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Missbrauch und Erektionsspritzen So funktionierte Weinsteins Schweigekartell

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Weinstein ist in drei US-Städten angeklagt - unter anderem wegen Vergewaltigung.

AP

Ein Vierteljahrhundert soll sich Filmproduzent Weinstein an Frauen vergangen haben. Die "New York Times" enthüllt ein System aus Macht, Erpressung und Gier. Zu den Mitwissern zählen Mitarbeiter, Journalisten und Clinton-Vertraute.

Mindestens die Mitarbeiter von Hillary Clinton wussten Bescheid: "Ich wollte euch wissen lassen, dass Harvey ein Vergewaltiger ist und das irgendwann rauskommen wird", schrieb die Feministin und Schauspielerin Lena Dunham im März 2016 an zwei enge Mitarbeiterinnen der demokratischen Präsidentschaftbewerberin. Harvey ist der Filmproduzent Harvey Weinstein, dessen vermeintliche Allmacht binnen Wochen unter einer Welle von Missbrauchsvorwürfen kollabiert ist. Doch die Episode von Dunham zeigt, wie eng Weinstein lange Zeit mit den Mächtigsten der Mächtigen verbunden war - und damit quasi unantastbar.

Dunham hat ihre Erlebnisse der "New York Times" berichtet, genauso wie ehemalige Mitarbeiter und Opfer Weinsteins. Fast 200 Interviews, Firmenunterlagen und sowie bisher unveröffentlichte E-Mails haben die Journalisten des Zeitungsflaggschiffs ausgewertet. Ihr Ergebnis: Weinsteins Verhalten war alles andere als ein Geheimnis.

Im Gegenteil: Agenten und Produzenten führten dem Mann junge Schauspielerinnen zu, um Geschäfte anzubahnen. Angestellte seiner Produktionsfirmen wussten Bescheid und wehrten beständig Anschuldigungen von Opfern ab. Sie versorgten ihren Chef sogar mit Spritzen gegen Erektionsstörungen. In Zusammenarbeit mit einem Medienmogul und Reportern erpresste Weinstein potenzielle Gegner und Mitwissende mit Indiskretionen. Politiker suchten seine Nähe und Glanz - trotz Gerüchten über Weinsteins Verhalten nährten sie so seine Aura der Macht.

"Nicht unser Problem"

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Dunham warnte Clinton vor Weinstein.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die von Harvey und seinem Bruder Bob geleiteten Firmen Miramax und Weinstein Company haben mindestens seit den frühen 90ern wiederholt Frauen für ihr Schweigen bezahlt. Wurden eigene Angestellte vom Chef belästigt, hieß es von der Personalabteilung beim ersten Mal: "Das ist nicht unser Problem." Beschwerten sich die zumeist jungen und weiblichen Angestellten erneut über Übergriffe ihres Chefs kam die Frage auf: "Wie können wir das schnell aus der Welt schaffen?"

Erleichtert wurden solche Vereinbarungen dadurch, dass die Angestellten der Produktionsfirmen genauso wie Schauspieler stets enge Schweigeverpflichtungen unterschreiben mussten. Opfer hätten nur unter dem Risiko immens teurer Prozesse an die Öffentlichkeit gehen können.

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Clinton und Weinstein bei der Premiere von "Shakespeare in Love"

(Foto: REUTERS)

Dabei hätte es nicht an Beweisen gemangelt. So sollen laut "New York Times" rangniedrige Assistentinnen Weinsteins eine Art Bibel erhalten haben. Darin: Anleitungen, wie Weinstein Frauen zuzuführen sind. Eine Assistentin berichtete, dass sie mit der Firmenkarte Spritzen gegen Erektionsstörungen besorgen musste. Sie habe die Spritzen - Caverject und Alpodastril - in ihrem Schreibtisch auf Vorrat gelagert und diese in einem braunen Papierbeutel in Hotels und andere Treffpunkte ihres Chefs gebracht.

"So ist Harvey eben."

Die Schauspielerin Ashley Matthau berichtete, wie sie in einer Weinstein-Produktion eine kleine Nebenrolle gespielt hatte. Eine Assistentin von Weinstein habe sie vom Set in eine Limousine und zu einem Hotel gebracht. Angeblich wollte Weinstein mit ihr Geschäftliches besprechen. Doch im Hotelzimmer warf er die Frau aufs Bett und masturbierte auf ihr, wie sie heute berichtet. Heulend habe sie damals das Hotel verlassen, was die Assistentin nicht weiter interessiert habe. Ein andere Assistentin kündigte wegen eben dieser Aufgaben ihren Job, wie sie nun der "New York Times" berichtet.

Die Frauen wurden Weinstein den Recherchen zufolge oft von Agenten geschickt, etwa von der einflussreichen Hollywood-Agentur Creativce Artist Agency (C.A.A.). In mindestens acht Fällen haben Mitarbeiter im Nachhinein von Weinsteins Übergriffen erfahren. Die Schauspielerinnen hätten dann nur zu hören bekommen: "So ist Harvey eben." Ein C.A.A.-Agent war zudem - wenn auch vergeblich -Weinsteins Bitte nachgekommen, einen Reporter unter Druck zu setzen, der über Weinsteins Verhalten schreiben wollte.

Auch wenn Weinstein die Berichterstattung in diesem Jahr nicht mehr aufhalten konnte: Über Jahre übte er enormen Druck auf potenziell kritische Journalisten aus. Er ließ Informationen über sie sammeln, um sie zu epressen. Noch öfter versorgte er sie mit Buchverträgen oder anderen lukrativen Geschäften. Er lud Klatschreporter zu exklusiven Parties ein und versorgte sie mit Informationen. Ein System der Gefälligkeiten.

Geld für Abwehr der Lewinsky-Affäre

Dieses funktionierte offenbar besonders gut mit den Klatschblättern des Unternehmens American Media Inc., zu dem unter anderem der "Enquirer" gehört. In Hollywood war laut "New York Times" bekannt, dass Weinstein und American-Media-Inhaber David J. Pecker Spezies waren. Damit sei Weinstein unantastbar gewesen, kritische Berichterstattung schlicht unmöglich.

Vielleicht ist deswegen auch tatsächlich nie bis zu den Clintons durchgedrungen, mit wem sie sich da regelmäßig treffen. Weinstein soll Hillary Clintons Karriere mit viel Geld unterstützt und Spenden für sie eingeworben haben. Sie sei regelmäßig Gast seiner Filmpremieren gewesen. Weinstein soll auch Bill Clinton mit 10.000 Dollar unterstützt haben, als dessen Anwaltskosten in der Lewinsky-Affäre in die Höhe schossen.

Auch Obamas Kampagne profitierte dem Bericht zufolge von Weinstein. So wundert es nicht, dass Weinstein angesichts der Vorwürfe seiner Opfer nicht nur einmal gesagt haben soll: "Ich kenne den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Und wen kennst du?"

Quelle: n-tv.de, shu

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