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Schlimmer als im FilmSo viel ist am Brand-"Tatort" dran

22.03.2026, 21:47 Uhr
imageVon Julian Vetten
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Ermitteln im Frankfurter „Tatort“: Kommissarin Azadi (Melika Foroutan) und ihr Kollege Kulina (Edin Hasanovic). (Foto: HR/ARD Degeto Film/Sommerhaus/Ph)

Das neue Frankfurter Team ermittelt in einem fiktiven Hochhausbrand. Die echten Fälle hinter dem Film waren noch verheerender – und auch in Deutschland trägt der Ist-Zustand kaum zur Beruhigung bei.

Die Dreharbeiten zu "Fackel" waren längst abgeschlossen, als in Hongkong die Wohnanlage Wang Fuk Court in Flammen aufging. Am 26. November 2025 um 14.51 Uhr Ortszeit fingen Bambusgerüste in einem der acht 31-stöckigen Hochhäuser Feuer, der Brand konnte erst nach 43 Stunden gelöscht werden. 168 Menschen kamen ums Leben, 79 wurden verletzt, sieben der acht Türme völlig zerstört. Eine verheerende Brandkatastrophe, aber bei weitem kein Einzelfall: Der Brand im Londoner Grenfell Tower mit 72 Toten im Jahr 2017 hatte die Vorlage für den neuen Frankfurter "Tatort" geliefert

In beiden realen Fällen und im Film wurden brennbare beziehungsweise nicht ausreichend brandsichere Dämmmaterialien als mitentscheidend für die Katastrophe identifiziert. In Hongkong fanden die Ermittler etwa Polystyrolplatten, die Fenster blockiert hatten und als Dämmmaterial in den Außenwänden verbaut waren – leicht entflammbar und nicht zugelassen für diesen Zweck. Die Kombination aus trockenem Bambus, brennbaren Schutznetzen und den Polystyrolplatten wirkte wie ein Brandbeschleuniger, der die Flammen in Minuten von einem Turm zum nächsten trieb. 14 Personen aus dem beauftragten Bauunternehmen wurden festgenommen – wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und Korruption.

Am Grenfell Tower war es eine Kombination aus einem anderen Dämmstoff namens Polyisocyanurat in Verbindung mit der äußeren Wetterschutzverkleidung aus Aluminium-Verbundplatten, die zum Brandbeschleuniger wurde. In beiden Fällen war das Muster allerdings dasselbe: Sozialwohnungen, die unter einem enormen Kostendruck billig saniert werden sollten, unter Umgehung oder Missachtung geltender Vorschriften. Und dazu: Beschwerden von Bewohnern, die ignoriert wurden sowie Behörden, die zu langsam oder gar nicht reagierten.

In Deutschland ist die Verwendung brennbarer Dämmstoffe in Hochhausfassaden seit 1984 verboten. Gebäude über sieben Meter benötigen seit 2010 Brandsperren in hinterlüfteten Fassaden. Das klingt nach einer klaren Antwort auf die Frage, ob sich ähnliche Katastrophen hier wiederholen könnten. Die ehrlichere Antwort ist: Es gibt keine vollständige Übersicht darüber, welche Hochhäuser zwischen 1960 und 1984 mit brennbarem Material gedämmt wurden und seitdem nicht saniert worden sind. Der Sanierungsstau im deutschen Wohnungsbestand ist enorm.

Der Frankfurter "Tatort" macht auf diesen Missstand aufmerksam, indem er versucht, die Verkettung von Bau- und Wartungssünden, die ein Gebäude im schlimmsten Fall binnen Minuten in eine Todesfalle verwandeln, in einen Krimi zu gießen. Und macht das mit dem nötigen Feingefühl und einem Gespür für die richtigen Fragen: "Uns ging es dabei nicht um eine direkte Nacherzählung oder um eine 1:1 -Adaption, sondern um die emotionalen und gesellschaftlichen Dimensionen solcher Katastrophen", sagt Regisseur Rick Ostermann. "Die Fragen nach Verantwortung, Versäumnissen, Verdrängung und den Folgen für die Betroffenen." Dass der Film so niederschmetternd endet, ist dabei mit Blick auf die realen Verhältnisse nur konsequent.

Quelle: ntv.de

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