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Ärztlich verordnetes Abenteuer 48 Stunden schlaflos in Marseille

Seit Jahren fremdeln Antonio und sein Vater. Dann verdonnert sie ein Arzt dazu, zwei Tage und zwei Nächte wach zu bleiben. Es beginnt ein Abenteuer, das sie durch zwielichtige Hafengassen, zu herrlichen Badestränden und in einen verruchten Jazzclub führt.

Gianrico Carofiglio und seine Heimatstadt Bari sind literarisch untrennbar miteinander verbunden. "Drei Uhr morgens" birgt daher eine Überraschung: Der neue Roman des italienischen Autors spielt in Marseille. Dass Carofiglio die Geschichte in die südfranzösische Mittelmeerstadt verlegt, hat einen Grund. Denn dort praktizierte der Arzt Henri Gastaut.

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Blick auf den Hafen von Marseille.

(Foto: imago images / Westend61)

Die Idee zu dem Plot beruht auf einer wahren Begebenheit, die Carofiglio von einem Freund erzählt bekommen hat. In einer vorangestellten Anmerkung stellt er aber klar: "Dieses Buch und seine Figuren (bis auf eine) sind frei erfunden." Diese eine reale Person ist eben jener Gastaut, bis in die 1980er-Jahre hinein eine echte Koryphäe auf dem Gebiet der Epileptologie.

In "Drei Uhr morgens" verdonnert Gastaut Antonio und seinen Vater im Jahr 1983 dazu, zwei Tage und zwei Nächte wach zu bleiben. Es ist ein (heute verbotener) Stresstest für den 17-jährigen Antonio, der in seiner Kindheit unter Epilepsie litt. Reagiert sein Hirn nicht mit neuen Anfällen, gilt er als geheilt und kann seine Medikamente absetzen. Nicht nur für Antonios Körper ist der Schlafentzug eine Herausforderung. Denn das Vater-Sohn-Gespann ist alles andere als ein eingespieltes Team.

"Ich weiß nichts über dich"

Seine Krankheit hat Antonio zu einem introvertierten Jungen werden lassen. Lange Zeit fühlte er sich wie ein Aussätziger: Bevor er Gastaut zum ersten Mal konsultierte, musste er unzählige Medikamente schlucken und merkwürdige Verhaltensregeln einhalten, durfte kein Fußball spielen und keine kohlensäurehaltigen Getränke zu sich nehmen. Zum Vater hat er ein sehr unterkühltes Verhältnis. Seit der Mathematikprofessor die Familie verlassen hat, fremdeln beide.

Entsprechend zaghaft beginnt für die beiden Turineser ihr 48-stündiges Abenteuer in der fremden Stadt. Ich-Erzähler Antonio ich unsicher, wie er mit seinem Vater umgehen soll. Miteinander geredet haben sie bisher eher wenig, schon eine ganz normale Unterhaltung bringt den jungen Mann aus dem Konzept. Und der Vater muss seinem Sohn gestehen: "Eigentlich weiß ich so gut wie nichts über dich".

Das ändert sich im Laufe des 200-seitigen Romans. Die beiden lassen sich durch Marseille treiben, besuchen die Basilika und einen Pornoladen, stromern durch zwielichtige Gegenden, in die Taxis nur widerwillig fahren, baden im Meer und landen am Ende auf einer Party. Und sie tun vor allem eins: reden, reden, reden.

Verborgene Talente

Ganz langsam brechen die jahrelang gehüteten Dämme. Der Vater stellt erstaunt fest, dass der Sohn sein Talent für komplizierte Zahlenkonstruktionen geerbt hat. Aus einer stillen Rebellion heraus hatte Antonio das bisher für sich behalten. Der Sohn wiederum entdeckt, dass sein Vater ein verblüffend lockerer Typ ist, der die gemeinsame Zeit mit ihm sichtlich genießt.

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Neben Zahlen teilen die beiden noch eine weitere Leidenschaft, die für Romane. Dass sich der Vater in einer Jazzbar ans Piano setzt und aus dem Nichts ein Solo hinlegen kann, ist für Antonio die nächste große Überraschung. Literatur und Musik - diese beiden Themen dürfen in kaum einem Roman von Carofiglio fehlen. Auch dieses Mal verknüpft er sie immer wieder gekonnt mit der Handlung. Nicht von ungefähr lehnt sich der Buchtitel an ein Zitat des Autors Francis Scott Fitzgerald an, der als Chronist des Jazz-Zeitalters bekannt ist: "In der dunklen Nacht der Seele ist es immer drei Uhr morgens."

Ex-Staatsanwalt Carofiglio, der sich sonst oft Krimi- oder Justizstoffen mit Mafia-Hintergrund widmet, hat einen atmosphärisch dichten Roman geschrieben, der auf unsentimentale Weise anrührt. Obwohl die Geschichte in einer pulsierenden Großstadt spielt, hinterlässt sie den Eindruck eines intimen Kammerspiels. Einzig die einem Initiationsritus ähnelnde Party-Passage ist vielleicht ein wenig dick aufgetragen. Für den Lektüregenuss insgesamt ist das aber unerheblich.

Marseille ist im Übrigen eine ausgezeichnete Kulisse für diese intensive Vater-Sohn-Geschichte, an deren Ende Antonio resümiert: "Bis vor zwei Tagen kannte ich meinen Vater nicht". Mit der üblichen, manchmal fast filmischen Präzision schickt Carofiglio seine Protagonisten auch durch diese Mittelmeermetropole. Möglicherweise hat Bari Konkurrenz bekommen.

Quelle: n-tv.de

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