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Geld, Unterkünfte, Politik Tel Aviv kämpft um die Austragung des ESC

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Wir sehen uns beim ESC - der Wettbewerb findet in diesem Jahr in Tel Aviv statt.

(Foto: Tal Leder)

Nach 20 Jahren findet der Eurovision Song Contest wieder in Israel statt. Tel Aviv als Austragungsort erwartet einen Ansturm an Fans, aber auch Rekordgewinne. Viele organisatorische Probleme sind allerdings noch nicht überwunden.

Dank des Sieges von Netta Barzilai mit ihrem Lied "Toy" beim letztjährigen Eurovision Song Contest (ESC) in Lissabon wird Israel den Wettbewerb 2019 vom 14. bis 18. Mai in Tel Aviv veranstalten. Nachdem es im Vorfeld der Bekanntgabe des Austragungsortes zu Streitigkeiten gekommen war, wird nicht die Hauptstadt Jerusalem, sondern zum ersten Mal die Mittelmeer-Metropole - unter dem Motto "Dare to Dream" ("Wage zu träumen") -  die größte Musikveranstaltung der Welt präsentieren.

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Sängerin Netta holte mit ihrem Sieg in Lissabon den ESC nach Israel.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nach 1979 und 1999 findet der ESC zum dritten Mal in Israel statt (1980 verzichtete man aus finanziellen Gründen auf die Austragung und übertrug sie an die Niederlande). Schätzungen zufolge wird die Stadt aus allen Nähten platzen und von partyliebenden Popmusikfans überflutet, die alljährlich zum ESC pilgern.

"Zeltstadt" im Hayarkon Park

"Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren", sagt Ido Benvenisti von der Stadtbehörde Tel Aviv. "Die Hauptplanungen wurden der Firma 'Tel Aviv Global & Tourism' - unter der Leitung von Eytan Schwartz übertragen, die mit verschiedenen Ministerien in Israel zusammenarbeiten." Die PR-Agentur wurde 2012 von Bürgermeister Ron Huldai gegründet, um den Tourismus in der Stadt anzukurbeln. Um nun dem touristischen Überlauf gerecht zu werden, der mit Tausenden Eurovisions-Fans erwartet wird, organisierte sie den Bau einer "Zeltstadt" im Hayarkon-Park.

Schwartz sieht die Austragung des ESC als ersten Schritt, große Projekte nach Tel Aviv zu bringen. Für die Zukunft hofft er, dass die Küstenstadt wichtige Konferenzen anzieht und weitere bedeutende Kulturfestivals und Sportveranstaltungen ausrichten kann. Mit einer Investition von sieben Millionen US-Dollar in die Organisation des Song Contests sei man auf dem richtigen Weg.

"Durch die Eurovision erwarten wir, dass die Stadt eine Botschaft an die Welt sendet, dass sie große internationale Veranstaltungen ausrichten kann", sagte Schwartz der israelischen Tageszeitung "Haaretz". "In diesem Wettbewerb hat sich Tel Aviv noch nicht bewährt. Dies ist die größte Veranstaltung, die es hier jemals gab. Während unserer Planung entwickelten wir Kräfte, die es uns ermöglichen, mehr als nur Gastgeber zu sein."

Kritik an Israels Regierung

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"Dare to Dream" lautet das diesjährige Motto beim ESC.

(Foto: imago/Pacific Press Agency)

Trotz aller Vorbereitungen und Investitionen, um die Veranstaltung auf höchstem Niveau zu präsentieren, übten die ESC-Verantwortlichen vor allem an der israelischen Regierung Kritik. Obwohl Premierminister Benjamin Netanjahu das Budget für die Austragung des Wettbewerbs zunächst bestätigt hatte, seien keine geeigneten Maßnahmen getroffen worden, um die Veranstaltung zu gewährleisten. Der Regierungschef wurde aufgefordert, die volle Verantwortung für die Sicherung der Veranstaltung zu übernehmen, auch auf finanzieller Ebene - mit dem Hinweis, dass dies für die Gastgeberländer üblich sei.  

Netanjahu, der mit regierungskritischen Medien auf Kriegsfuß steht, hatte sich geweigert, die Produktionskosten für den Gesangswettbewerb zu decken, der vom TV-Sender Kan übertragen wird. Stattdessen veranlasste er den öffentlich-rechtlichen Kanal, sein reguläres Budget zu kürzen. Erst Ende 2018 wurde eine Einigung erzielt und der Staat erklärte sich bereit, die Sicherheitskosten zu tragen.

Mindestens 10.000 Besucher erwartet

Eine der größten Herausforderungen aber wird darin bestehen, den Delegationen der teilnehmenden Länder sowie den anreisenden Fans Schlafunterkünfte zur Verfügung zu stellen. "Im Tourismus schreibt Tel Aviv schon seit Jahren Rekordzahlen", sagt Schlomit Leibowitz vom Tourismusministerium. "Ab Mai ist Saisonbeginn und nur für die Eurovision werden dort mindestens 10.000 Besucher erwartet, obwohl niemand wirklich weiß, wie viele tatsächlich anreisen werden." Schätzungen zufolge sollen bis zu 20.000 ESC-Begeisterte in die Mittelmeer-Metropole kommen.

