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Interview mit Ron Williams "Trump ist mit seinem Amt geistig überfordert"

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Ron Williams machte einst Radio für die US-Truppen in Deutschland und wurde bald darauf Entertainer in der Bundesrepublik.

(Foto: Werner Gotsch)

Seit fast 60 Jahren lebt er in Deutschland: der Entertainer Ron Williams. Er ist Anhänger von Joe Biden, sagt aber auch, dass er für die Zeit nach einem Wahlsieg des Demokraten das Schlimmste befürchtet. "Vielleicht wird es Tote geben. Denn Trump kann nicht verlieren."

ntv.de: Sie leben seit 60 Jahren in Deutschland. Was ist so cool an diesem Land?

Ron Williams: Was heißt "cool"? Ich hatte in den USA zu meiner Armeezeit schon unschöne Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Auch später dann in Stuttgart, wo ich einen Sergeant hatte, der es toll fand, mich zu beleidigen. In Deutschland war das anders, trotz der deutschen Geschichte. Klar gab es hier auch Idioten, aber die meisten Leute reagierten freundlich. Hier gab es so etwas wie einen "naiven Rassismus". Ich saß mal in einer Kneipe, und eine Frau kam auf mich zu und meinte: "Also, Sie sind doch gar kein echter Neger, oder? Sie haben sich doch angemalt." Ich habe mir gedacht, gerade weil Deutschland eine Geschichte hatte und Leute wie Hitler, deswegen haben die Deutschen mehr gecheckt und aus ihren Erfahrungen gelernt.

Sie haben sich hier dann eine Karriere aufgebaut. Was war das Geheimnis Ihres Erfolges?

Ron Williams

Mit 19 Jahren kam Ron Williams, Jahrgang 1942, als GI nach Deutschland. In Stuttgart machte er eine Ausbildung zum Journalisten und war erster afroamerikanischer Nachrichtensprecher beim Soldatensender AFN. Nach seiner Armeezeit blieb er in Deutschland, arbeitete als Musiker, Komponist und Sänger und spielte in den 1970er Jahren im Musical "Hair". In den 1980ern war er Fernsehmoderator, unter anderem in den Sendungen "Musikszene" und "Spaß am Dienstag" in der ARD. Mit "Ron-Abend" hatte er eine eigene Late-Night-Show im WDR. Aktuell ist der Kabarettist mit einem Bühnenprogramm unterwegs, in dem er von seinem Leben erzählt. Ron Williams lebt in München.

Am 4. November, dem Tag nach der Wahl, ist er Gast bei "Stern TV" bei RTL.

Ich glaube, dass es damals einen Amerikaner wie mich nicht gab. Da waren der Schlagersänger Billy Mo mit seinen volkstümlichen Liedern, da war der große Bill Ramsey oder natürlich Gus Backus. Ich kam aber nun vom politischen Kabarett. In den Sechzigern hatte ich bei den "Stachelschweinen" in Berlin gespielt und Kontakte zu großartigen Kollegen wie Wolfgang Gruner oder Wolfgang Neuß gehabt, später in München mit Dieter Hildebrandt. Ich habe Stimmen imitiert wie die von John F. Kennedy oder Ronald Reagan. Ich war der erste Schwarze, der echt deutsches literarisches Kabarett gemacht hat. So habe ich eine Nische gefunden, in der ich mich präsentieren konnte. Geholfen hat mir auch, dass ich aus einer Künstlerfamilie kam - mein Onkel hat Schubertlieder gesungen. Und ich habe mich immer schon für Deutschland interessiert. Wir mussten als Schüler in Oakland mal über Menschen schreiben, die uns beeindruckt hatten. Meine Mitschüler suchten sich Leute aus wie Abraham Lincoln oder Roosevelt. Ich nahm Friedrich den Großen. Der hat mir sehr imponiert. Na gut. Ich war also in Deutschland und lernte immer wieder Leute kennen. Einen Agenten hatte ich nie. Da waren immer wieder Menschen, die mein Talent erkannten. Und das ging die ganzen Jahre so, mal links, mal rechts, mal rauf, mal runter. Eine einzige Odyssee.

Reden wir über die Wahlen in den USA. Mich interessiert besonders das Wahlverhalten der Afroamerikaner.

