Unterhaltung

Tarantino, Theater oder "Tatort"? Tukur zählt Tote, der Zuschauer Referenzen

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In diesem "Tatort" gibt es Tote: Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) greift zur Waffe.

(Foto: dpa)

Handgezählte 47 Leichen, untote Märchenonkel, Western-Zitate, dazu jede Menge cineastisches Zierwerk und ein opulenter Soundtrack: Ulrich Tukurs jüngster Fall gerät zum Entertainment zwischen Tarantino und Theaterabend.

Man musste sich irgendwann, am besten so früh wie möglich, entscheiden: ratlos am Kopf kratzen, irgendwas von "Das ist doch kein Tatort" murmeln und zur Fernbedienung greifen. Oder sich einlassen auf diese Begegnung der ungewöhnlichen Art. Dabei ist eh klar: Wo Tukur und Tatort draufstehen, ist generell keine Krimikost aus dem Light-Segment drin. Dreimal hat Tukur bislang als LKA-Mann Felix Murot ermittelt und das hat gereicht, um im imaginären Tatort-Lexikon den Eintrag "eigenwillig" mit seinem Bild, gleich neben dem von Borowski, zu versehen.

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Tolles Team: Barbara Philipp, Ulrich Matthes und Ulrich Tukur am Rande der Dreharbeiten der "Tatort"-Folge "Im Schmerz geboren".

(Foto: dpa)

Das ändert sich auch im jüngsten Fall nicht. "Im Schmerz geboren" heißt die Vorlage von Michael Proehl und zusammen mit Regisseur Florian Schwarz wird hier die alte Verbindung vom Affen und dem Zucker ganz neu belebt. Im Mittelpunkt der mörderischen Arie steht das Wiedersehen Murots mit seinem alten Kumpel Richard Harloff (Ulrich Matthes). Die beiden haben einst nicht nur gemeinsam die Bank der Polizeischule gedrückt, sondern auch die betörende Freundin geteilt. Während Murot die Leiter emporstieg, stolperte Harloff über einen schiefgelaufenen Drogendeal und setzte sich schließlich mit der schwangeren Geliebten nach Bolivien ab, wo er nicht nur Vater wird, sondern auch zu einer Art Supergangster und Drogenbaron avanciert.

Anspielungen, Zitate, Querverweise

Dass er sich aus Südamerika ins beschauliche Wiesbaden aufmacht und ins Leben des einstigen Kumpanen zurückkehrt, hat einen schlichten Grund: Rache naürlich. Harloff junior ist in Wirklichkeit Murots Sohn, die Mutter war bei der Geburt gestorben, Harloff senior hatte das nie verwunden. Rund um das Duell der beiden Freunde entspannt sich in der Folge ein überbordender Reigen cineastischer Anspielungen, Zitate, Querverweise und Huldigungen.

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Leichen pflastern seinen Weg.

(Foto: dpa)

Ein Art Showdown am Bahnsteig – sinnigerweise zu Beginn des Films – entpuppt sich als Referenz an Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod". Das zugrundeliegende Ränkegerüst der "Ménage à trois" geht auf "Jules und Jim" zurück, die knallig gefärbten Freeze Frames könnten ebenso aus dem Zitate-Portfolio Tarantinos stammen wie die Blutfontänen des ballettartig inszenierten Splatter-Gemetzels zwischen einem SEK-Kommando und einer Horde schlimmer Finger.

Märchenonkel erzählt

Zusammengehalten wird das Ganze von einem märchenonkeligen Erzähler, der den Zuschauer durch die Handlung führt. Dass es sich um den längst erschossenen Alexander Bosco (Alexander Held) handelt, fügt einen weiteren, irritierenden Zwischenboden ein. Das Artifiziell-Theatralische ist hier Programm. "Kein Blut, nichts ist real. Alles Trug, alles Illusion. Ein Bild." erläutert Bosco, gleich dem Chorleiter einer griechischen Tragödie. Und was wäre das Ganze ohne entsprechenden Soundtrack? Nicht weniger als 23 Ausschnitte aus klassischen Werken, zum Teil neu für diesen "Tatort" eingespielt, sind vom Sinfonieorchester des HR zu hören, darunter Griegs Holberg-Suite und der unwiderstehliche "Israelitenchor" aus Verdis Nabucco, hier knallig-konträr mit dem bereits erwähnten Geballer zwischen Polizei und Pöbel montiert.

So funktionierte der "Tatort" diesmal auf zwei Ebenen: Da ist der Fall selbst, das Duell der beiden Alpha-Protagonisten Murot und Harloff, der ebenso für Aufregung sorgt wie seine zitatreiche Einbindung in ein schillerndes Geflecht, das Shakespeare und Action, "Kill Bill" und Truffaut, Strauss,die Bibel und "100 Meisterwerke" nebeneinander platziert.

L’art pour l’art

All das aufwändige Filmzitate-Bingo würde verpuffen ohne das entsprechende Ensemble. Ulrich Matthes' wimpernlosem Blick kann man sich eh nur schwer entziehen, Golo Euler als Harloff junior, zwischen Aufbegehren und Hörigkeit taumelnd, würde man gern öfter sehen und auch Tukur wusste zu überraschen: Sensationell zu sehen, wie der von Wirtschaftswundervorlieben und Pantoffelkino früh Verkrümmte sich hier gerade macht, um lustvoll ein paar MG-Salven aus der Hüfte zu schießen. Dass am Ende Murots Assistentin Wächter zur Hüterin (zwinker, zwinker) des tragischen Geheimnisses wird, indem sie Murot seinen Sohnemann verschweigt, ist eine weitere Pointe.

L’art pour l’art auch am Ende: Die letzte Kamerafahrt auf ein geheimnisvolles Bild an der Wand – nicht erst seit Jack Torrances ominösem Silvesterabend im Ballsaal des "Overlook"-Hotels ein stimmiger Schlussakkord in Moll.

Quelle: ntv.de