"In Zusammenarbeit mit der Stadt Tel Aviv weisen wir alle schon jetzt darauf hin, bei ausgebuchten Hotels auch Internet Plattformen wie 'Airbnb' zu nutzen", sagt Leibowitz. Doch Zimmer gibt es nur noch wenige und die Preise sind astronomisch. Viele werden gezwungen sein, auf dem Campingplatz unweit der Veranstaltung zu übernachten. "Für ihre Infrastruktur hat die Stadt schon vorgesorgt", sagt Leibowitz. "Neben Duschen und Toiletten werden den Gästen dort auch Erholungs- und Partybereiche, ein Fahrradverleih sowie Essens- und Getränkestände geboten."

Der Campingplatz soll mindestens eine Woche vor ESC-Beginn geöffnet werden und noch anderthalb Monate in Betrieb sein. Er stünde dann auch denen offen, die einen Monat später zur "Tel Aviv Pride" - der jährlichen LGBTQ-Parade - zwischen dem 9. und 15. Juni anreisen.

Supermodel als Moderatorin

Die drei ESC-Shows (zwei Halbfinals und das Finale am 18. Mai) werden in der "Expo Tel Aviv" stattfinden, die im Vergleich zum Eurovision-Standard mit 10.000 Plätzen relativ klein ausfällt. Durch die große Bühne wird es nur 7300 Sitze geben, von denen allein 3000 den Delegationen und Mitgliedern der europäischen Rundfunkunion vorbehalten sind.

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Bar Refaeli gehört zu den Moderatorinnen des Contests.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Mittlerweile sorgen auch die überteuerten Eintrittspreise der Veranstaltung für Unfrieden. Diese werden deutlich höher ausfallen als 2018 in Lissabon. Lagen die Preise in Portugal noch zwischen 35 und 299 Euro, so müssen Fans diesmal zwischen 280 und 490 Euro auf den Tisch legen.

Mit Supermodel Bar Refaeli als Moderatorin will Tel Aviv unterdessen eine ähnlich gute Vorstellung abliefern wie bei den vorangegangenen Shows in Jerusalem. Natürlich möchte Israel seinen Titel verteidigen und hofft darauf, dass der Sänger Kobi Marimi den gleichen Erfolg wie Vorjahressiegerin Netta Barzilai verbucht.

Aufruf zum Boykott

Sollte das Gastgeberland aber wie 1979 den Titel gewinnen, könnte dasselbe Szenario wie vor 40 Jahren drohen, denn es ist kaum vorstellbar, dass der TV-Sender Kan 2020 eine weitere ESC-Austragung finanziert bekommt. Durch die schwierigen Beziehungen mit der konservativen Regierung in Jerusalem stand der diesjährige Wettbewerb sogar vor dem Aus, was ganz im Sinne pro-palästinensischer Aktivisten wäre. Sie forderten die Künstler aus anderen Ländern auf, nicht am ESC teilzunehmen.

Der Aufruf kam hauptsächlich von der BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen), die es sich - bei aller berechtigten Kritik an der israelischen Besatzungspolitik - zur Aufgabe gemacht hat, den Judenstaat zu diffamieren und zu dämonisieren. Erst kürzlich erhielt ihr Aufruf Unterstützung von britischen Prominenten, darunter Modedesignerin Vivienne Westwood, Schauspielerin Julie Christie sowie Musiker Peter Gabriel. Sie gehörten zu 50 Unterzeichnern eines Briefes an die Zeitung "The Guardian", in der die BBC aufgefordert wurde, auf die Verlegung des Gesangswettbewerbs in ein anderes Land zu drängen.

Bisher aber hat sich noch kein Teilnehmer von der Veranstaltung zurückgezogen. Ein Sprecher des israelischen Außenministeriums verkündete zudem bereits, Maßnahmen gegen Demonstrationen vorzubereiten.

"Alles wird fantastisch"

"Alle Fans werden in Tel Aviv ein Spektakel erleben", ist Benvenisti überzeugt. "Doch nach den Unterkünften wird das Transportwesen die größte Herausforderung für uns sein." Die Verkehrssituation in der "Weißen Stadt" ist ohnehin schon problematisch. Hinzu kommt, dass von Freitagnachmittag bis Samstagabend - an dem das Finale über die Bühne geht - wegen des Schabbats keine öffentlichen Verkehrsmittel in Betrieb sind.

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Vor allem die Infrastruktur in Tel Aviv könnte zum Problem werden.

(Foto: picture alliance/dpa)

"Während der gesamten Veranstaltung werden Shuttles die Strecke zwischen Tel Aviv Expo und dem wichtigsten Unterhaltungszentrum, dem Euro Village an der Strandpromenade, verbinden", erklärt Benvenisti. Das "Dorf" wird 10 Tage lang für die Öffentlichkeit zugänglich sein, mit Auftritten von ehemaligen und aktuellen ESC-Stars sowie Live-Übertragungen der ESC-Shows für diejenigen, die keine Tickets ergattern konnten.

"Es wird eine besondere Atmosphäre herrschen, denn die ESC-Fans sind keine Hooligans, sondern ein sehr heiteres Publikum", weiß Benvenisti. "Sie lieben es, zu feiern und Geld auszugeben." Tatsächlich machen viele Fans beim ESC regelrecht Urlaub - und den will man bekanntlich genießen. Benvenisti ist sich deshalb sicher: "Solange wir in unserer Stadt alles festlich organisieren und die Besucher ein Willkommensgefühl spüren, wird alles fantastisch."

Quelle: n-tv.de

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