Unterhaltung

Die Kämpferin Marianne Faithfull Sie geht - und bleibt - in Schönheit

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"Letztendlich kommt immer alles so, wie es bestimmt ist", sagt Marianne Faithfull.

(Foto: Rosie Matheson)

Mit "She Walks In Beauty" erfüllt sich Marianne Faithfull den lang gehegten Wunsch, ein Album aufzunehmen, das Poesie mit Musik verbindet. Und da man für Wünsche immer mindestens eine gute Fee braucht, haben sich unter anderem ihre Freunde Waren Ellis und Nick Cave um die Musik-Ikone geschart. Mit ntv.de spricht Faithfull über Covid, Kopfkino und Kinder.

Es fällt ihr alles ein bisschen schwerer - Marianne Faithfull erholt sich noch immer von ihrer Corona-Erkrankung. Fast wäre sie gestorben, und noch immer hat sie mit den Folgen zu kämpfen: Sie wird schnell müde, sie vergisst hier und da etwas, das ärgert sie, aber es hält sie nicht auf. "Diese "Fatigue", diese Müdigkeit, die nervt mich am meisten, neben den Problemen mit der Lunge, aber ich werde auch das überstehen", erzählt sie ntv.de am Telefon und lacht leise. "Ich hatte immer ein fantastisches Gedächtnis, und nun diese Lücken, das macht mir echt zu schaffen", sagt sie dennoch etwas traurig. Trotzdem hat sie unbändige Lust, über ihr neuestes Werk zu sprechen, das spürt man selbst mit der Entfernung, die zwischen uns liegt. Das letzte Mal gesehen habe ich sie, als sie 2018 ihr Album "Negative Capability" in Paris vorstellte: Dort strahlte eine energiegeladene Künstlerin von der Bühne eines kleinen Clubs. Der Titel lässt zwar ahnen, dass sie trotz der positiven Ausstrahlung nicht frei von Zweifeln war, aber: "Auch wenn ich meiner selbst nicht absolut sicher war", erzählt Faithfull, "so liebe ich dieses Album doch um so mehr. Was mich überaus traurig macht ist, dass ich mit dem Album nicht auf Tour gehen konnte, es kam bereits damals immer etwas dazwischen. Doch ich verspreche hoch und heilig, dass ich zumindest an einigen Orten dieser Welt, in London, Paris und Berlin, mit "Negative Capability" auftreten werde. Das verspreche ich schon mir selbst", versichert Faithfull, die mit ihrer Musik und ihrer Art so viele Herzen berührt hat.

"Dieses Mal, mit dem neuen Album, habe ich keinen einzigen Zweifel. Ich habe so lange über "She Walks In Beauty" nachgedacht, dieses Album war schon so lange in meinem Kopf, dass ich ganz genau wusste, was ich wollte." Und was war das? "Ich wollte einfach die Gedichte vertonen, die mir so viel bedeuten, die ich wirklich schon immer mochte." Sie ergänzt selbstbewusst: "Wir haben es hinbekommen." Und lacht, jetzt lauter, mit ihrer unvergleichlichen Stimme - rau und verletzlich gleichzeitig klingt sie.

Marianne und ihre Männer

"Wir haben es hinbekommen" - wir, das bedeutet, vor allem sie und Warren Ellis. Mit dem Komponisten und Multiinstrumentalisten hat sie wiederholt zusammen gearbeitet, und dieses Mal ist es in beider Augen wohl perfekt gelungen. Ellis ist eine Ausnahmeerscheinung, so wie sie, und auch der Dritte im Bunde, Nick Cave, ist nicht zufällig an Bord. Oft schon haben sie kooperiert, lange bereits kennen sie sich, das Vertrauen zueinander ist groß, und viel haben sie erlebt. Die Männer hatten Angst um ihre verletzliche Marianne, um deren Gesundheit es auch vor Corona nicht zum Besten stand. Doch wie durch ein Wunder - oder mehrere - überlebt die 74-Jährige die Virus-Erkrankung, wie so vieles vorher. Vielleicht, weil sie dieses einzigartige Album unbedingt zu Ende bringen wollte? Die Aufnahmen fanden kurz vor und während des ersten Lockdowns statt, zum Teil in Faithfulls Londoner Haus, und obwohl sie Ellis bereits ein paar eingesprochene Gedichte nach Paris geschickt hatte, schickte sie ihm, sobald es ihr wieder besser ging, nochmal ein paar neue Aufnahmen, die alten hatten ihr nicht gefallen. "Ich wollte, dass es richtig gut wird", so die Perfektionistin.

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Neben Warren Ellis (Foto) sind auch Nick Cave, Brian Eno sowie Cellist Vincent Ségal und Produzent Head an Bord.

