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Comics für Jung und Alt Ein Abenteuer namens Kindheit

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Mit Brille sieht das Leben doch gleich ganz anders aus - Szene aus "Manno!".

(Foto: 2020 Klett Kinderbuch, Leipzig)

Blöde Schwestern, tolle Kumpels, verwunschene Häuser und eine Hundebande in Paris. Die Helden dieser Comics für Kinder stürzen sich ins Abenteuer. Und wachsen daran. Nur das mit den Analogtelefonen müsste vielleicht erklärt werden.

"Alles genau so in echt passiert", steht im Untertitel des Buches. Wenn das mal nicht neugierig macht auf diese Kindheit, die die Protagonistin Anke in einer hessischen Kleinstadt der 1970er-Jahre erlebt. Natürlich ist es kein Zufall, dass die Autorin und Zeichnerin auch Anke heißt, Anke Kuhl. In "Manno!" (Klett, Leseprobe) erzählt sie in Episoden aus ihrer Kindheit, die von Spiel und Spaß geprägt ist, aber auch von schlimmen Gedanken und Traurigkeit. Diese Realitätsnähe macht den Comic zur lohnenswerten Lektüre für Eltern und Kinder (empfohlen ab 7), natürlich am besten gemeinsam.

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Die Eltern werden schon allein benötigt, um ein paar Sachen zu erklären - Analogtelefone und Röhrenfernseher oder Schlaghosen und 70-Jahre-Frisuren. Doch abgesehen von diesen Details zeigt Kuhl, dass sich die Kindheit damals und heute nicht allzu groß unterscheidet. Streit mit der Schwester? Immer! Kuscheln mit Oma und Opa? Natürlich! Mutproben und Quälspiele? Gehören dazu! Diese Höhen und Tiefen fängt Kuhl grafisch auf, weil sie ihre Seitenstruktur immer dann auflöst, wenn es besonders phantasievoll oder dramatisch zugeht, womit die Spannung noch erhöht wird. Es sind Momente, die eine Kindheit prägen. Und es ist eine besondere erzählerische Leistung, dass jede einzelne Episode einen völlig neuen Aspekt beleuchtet oder ein Thema anschneidet, das Kinder besonders beschäftigt.

Am stärksten ist das Buch, dessen früher Entwurf 2019 mit dem Deutschen Comicbuchpreis ausgezeichnet wurde, allerdings dann, wenn es ernste Themen aufgreift, weil es die kindlichen Ängste ernst nimmt, aber gleichzeitig Wege aufzeigt, wie sie verarbeitet werden können. Wenn Anke wegen eines Leistenbruchs operiert werden muss oder die Mutter von einem fast tödlich endenden Unfall berichtet, dann verhindern die lebensnahen Dialoge und Kuhls realistischer, aber nie zu strenger Zeichenstil, dass die Stimmung ins Negative kippt. "Alles genau so in echt passiert" - dann ist am Ende des Buches nicht nur ein Versprechen, sondern ein glaubhaftes Qualitätsmerkmal.

Stinkekäse und Migräne

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So ein Flohmarkt ist doch eine tolle Chance für allerlei Geschäfte: Ariol und Ramono.

(Foto: 2020 Reprodukt)

Ob bei "Ariol" auch alles wirklich so passiert ist? Das darf man eher bezweifeln. Aber nichtsdestotrotz - oder vielleicht gerade deswegen - ist die Reihe von Autor Emmanuel Guibert und Zeichner Marc Boutavant ein moderner Klassiker. Das liegt einerseits an den Geschichten, die das Leben des jungen Titelhelden witzig auf den Punkt bringen. Andererseits aber natürlich an der Zeichenkunst Boutavants und seinen niedlichen Tiergestalten: der blaue Esel Ariol, sein bester Freund, das Schwein Ramono, und Ariols heimliche Liebe Petula, eine Kuh.

Die witzigen Höhepunkte des nun vorliegenden zehnten Sammelbandes "Ballettratten" (Reprodukt, Leseprobe) - hinzu kommt noch ein Einzelband mit einer längeren Story - sind eine Geschichte über die Militärzeit von Ariols Vater, die sich um einen Stinkekäse dreht, und ein Abenteuer auf dem Flohmarkt, auf dem Ariol und Ramono natürlich ihre eigenen Geschäfte abziehen.

