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Die Hässlichkeit des Krieges "Das Mägdlein ganz unmenschlich zugerichtet"

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Ausgrabungen im Hof der Burg Querfurt in Sachsen-Anhalt im vergangenen Sommer. Dort wurden Gräber aus dem 17. Jahrhundert sowie Munition aus dem Dreißigjährigen Krieg geborgen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Historiker Hans Medick beschreibt nicht die großen politischen Zusammenhänge des Dreißigjährigen Krieges, sondern konzentriert sich auf alltägliche Gewalt und Hungersnot. Die Lektüre lässt einen erschaudern.

Christoph Brandis, Bürgermeister von Rüthen in Westfalen, hielt den Gewaltakt vom 7. April 1636 schriftlich in seinem Tagebuch fest. Nachdem der bei angesehenen Bürgern der Stadt einquartierte Soldat namens Mathes schon Mobiliar, Türen und Fenster zertrümmert sowie Hausbewohner mit "schweren Prügelsuppen" malträtiert hatte, tat er der Tochter des Hausherrn auch "noch das Schlimmste" an: Er vergewaltigte sie.

Brandis notierte, dass die Eltern die "schändliche That" mit ansehen mussten, weil Mathes schon einige Zeit zuvor ein Loch in die Tür gehauen hatte. Die 17-Jährige wehrte sich so sehr, dass ihr Peiniger ihre rechte Brust "ganz und gar aufgerissen (hatte), so daß ein ganzes Stück nachher herausgefallen, und das Mägdelein ganz unmenschlich zugerichtet unter unaufhörlichen Schmerzen 14 Tage darauf verstorben" ist. Bürgermeister und Vater gingen zum Hauptmann des Täters. Doch der Befehlshaber erklärte, wenn das Mädchen "einmal todt seye, dann könne er nicht mehr helfen. Er bestrafte auch den Mathes keinesweges, sondern ließ ihn wie andere frei herumgehen."

Dieses Beispiel ist eines von vielen, die der Historiker Hans Medick in seinem jüngsten Buch wiedergibt. Für "Der Dreißigjährige Krieg - Zeugnisse vom Leben mit Gewalt" hat Medick zahlreiche Selbstzeugnisse und Meldungen aus den damals aufkommenden Massenmedien gesichtet. Seine Protagonisten sind Vertreter aller gesellschaftlichen Schichten: Söldner und Soldaten diverser Kriegsparteien, Handwerker, Nonnen, Mönche, kirchliche Würdenträger beider Konfessionen, Angreifer und Verteidiger, Bauern, Bürger, Adlige und Diplomaten.

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Medick hat sich der Mikrogeschichte verschrieben, die darauf abzielt, aus vielen kleinen Puzzleteilen ein Gesamtbild zu schaffen. Deshalb geht es in dem Buch auch ausdrücklich nicht um die großen politischen Zusammenhänge und den Verlauf der wichtigsten Schlachten des Konflikts zwischen 1618 und 1648, der Europa verwüstete und in manchen Regionen mehr als zwei Drittel der Bevölkerung dahinraffte. Der Fokus liegt auf konkreten Erfahrungen von Gewalt verschiedenster Art: von der Zerstörung religiöser Symbole oder der Demütigung von Einwohnern besetzter Orte bis hin zu Folter, Belagerungen, Plünderungen und Massakern.

Historische Nachrichtenpolitik

Der Historiker widmet sich aber auch umfassend der Hungersnot im Kriegsgebiet sowie den Versuchen der Menschen, damit klar zu kommen. Medick befasst sich mit dem immer wieder brutalen Kampf zwischen der Bevölkerung und Soldaten um die letzten Lebensmittel. So wird verständlich, warum im Dreißigjährigen Krieg weitaus mehr Menschen den Hungertod starben als durch Kampfhandlungen.

Obwohl Medick natürlich darauf eingeht, kümmert er sich weniger darum, in welchem Ausmaß die Religion als Motiv für das 30-jährige Gemetzel eine Rolle spielte. Ihn interessieren mehr konkrete Machtdemonstrationen auf regionaler Ebene, um Katholiken oder Protestanten zu demütigen oder an der Ausübung ihres Glaubens zu hindern.

Spannend sind auch seine Ausführungen zum Umgang der Medien mit der Nachrichtenlage. Ein Beispiel: Bei Zeitungen in Städten, die von den Schweden besetzt oder politisch beherrscht waren, machte Medick - allen voran bei Berichten "mitteldeutscher Korrespondenten" - folgende Tendenz aus. "Die Veröffentlichung schlechter Nachrichten, etwa vom Tod des Königs, wurde möglichst lange vermieden. Stattdessen wurden zunächst Meldungen bevorzugt, nach denen der Schwedenkönig überlebt hatte." Gustav Adolf war in der Schlacht bei Lützen im November 1632 von kaiserlichen Soldaten getötet worden.

Natürlich kommt auch Medick nicht ohne Rückgriffe auf längst bekannte Schriften aus, etwa das Tagebuch des Söldners Peter Hagendorf, der die Erlebnisse seines rund 22.500 Kilometer langen Marsches durch Europa detailliert niedergeschrieben hatte. Medick berücksichtigt aber auch zahlreiche bis dahin unveröffentlichte Dokumente. Eines von ihnen ist der Bericht von Amus Teufel, der zu den Verteidigern von Münden (heute Hann. Münden) gehörte. Ihm zufolge wurden "Lebendige und Tote" vom Dach sowie Mütter und ihre Kinder aus den Fenstern des Stadtschlosses hinunter geworfen. "Dass es mehr als zu viel war, was niedergehauen wurde, beweist auch, dass das Blut die Treppen herunter geflossen ist", stellte der Überlebende der Erstürmung fest.

Lehrreiches Dokument

Das Buch ist nicht nur wegen solch brutaler Stellen, sondern auch sprachlich nicht immer leichte Kost. Zudem schweift der Autor - typisch Wissenschaftler - teilweise aus. Wer sich darauf einlässt, wird die Lektüre kaum bereuen - falls er oder sie nicht in erster Linie ausführliche Beschreibungen politischer und militärischer Hintergründe des Dreißigjährigen Krieges erwartet.

Oft sind die Berichte, wie es damals üblich war, in einer Sprache gehalten, die uns heute als sehr nüchtern, distanziert und sogar emotionslos erscheint. Daraus zu schließen, dass die Menschen nicht getrauert hätten, wäre Unsinn. Hagendorf etwa hebt in seinem Tagebuch den Tod seiner Frau und eines seiner Kinder durch veränderte Handschrift ausdrücklich hervor. Mitunter sind die Zeitzeugnisse makaber, wenn nicht unfreiwillig komisch. Ein Pfarrer etwa beklagte sich bei seinem Vorgesetzten über den Verzehr von Menschenfleisch in Agawang, einem Dorf bei Augsburg. Er fragte die als Kannibalinnen ausgemachten Frauen, ob es geschmeckt habe. Sie bejahten und nannten als "das Beste" Hirn, Herz und Nieren.

Durch die Wiedergabe der vielen zeitgenössischen Erlebnisse, die Medick jeweils anschaulich erläutert und einordnet, ist das Buch insgesamt ein trauriges, aber lehrreiches Dokument des alltäglichen Kriegsschreckens. Wer es gelesen hat, kann danach nur feststellen: Krieg ist die hässlichste Erfindung der Menschheit.

Quelle: n-tv.de

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