(Foto: Rosie Matheson)

Kann es sein, dass dieses Album, voller Poesie, Vogelgezwitscher und schönsten Tönen, genau in unsere Zeit passt? "Warren und ich sehen das jedenfalls exakt so!" Sie lacht: "Es war, ehrlich gesagt, sehr anstrengend, aber ich bin ja tough. Und außerdem hatte ich mir das in den Kopf gesetzt." Seit wann? "Seit ich denken kann, und damit meine ich wortwörtlich, seit ich denken kann. Seit ich diese Gedichte zum ersten Mal gelesen habe, ich muss so 15 Jahre alt gewesen sein." Und eigentlich wäre sie dann gern zur Universität gegangen, hätte Englische Literatur und Philosophie studiert, "das hätte mich sicher sehr glücklich gemacht". Aber es sollte anders kommen, wie man weiß: Marianne Faithfull wurde "entdeckt", und sie nahm "As Tears Go By" auf, zog mit Mick Jagger durch die Welt. Was dann folgt, ist bekannt: Sex, Drugs and Rock 'n Roll. "Aber ich habe nie vergessen, was mir diese Texte bedeuten, und tja - da bin ich wieder, mit meiner englischen Romantik aus dem 19. Jahrhundert."

Aber selbst in ihrem persönlichen Lockdown findet Faithfull genug Positives: "Meine Enkel besuchen mich, und das ist etwas, neben der Tatsache, dass der Frühling sich nun doch endlich durchsetzen wird, was mich absolut glücklich stimmt." Sie freut sich vor allem, dass es ihrer Familie so gut geht, weil in ihrer Familie bisher der Zustand "Scheidung " immer vorherrschte: Großeltern, Eltern, und auch ihr war das Glück ja nicht immer hold. Nun zu sehen, wie die Familie sich weiterhin vergrößert, stimmt die Überlebenskünstlerin glücklich. Sie geht mit der Situation, an Covid-19 und nun Long Covid erkrankt zu sein, erstaunlich gelassen um: "Ich bleib' cool. Was kann ich auch anderes tun? Ich musste allerdings etwas lernen, was ich noch nie zuvor in meinem Leben kannte: Geduld. Das ist wirklich schwer! Ich war immer ungeduldig."

Das Leben ist ein Geschenk!

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Jagger und Faithfull 1969 - sie erholt sich von einer Überdosis.

(Foto: AP)

Nun aber sehe sie zurück auf ihr Leben und stelle fest, dass es einfach großartig war: "Ich blicke zurück und muss sagen: Meine Freunde waren immer mein größtes Geschenk. Sie sind es noch." Marianne Faithfull kämpfte schon oft ums Überleben. Denn die Sucht und auch die Männer machte es der talentierten Frau nicht gerade einfach. Als sie 1979 mit der Veröffentlichung des Albums "Broken English" zu ihrer künstlerischen Autonomie zurückkehrte, machte Faithfull Gedichte bereits zu Musik. Und auch auf nachfolgenden Alben vertonte sie zahlreiche Gedichte - wie etwa auf "A Secret Life" (1995) oder "Seven Deadly Sins" (1998). Sie setzte sich mit Kurt Weill und Bertolt Brecht auseinander. Aber erst jetzt schien endlich der richtige Zeitpunkt für die Verwirklichung eines Projektes zu sein, das bereits über Jahrzehnte hinweg in ihr wuchs.

Ist "She Walks In Beauty" eine Art Meditation? "Ja, eine Art. Ich weiß, dass Warren so etwas gesagt hat, und ich sehe es ähnlich. Überhaupt, wenn er das so sieht, dann wird es stimmen, er ist ein überaus intelligenter Mann", sagt Faithfull nachdenklich. "Dieses Album kann man sich wieder und wieder anhören, und es wird einen nicht langweilen, weil es immer etwas Neues zu entdecken gibt."

Warren Ellis nennt das Album auch "Musique concrète" - da muss sie nun wirklich lachen: "Also ich kann das nicht erklären, was er damit meint. Was ich von ihm wollte war, dass er die Worte mit einem "Ambient Sound" unterlegt, mit einem Sound, der die Worte, um die es geht, noch mehr betont. Ich denke, das ist ihm gelungen."

Auf die Frage: "Helfen Ihnen diese Gedichte durch schwere Zeiten", antwortet La Faithfull: "Unbedingt! Das sind ja nicht die ersten schweren Zeiten, durch die ich gehe. Aber ich kann Ihnen versichern: es ist die härteste Zeit, die ich je erlebt habe. Und da helfen mir diese Worte, die ich nun aufgenommen habe, ungemein." Reicht es ihr langsam mal mit den "hard times"? "Natürlich, Honey, aber was soll ich machen? Ich bin noch immer bereit, es mit jeder Schwierigkeit aufzunehmen. Momentan kommt eine wirklich begnadete Physiotherapeutin zu mir, die mit mir daran arbeitet, meinen Körper wieder in Schuss zu bringen. Und ich danke Naomi dafür, dass sie so viel Geduld hat! Ich bin schon so oft gestürzt, der Arzt hat mir geradezu verboten, dass ich jemals wieder hinfalle!"

Ich bedanke mich bei Marianne Faithfull für dieses Gespräch. Ich bedanke mich bei einer Künstlerin, von deren Sorte es nicht so viele gibt: "Danke für die Bilder, die dieses Album auslösen. Es ist wie ein Kopfkino, das startet, und es hilft ungemein in dieser Zeit, sich in sein eigenes Kopfkino zu verziehen. "Für Leute wie dich haben wir dieses Album gemacht", gibt sie mir zum Schluss daher mit. Und was soll ich sagen: "I walk in Beauty", versuche es zumindest, auch wenn es nicht immer einfach ist in diesen Tagen.

Quelle: ntv.de

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