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Was "Ariol" neben diesen eher schelmischen Geschichten aber auch auszeichnet, ist, dass - wie bei "Manno!" - regelmäßig die reale Welt ihre Spuren hinterlässt. Auch wenn anders als in Kuhls Werk die Probleme hier vor allem mit Witz aufgefangen werden. Das gilt etwa für Ariols Begegnung mit einer unglücklichen Frau, die ihre Probleme im Alkohol zu ersaufen versucht, und für die großartige Geschichte, in der Mutter Esel an Migräne leidet. Dieser Realitätssinn, gepaart mit der unbändigen Phantasie der Erzählungen, macht "Ariol" so großartig. Dass auch im zehnten Band keinerlei Langeweile aufkommt, muss den beiden französischen Vätern von Ariol erstmal jemand nachmache.

Explodierende Schornsteine

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Alan im Kampf gegen Geister.

(Foto: Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020)

In Kino und Fernsehen feiert Mystery fröhliche Urstände. Im Comic natürlich auch. Da wird es doch Zeit, dass auch Kindercomics Genrestoffe für sich entdecken. Damit kann man ja nie früh genug anfangen. Und obwohl die nun startende Reihe "Alan C. Wilder" reichlich britisch klingt, stehen zwei deutsche Künstler dahinter: Autor Patrick Wirbeleit ("Kiste") und Zeichner Ulf K. ("Pelle und Bruno"). Der erste Teil, "Die Brücke der toten Hunde" (Carlsen, hier eine Lesung), gibt die Richtung vor: ein Mix aus leichtem Grusel und Mystery-Krimi mit ironischem Unterton und reichlich britischem Spleen.

Dazu gehören selbstverständlich Teestunden, Nebel und Orte wie die Brücke der Lady Dunsford. Dort stürzen sich immer wieder Hunde in den Tod. Und es ist an Titelheld Alan, dem Grund auf die Spur zu kommen. Dabei hilft ihm nicht nur sein Vater, der nach seinem überraschenden Tod ein Geist wurde, sondern auch Affe Lord Peter. Und eine gründliche Detektivausbildung. Natürlich standen hier Helden wie Sherlock Holmes Pate und die Atmosphäre der Edgar-Wallace-Filme. Wirbeleit und Ulf K. brechen diesen unverwüstlichen britischen Krimistil kindgerecht herunter und fügen noch reichlich phantastische Elemente hinzu.

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Vor allem Wirbeleit versteht es, wie schon in "Kiste", die Weltsicht von Heranwachsenden wiederzugeben - mit dem Kniff, dass Alan die Detektei seines verstorbenen Vaters übernimmt und nun versuchen muss, auf eigenen Füßen zu stehen. Im Zusammenspiel mit Ulf K.s Zeichensprache sind dann auch nicht mehr viele Worte nötig, was den Schwerpunkt auf die Bilder und deren Gruselfaktor lenkt. Gut, dass K. seinen sonst so klaren, aufgeräumten Strich variiert, um mit schattigen Gesichtern und Vignetten die Spannung zu erhöhen. Ein passendes Gimmick sind die im Dunkeln leuchtenden Hunde auf dem Cover. Very british, very cool.

Paris kommt auf den Hund

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Die Hunde entdecken Paris - und Notre Dame ist noch nicht abgebrannt.

(Foto: Reprodukt 2020)

Wie fröhlich wirkt da im Vergleich "Die Hundebande in Paris" von Dorothée de Monfreid. Es ist bereits das sechste Abenteuer, das Reprodukt von den Vierbeinern herausbringt, erstmals nicht als Pappbilderbuch, sondern als Hardcover in Albumgröße. Es richtet sich an jüngere Leser oder vorlesende Eltern. Und gerade in Zeiten von Reisebeschränkungen lässt sich mit dem Besuch der Hunde in der französischen Hauptstadt ein wenig die Welt entdecken.

Auslöser der Reise ist Onkel Jacob, der die neunköpfige Hundebande zu seinem 100. Geburtstag einlädt. Die lässt sich nicht zweimal bitten und freut sich bereits auf ein Festgelage. Zuvor muss sie jedoch zum Onkel finden und das ist in einer Metropole wie Paris natürlich nicht so einfach. So wird die Reise zur Sightseeing-Tour zu den bekanntesten Orten der Stadt, zur Basilika Sacré-Cœur, zu Louvre und Notre-Dame (hier noch nicht beschädigt) und natürlich zum Eiffelturm.

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Um die Monumente würdig darzustellen, streut de Monfreid immer wieder große Bilder auf Einzel- oder Doppelseiten in die Geschichte ein, die die Architektur erst richtig zur Geltung bringen. Die Comicteile wiederum widmen sich vor allem den neun Hunden und ihren typischen Marotten. Diese Mischung aus Entdeckung und Witz ist gelungen und der Band sicher ein Höhepunkt der Kindercomic-Reihe.

Quelle: ntv.de