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Ein Augenblick eines Lebens Ein Mensch wird geboren, zwei sterben

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Livia wird ihre Mutter nie kennenlernen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Toms hochschwangere Freundin kommt mit einer Grippe ins Krankenhaus. Sie stirbt und Tom muss die kleine Livia allein großziehen. "In jedem Augenblick unseres Lebens" von Tom Malmquist ist ein großartiges Buch über Trauer.

Immer wenn es ganz schlimm ist, sagt jemand: Es kommen auch wieder andere Zeiten. Niemand sagt, dass es sich genauso verhält, wenn es gut ist. Tom und Karin erwarten ihr erstes Kind, Tom will vorher noch seinen Roman beenden. Und dann kommen andere Zeiten.

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In jedem Augenblick unseres Lebens: Roman
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"Der Oberarzt tritt den Kipphebel an Karins Patientenbett fest. Mit lauter Stimme informiert er die Intensivschwestern, die Karins Top und Sport-BH aufschneiden: Patientin schwanger, Kind laut Angaben wohlauf, dreiunddreißigste Woche, vor etwa fünf Tagen grippeähnliche Symptome, Fieber Husten, gestern leichte Atemnot, der Schwangerschaft zugeschrieben, heute akute Verschlechterung, schwere Atemnot, vor einer Stunde hier in der Geburtsklinik erschienen." Man ahnt gleich zu Beginn von Tom Malmquists "In jedem Augenblick unseres Lebens", dass das keine leichte Kost wird.

Aber schon nach wenigen Seiten entfaltet diese Geschichte, dieser Bericht, einen unwiderstehlichen Sog. Karins Diagnose ist Akute myeloische Leukämie, das Baby muss per Notkaiserschnitt geboren werden. Das Mädchen soll Livia heißen, kann Karin Tom noch sagen, bevor die Apparate der Intensivmedizin sie stumm machen.

Eine griechische Tragödie

Tagelang rennt Tom auf den Krankenhausfluren zwischen der Frühgeborenenstation und der Intensivstation hin und her. Livia liegt auf seiner nackten Brust, während Karin eine Amputation droht. Er füttert Livia über eine Magensonde und hofft, dass Karins Chemotherapie bald beginnen kann. Zwischen den beiden wandern Decken hin und her, mit Mamas Duft und Livias Duft. Und Karin stirbt. Ebenso wie Tom kann man auch beim Lesen von all diesen Eindrücken nur überwältigt sein.

Vier Monate später stirbt auch noch Toms Vater. Manchmal, wenn Tom nicht schlafen kann, legt er sich auf einer Turnmatte neben Livias Bett und steckt seine Hand durch die Gitterstäbe. Er hasst so sehr wie noch nie in seinem Leben, völlig ziellos, aber die Alternative sind Stunden, in denen er nur weint. Es kommen wieder andere Zeiten, sicher, noch aber kann Tom weder fernsehen noch Zeitung lesen. Das Essen seiner Mutter isst er kalt aus der Tupperdose. Trauer kann ein sehr forderndes Gefühl sein.

Von Malmquist gibt es Fotos mit Livia, trotzdem beharrt der Autor in Interviews darauf, dass seine Geschichte, so wie jede andere, eine Fiktion ist. Er habe seiner eigenen Wahrheit näher kommen wollen. Herausgekommen sei dabei eher eine griechische Tragödie als Memoiren. Geldsorgen, hingeworfen in den Alltag als alleinerziehender Vater eines Babys, der zudem die bürokratischen Schritte zur Vaterschaftsanerkennung erst einmal unternehmen muss. Überall Erinnerungen an das Leben mit Karin und vor Karin und Gedanken an ein Leben, das nie eingetreten ist.

"In Todesnähe gibt es eine besondere Art von Wirklichkeit, eine, die alle Schutzmaßnahmen niederreißt, bis man gezwungen ist, dem Leben ohne Hoffnung auf Verschonung zu begegnen." Am Ende entwirft er ein Bild von Livias Leben, wie sie sich verliebt, Marihuana raucht und in der Tasche von Karins Mantel die Quittung eines Ladens findet, der schon lange nicht mehr existiert. Selten ist so präzise und überzeugend beschrieben worden, was es bedeutet zu lieben und zu trauern.

Quelle: n-tv.de