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"Wo wir waren" Als Armstrong landet und Hardy flieht

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(Foto: imago/Cinema Publishers Collection)

Manche Momente brennen sich ins Gedächtnis der Menschheit ein - wie die Mondlandung vor 50 Jahren. Auch für den fünfjährigen Hardy, den Helden des grandiosen Romans "Wo wir waren", wird dies ein schicksalhafter Tag. Einer, der sein weiteres Leben maßgeblich bestimmt.

Es ist ein besonderer Moment für Neil Armstrong, die Menschheit und den fünfjährigen Hardy. Am 21. Juli 1969 gleitet von einer kleinen Landefähre eine Leiter zu Boden und erstmals hinterlässt ein menschliches Wesen, eingehüllt in einen weißen Raumanzug, einen Fußabdruck auf der Kraterlandschaft des Mondes. Hardy verfolgt diesen schicksalhaften Tag allerdings nur am Rande. Gemeinsam mit dem viel älteren Schleicher, einem schlaksigen Jungen mit abstehenden Ohren, flieht er während der ersten Mondlandung aus seinem Zuhause, einem Waisenheim.

Was dann weiter mit Hardy passiert, der im Heim nur die "Nummer 13" ist, erzählt Norbert Zähringer in seinem fesselnden Roman "Wo wir waren". Im Gegensatz zur Entdeckungsreise der Astronauten geht Hardys Abenteuer erstmal nicht gut aus. Der Schleicher lässt ihn, den Klotz am Bein, in der Finsternis der Nacht allein stehen. Vorher bedroht er ihn noch wüst. Sollte er bald gefasst werden und plaudern, werde er Hardy die Gurgel durchschneiden. Und natürlich kann sich ein Fünfjähriger und sei er noch so schlau, kaum lange alleine in der Bundesrepublik der 1960er-Jahre durchschlagen.

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Dass Schlauheit nicht immer hilft, hat Hardy da schon längst gelernt. So zieht er bereits vor der Flucht den Zorn des stellvertretenden Leiters des Waisenheims auf sich, weil er sich selbst das Lesen beigebracht hat. Als Herr Martin ihn aufspürt, vertieft in den "Atlas der Entdeckungen", ahnt dieser instinktiv, dass ihm "Nummer 13" bedrohlich werden kann: Er verprügelt den Jungen, der sich für furchtlose Männer und Erkundungsreisen interessiert. Für Menschen, die sich durch nichts aufhalten lassen.

Allen Widrigkeiten zum Trotz gelingt es Hardy, seinen Vorbildern nachzueifern, und er bleibt weiter fasziniert von der Suche nach anderen Welten. Wenn Erwachsene über die Kosten von Raketen schimpfen, wo es doch auf der Erde genug Probleme gebe, denkt er nur: Warum schlagen wir uns hier mit Problemen herum, wenn wir doch längst fremde Planeten besuchen könnten? Auch als Erwachsener lässt ihn dieser Traum nicht los und er versucht alles, um selbst einmal vom All auf die Erde zu gucken. Auch wenn ihn dann die Vergangenheit wieder einholt. Die Zeit im Waisenheim im ehemaligen Kloster Neuorth.

Mutter und Sohn auf der Flucht

Ohne dass Hardy es ahnt, ist das alte Kloster Neuorth auch eng mit der Geschichte seiner Familie verbunden. Zähringer flicht diese immer wieder geschickt ein. Ganz in der Nähe, in der Nervenheilanstalt auf dem Auberg, war Hardys Großvater Adam 1901 zur Welt gekommen. Im alten Kloster selbst, in dem notdürftig eine Schule untergebracht war, lernte dieser lesen und schreiben, bevor es ihn in die Ferne zog und er als Funker zur See fuhr.

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Wo wir waren
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Adams Tochter Martha wiederum flieht nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem zerbombten Ostpreußen in den Westen und landet in dem Kloster von Neuorth. Und noch viel später - da ist ihr Sohn, der sie nicht kennt, gerade geflohen und die halbe Welt hat in krisseligem Schwarz-Weiß zwei Männer in Raumanzügen beobachtet - flieht auch sie. Als verurteilte Doppelmörderin aus der Psychiatrie in Auberg. Da ist schon vieles in ihrem Leben anders gelaufen, als sie es sich erhofft hatte.

Überhaupt ist das mit dem Leben und seiner Planbarkeit so eine Sache. Auch bei vielen anderen Personen, die in dem Buch auftauchen, zeigt sich dies. Viele der Helden sind auf der Flucht und wollen sich mit dem Leben, so wie es sich ihnen bietet, nicht abfinden. Dabei sind ihre Schicksale oft auf erstaunliche Weise miteinander verflochten, durch das gemeinsame Erlebnis der Mondlandung oder, wie im Falle Hardys, durch die Familiengeschichte, von der er nichts ahnt.

Geschickt verwebt Zähringer die Schicksale seiner Figuren ineinander und erschafft nebenbei das Porträt einer Familie über ein Jahrhundert hinweg. Mit einem warmen Blick beschreibt er seine Protagonisten, die wie die Astronauten nach Höherem streben, nach der Verwirklichung ihrer Träume. Dabei erweist sich Zähringer - wie bereits in seinen früheren Büchern - als genauer Beobachter mit subtilem Humor. Jeder Satz sitzt, und ihm gelingt, was man von einem Erzähler erwartet: Eine großartige Geschichte, die auch nach 500 Seiten viel zu schnell endet.

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Quelle: n-tv.de

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