Unterhaltung
Sonntag, 03. Dezember 2017

Jenseits von Postkarten-Romantik: Acht Berge, zwei Freunde, eine Sehnsucht

Von Katja Sembritzki

Der eine verlässt sein Heimatbergdorf am Monte-Rosa-Massiv nie, den anderen zieht es in die Ferne zu immer höheren Gipfeln. In seinem Roman "Acht Berge" lässt Paolo Cognetti zwei Freunde nach dem Glück suchen. Klingt abgedroschen. Ist es aber nicht.

In Italien entdeckt in den letzten Jahren die Generation der in den 1970ern geborenen Autoren die Berge als prächtige und zugleich ehrfurchtgebietende Kulisse für ihre Romane. Mal funktioniert das hervorragend, so zum Beispiel bei Davide Longo mit "Der Steingänger" oder "Der Fall Bramard". Mal, wie in Luca D'Andreas "Der Tod so kalt", nur mit Abstrichen.

Paolo Cognetti gehört eindeutig zur ersten Kategorie. In "Acht Berge" erzählt er von zwei unterschiedlichen Männerkonstellationen: Zum einen von einer komplizierten Vater-Sohn-Beziehung, zum anderen von einer Freundschaft, die ohne viele Worte auskommt, trotz aller Bildungsunterschiede ein Leben lang hält und von der Leidenschaft für die Berge zusammengehalten wird.

Wie sein Protagonist in Jugendjahren pendelt auch Autor Paolo Cognetti zwischen Mailand und dem Aostatal hin und her.
Wie sein Protagonist in Jugendjahren pendelt auch Autor Paolo Cognetti zwischen Mailand und dem Aostatal hin und her.(Foto: Roberta Roberto)

Der in Teilen autobiografisch gefärbte Roman spielt in dem Dorf Grana im Aostatal, das von den 4000 Meter hohen Gipfeln des Monte-Rosa-Massivs überragt wird. Seit er elf Jahre alt ist, sucht Ich-Erzähler Pietro dort jeden Sommer mit seinen Eltern Zuflucht vor dem lärmenden Mailand. In dem Ort leben nur noch 14 Menschen, darunter ein einziges Kind, der Hirtenjunge Bruno. Mit ihm freundet Pietro sich an.

Zu zweit durchstreifen sie Berge und Täler und erkunden alte Ruinen. Die Gletscher erklimmen sie gemeinsam mit Pietros Vater - einem im Stadtalltag dauerwütenden Mann, der nur im Gebirge aufblüht und seine Gipfelbesteigungen wie ein General auf einer Landkarte vermerkt.

Zwei unterschiedliche Lebenswege

Als sie erwachsen werden, entscheiden sich die beiden Freunde für ganz unterschiedliche Wege. Bruno verlässt sein Heimatdorf nie. Bildung hat er kaum genossen, im Schulgebäude des Dorfes wurden keine Kinder unterrichtet, sondern Kaninchen gezüchtet. Er wird Maurer, gründet eine Familie und versucht, die alte Käserei auf der Alm seines Onkels wieder in Betrieb zu nehmen.

Der Roman ist bei der DVA erschienen, hat 256 Seiten und kostet 20 Euro.
Der Roman ist bei der DVA erschienen, hat 256 Seiten und kostet 20 Euro.

Pietro hingegen beginnt erst ein Mathematikstudium, wird dann aber Dokumentarfilmer. Ihn zieht es in die Welt, weg von seinem Vater, der ihm immer fremd bleibt, ihn aber mit seiner Faszination für die Berge angesteckt hat. Und so reist Pietro zu den exotischsten Gipfeln der Erde - kehrt aber immer wieder ins Aostatal zu Bruno zurück.

Auf einer seiner Touren durch den Himalaja lernt Pietro eine nepalesische Legende kennen, der zufolge die Welt aus einem hohen Berg besteht, der von acht kleineren umgeben ist. Doch was genau bedeutet nun Glück: Vom höchsten Gipfel aus die Umgebung betrachten zu können oder die acht anderen Berge zu bezwingen? Die Sehnsucht und Suche nach dem richtigen, erfüllenden Leben ziehen sich als roter Faden durch das ganze Buch - ohne dabei ins Sentimentale abzudriften.

"Fernab vom Maskenspiel der Stadt"

Cognetti, der für seinen Roman mit dem renommierten italienischen Literaturpreis "Premio Strega" ausgezeichnet wurde, entwickelt sensibel die Charaktere seiner Protagonisten. Er erzählt eine sehr ruhige, entschleunigte Geschichte, die sich ganz auf das Leben in und mit der Natur konzentriert und auf hektischen Großstadttrubel und jegliche moderne Technologien verzichtet. Das Gebirge sei "ein Ort der Wahrhaftigkeit, der Aufrichtigkeit, fernab vom Maskenspiel der Stadt", so der Autor in einem Interview.

Der Blick, den er dabei auf die Alpenlandschaft wirft, hat nichts mit Postkarten-Romantik zu tun. Klar, auch bei ihm sind die Berge schön. Aber vor allem sind sie rau, unbezähmbar und es gibt zerstörerische Lawinen. Stille und Einsamkeit sind oft schwer zu ertragen, das Leben ist hart und entbehrungsreich.

Besonders prägen sich die Schilderungen der unzähligen Wanderungen ein, die Pietro und Bruno unternehmen: am Wildbach entlang, durch Lärchenwälder hindurch, über die Baumgrenze hinweg bis in eine Höhe, in der auch im Sommer Schnee liegt. Und natürlich bis zu dem See auf der Hochebene, wo sie gemeinsam eine verfallene Hütte aufbauen, die Pietro von seinem Vater geerbt hat. Als Leser wird man dank des angenehm unaufgeregten Sprachstils des Autors nie müde, der Spur der beiden Freunde zu folgen.

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Quelle: n-tv.de

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