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Britisches Brexit-Unbehagen Ab wann lief eigentlich alles schief?

Eine verfallene Fabrik in den Midlands.

Eine verfallene Fabrik in den Midlands.

(Foto: imago/UIG)

Die Schwiegermutter lässt rassistische Ressentiments vom Stapel, der Ehefrau wird "moralisches Überlegenheitsgetue" vorgeworfen und ein Clown holt die Faust raus. In seinem tragikomischen Roman "Middle England" seziert Jonathan Coe die Entfremdung der britischen Mittelschicht.

"Willst du wohl aufhören, immer so verdammt politisch korrekt zu sein!", geht Ian seine Frau Sophie an, als sie Respekt für Minderheiten einfordert. "Moralisches Überlegenheitsgetue" sei das. Die beiden streiten sich an einem Tag im April 2016, kurz vor dem Brexit-Referendum. Sophie hofft auf ein "Remain"-Votum und wird von ihrem Mann dafür ausgelacht. Warum seiner Meinung nach die "Leave"-Fraktion gewinnen wird, schleudert er ihr mit triumphal erhobenem Zeigefinger entgegen: "Wegen Leuten wie dir."

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Ab wann lief in Großbritannien die gesellschaftliche Stimmung aus dem Ruder und offenbarte diesen tiefen Graben, der nicht nur das Land ins Chaos stürzte, sondern ganze Familien in "Remainer" und "Brexiteers" zerriss? Um diese Frage lässt der britische Autor Jonathan Coe seinen zwischen 2010 und 2018 spielenden Roman "Middle England" kreisen - auf tragikomische und ungemein unterhaltende Art.

Personeller Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist Sophies Onkel, Benjamin Trotter, den Coe-Fans bereits aus zwei vorherigen Büchern kennen. Wer "Erste Riten" (2002) und "Klassentreffen" (2006) nicht gelesen hat - macht nichts, Vorkenntnisse sind nicht nötig. Im aktuellen Roman ist Benjamin Mitte 50 und gerade in eine abgelegene Wassermühle in den Midlands nahe Birmingham gezogen. Dort will er nach 30 Jahren endlich seinen Roman epischen Ausmaßes beenden - der schließlich von mehreren 1000 auf 200 Seiten schrumpft und ihm den "Man Booker Prize" einbringt. Neben der literarischen Arbeit treibt Benjamin noch etwas anderes um: Er beobachtet mit Sorge die steigende Wut der Mittelschicht, "die sich an Behaglichkeit und Wohlstand gewöhnt hatte und jetzt merkte, dass ihr das alles entglitt".

Seltsame Sehnsucht nach "Englishness"

Was das "brodelnde Gefühl von Benachteiligung" mit den Menschen macht, darüber schreibt Benjamins langjähriger Freund Doug. Der linksliberale Journalist lebt dabei seinen ganz persönlichen Spagat. "Dieser Groll, diese soziale Schieflage. Ich spüre das alles nicht", muss er gestehen. Er selbst hat in eine steinreiche Familie eingeheiratet und schämt sich nun dafür, in einer Luxusvilla in Chelsea zu wohnen. Und das ist nicht sein einziges Dilemma: Während der Labour-Anhänger gegen den EU-Ausstieg ankommentiert, entdeckt er seine Liebe zu einer Tory-Abgeordneten.

Auch Sophie und Ian führen eine Beziehung unter komplizierten Vorzeichen. Die weltoffene Kunsthistorikerin ist für ihren Mann aus London in die Provinz gezogen und bekommt dort hautnah mit, wie immer mehr Bürger sich nach einer "Englishness" sehnen und alles vermeintlich "Fremde" als Bedrohung wahrnehmen. So wie Ians rassistische Mutter, die sich zwar von einer Litauerin das Haus putzen lässt, aber nicht damit hinterm Berg hält, dass sie ihr keinen Platz in Großbritannien zugesteht.

Fahrsicherheitstrainer Ian wiederum fühlt sich als "Opfer im eigenen Land", seit er sich um eine Beförderung beworben hat und seine Kollegin den Job bekam. An ihrer Qualifikation kann das nicht gelegen haben, glaubt Ian, sondern einzig und alleine daran, dass sie Naheed heißt und eine dunklere Hautfarbe hat.

Viele Figuren, viel Verunsicherung

Die hier vorgestellten Figuren sind nur ein Bruchteil des handelnden Personals. Es treten außerdem auf: ein prekär lebender Kinderclown, der sich mit seinem Konkurrenten prügelt; Benjamins verbitterter Vater, der den Verfall der alten Fabrik, in der er früher gearbeitet hat, mit dem vermeintlichen Abstieg Großbritanniens gleichsetzt; ein äußerst anpassungsfähiger Pressereferent der Regierung - und, und, und. Die Liste ließe sich nahezu unendlich fortführen.

Dieses üppige Geflecht aus familiären und freundschaftlichen Verbindungen erlaubt es Coe, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven von der großen Verunsicherung und dem Brexit-Unbehagen der Mittelschicht zu erzählen - wobei er keinen Zweifel an seiner pro-europäischen Haltung lässt. Jede von Coes Figur hat auf ihre Weise das Gefühl, dass etwas gewaltig schiefläuft in diesem Land, das um seine Identität ringt. Der gefährliche Teil dabei: Ressentiments, Rassismus, Hass.

Das Gerüst von Coes Roman bilden wichtige Koordinaten der britischen Geschichte - von der ersten Koalitionsregierung aus Konservativen und Liberalen 2010 und den Unruhen ein Jahr später über die umjubelte Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 bis hin zum tödlichen Attentat auf die Brexit-Gegnerin Jo Cox wenige Tage vor dem Referendum 2016. Am Ende dann die Schockstarre nach dem Sieg der "Nein"-Sager, der Benjamin Trotter auf seine ganz eigene Weise entkommt: Er entscheidet sich für den Exit vom Brexit - und der führt ihn raus aus Großbritannien.

Knallhart analytisch will "Middle England" trotz aller Faktengenauigkeit aber nicht sein. Der Roman fängt vielmehr die Atmosphäre einer zunehmend von Misstrauen vergifteten Gesellschaft und individuelle Reaktionen auf Mikroebene ein. Coe spielt mit Ernst und vor allem viel Witz durch, was passiert, wenn Väter, Schwiegermütter und Eheleute trotz grundverschiedener Ansichten vom gesellschaftlichen Miteinander versuchen, irgendwie gemeinsam klar zu kommen.

Quelle: ntv.de