Zuerst mal: Die USA rutschen nach rechts. Das merken viele Menschen dort. Immer wieder fragen mich Freunde, wie man lebt in Ländern wie Deutschland. Es gibt viele Auswanderer: nach Kanada, selbst nach Mexiko. Wenn ich Europa mit meinem Heimatland vergleiche, dann ist das hier die bessere Wahl.

In den USA ist es nun so, dass bei den Schwarzen die Mehrheit die Demokraten wählt. Die Demokraten sind die Partei des kleinen Mannes, die Republikaner haben sich zur Partei des "Big Business" entwickelt. Deswegen versuchen die Republikaner mit aller Macht, Minderheiten wie Schwarze oder Indianer am Wählen zu hindern. Trump weiß genau: Die Demokraten haben mehr Anhänger als die Republikaner und die Briefwahl macht das Wählen leichter. Davor hat er Angst. Und wissen Sie, was mich so traurig macht? Dass dieses Land, "The Land of the Free", bis in seine tiefsten Wurzeln so rassistisch ist. Es gibt nirgends ein Denkmal für die vielen toten Indianer. Und um an den Rassismus gegen Schwarze zu erinnern, gibt es nur eine Ausstellung. Und das haben die Menschen satt. Statistiken besagen, dass es eine so hohe Wahlbeteiligung gibt wie noch nie. Die Menschen haben mittlerweile gecheckt: Trump ist ein Lügner und ein Clown.

Trumps Vorgänger war ja mit Barack Obama ein Schwarzer. Hätte er nicht die aktuelle Situation verhindern können?

Gar nichts hätte Obama verhindern können. In gewisser Weise hat er doch den Rassismus erst geschürt. Schauen Sie, es gibt einen latenten Rassismus bei den Amerikanern. Aber als dann ein schwarzer Mann ins Weiße Haus einzog, brach er so richtig hervor. Da gab es die Tea-Party-Bewegung, die Evangelikalen hatten immer mehr Erfolge. Und dann verlor Obama die Mehrheit im Abgeordnetenhaus. Aber eins müssen Sie sehen: Obama wird noch immer gehört. Er ist einer der ganz wenigen Ex-Präsidenten, dessen Meinung immer noch zählt. Moralisch gesehen war Obama der größte Präsident, den wir je hatten.

Am kommenden Dienstag finden die Präsidentschaftswahlen statt. Was wird Ihrer Meinung nach passieren, sollte Joe Biden gewinnen?

Ich hoffe erstmal, dass die Amerikaner verstanden haben, dass Trump mit seinem Amt geistig überfordert ist. Und er ist ein Lügner und ein Rassist. Vor Kurzem erst hat er gesagt, Kindern in der Schule etwas über den Rassismus beizubringen, sei unamerikanisches Verhalten. Sollte Biden die Wahl gewinnen, dann wird es fürchterlich. Es kann zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen. Vielleicht wird es Tote geben. Denn Trump kann nicht verlieren. Das hat er nicht in seinen Genen. Und Trump hasst Verlierer.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Da ist die Geschichte von Roy Cohn, Trumps Anwalt und Mentor. Er starb 1986. Kurz davor war er mit Verdacht auf Krebs ins Krankenhaus eingeliefert worden. Trump besuchte ihn ständig, schickte Blumen und Geschenke. Dann stellte sich heraus, dass Cohn Aids hatte. In derselben Sekunde brach Trump jeglichen Kontakt ab zu seinem Mentor. Und der sagte kurz vor seinem Tod: "Donald pisses Ice Water", also er pisst Eiswasser, so kalt ist er. Trump ist ein Egoist, er denkt nur an sich. Wenn er verliert, kann es sein, dass Trump sagt: "Fuck it." Und das kann dramatisch werden, denn auch die Schwarzen haben sich bewaffnet. Es gab Fernsehbilder, wo man gesehen hat, wie sie in kleinen Einheiten marschieren, mit automatischen Waffen. Auf der anderen Seite die weißen Cowboys. Ich fürchte, dass es Attentatsversuche geben wird, auch wegen Vizepräsidentin Harris, die 2024 vermutlich als Präsidentschaftskandidatin dran wäre. Das werden sich die Trump-Anhänger nicht gefallen lassen: wieder eine Schwarze im Weißen Haus. Ich glaube, dass Biden die Wahlen gewinnt. Aber danach? Ich fürchte das Schlimmste. Das wird nicht schön.

Mit Ron Williams sprach Marko Schlichting

Quelle: ntv.de

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