht beweisen, dass die Sendung anders besser gewesen wäre - live ist live.

Sie haben schon viele Preise bekommen - sind Sie dann aufgeregt, wenn Sie im Mittelpunkt auf einer Bühne stehen?

Ja. Und da habe ich auch schon viel Blödsinn erzählt (lacht).

Sie sind außerdem Professor an der Kunsthochschule für Medien in Köln …

… da bin ich nicht aufgeregt. Ich weiß, dass die meisten, die einen Abschluss dort machen, keinen Abschluss in Live-Regie machen werden, sondern sie wollen Filme machen, Drehbücher schreiben oder Dokumentationen und Reportagen drehen wollen. Aber ich versuche, mit den Studenten zu üben, Entscheidungen zu treffen, denn das, was man lernt, wenn man Live-Regie macht, kann man in vielen anderen Bereichen auch anwenden. Die beste Idee nutzt nichts, wenn du nicht in der Lage bist, anderen deine Gedanken zu vermitteln. Und ich möchte gerne vermitteln, dass wir Emotionen verkaufen. Das ist wichtig.

Wie wichtig ist Arbeit für Sie? Andere gehen in Ihrem Alter in Rente oder planen sie zumindest.

Seit über 40 Jahren mache ich Bewegtbild und seit über 35 Jahren Regie - früher dachte ich, dass ich mit Mitte 50 aufhören werde (lacht). Den Absprung habe ich wohl verpasst, denn ich sitze gern im Ü-Wagen, gern in der Regie, bin gern im Studio - es ist mir nie langweilig  geworden. Und ich bin gern unterwegs - der Rollkoffer, das Telefon und das iPad sind mein mobiles Wohnzimmer, das ich immer mit mir rumschleppe. Ja, es wird schwieriger, weil immer mehr Leute mitreden wollen bei allem - aber grundsätzlich liebe ich meinen Job.

Die Menschen bewerben sich nach wie vor bei "Wer wird Millionär?" - weil sie gern Millionär wären. Macht Geld denn glücklich?

Geld macht vieles einfacher, aber ob es glücklicher macht? Weiß ich nicht. Man geht auch lieber mit 50.000 oder 125.000 Euro nach Hause, als um die Million zu zocken. Die meisten machen das jedenfalls so. Und die meisten, die viel gewonnen haben, ändern ihr Leben nicht nach einem Gewinn. Früher habe ich mit Günther Jauch die "5 Millionen SKL-Show" gemacht, das ist ja nochmal eine andere Hausnummer. Geld bedeutet Sicherheit, Geld bedeutet Luxus, aber das Leben läuft nicht komplett anders, wenn man mit Geld aus der Sendung geht. Ein kleines Polster ist etwas Schönes, für ein Auto, um das Haus abzubezahlen, eine große Reise. Aber ich komme aus einem Arbeiterhaushalt - und meine Eltern waren glückliche Leute. Ich bin völlig neidfrei. Denn wenn ein anderer erfolgreich ist, macht er ja mein Leben nicht schlechter.

Gibt es einen unerfüllten Traum?

Die Eröffnung der Olympischen Spiele wäre zum Beispiel eine schöne, große Herausforderung.

Mit Volker Weicker sprach Sabine Oelmann

Die Jubiläumssendung "Wer wird Millionär" wird am 2. September bei RTL ausgestrahlt

Quelle: n-tv.de

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