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"Empathie ist unsere Superkraft" Émile Bravo wird Spirou vermissen

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Der Superheld, die Superheldin ist nicht immer der oder die mit der Waffe in der Hand, meint Émile Bravo.

Von Fans sehnsüchtig erwartet, ist nun endlich der letzte Band von "Spirou oder: die Hoffnung" erschienen. Nachdem Émile Bravo die Leser im vorhergehenden Band in einer besonders düsteren und berührenden Szene stehen gelassen hat, vollendet er nun die außergewöhnlichsten Episoden der alternativen Spirou-Reihe.

Seit 2008 hat der Comic-Zeichner seine Helden Spirou und Fantasio in mehreren Bänden vom Ausbruch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges im von den Deutschen besetzten Belgien begleitet und seine Charaktere in dieser Zeit reifen lassen. Vom einfachen, kleinen Hotelpagen wird Spirou zu einem Helfer des Widerstands gegen die Nationalsozialisten - auch wenn er davon zunächst nichts ahnt. Politisch zunächst naiv verliert der jugendliche Held unter der Feder von Émile Bravo nie sein Mitgefühl und seine Menschlichkeit.

Im Interview mit ntv.de erzählt der Comic-Zeichner, wie es sich anfühlt, Spirou und seinen Freund Fantasio nach so vielen Jahren zu verlassen und warum Empathie eine Superkraft ist, mit der nicht mal Marvel-Helden mithalten können. Bei den Fans kam die Mischung aus Abenteuer, historischen Fakten, jeder Menge Humor, den Anspielungen auf große belgische Comics wie "Tim und Struppi" und nicht zuletzt dem Nachdenken über Conditio humana so gut an, dass Bravos Verlag nicht wartete, bis er die ganze Geschichte fertig gezeichnet hatte, sondern gleich aus einzelnen Kapiteln eigene Bände machte.

ntv.de: Gratulation zum fünften und letzten Band Ihrer Spirou-Reihe. Wie fühlt sich das nach all den Jahren an, nun fertig zu sein mit Spirou?

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Émile Bravo: Ich bin noch in Schockstarre! (lacht) Nachdem ich neun Jahre an Spirou gearbeitet habe, jahrelang in einer anderen Welt war, muss ich erst mal zurückkommen. Ich bin tatsächlich erst Anfang März fertig geworden, das klingt wie eine längere Zeit, aber mir kommt es vor wie gestern. Es ist übrigens der vierte Band. "Das Porträt eines jungen Helden" gehört genau genommen nicht zur Reihe, auch wenn es natürlich der Auslöser dafür war.

Scheint gut zu meiner Frage zu passen, wie Spirou und Émile Bravo überhaupt zusammengekommen sind.

2008 wurde ich eingeladen, das "Porträt eines jungen Helden" für eine Sonder-Edition zu Spirou zu machen. In diesen Editionen kriegen verschiedene Comic-Zeichner eine Chance, Comic-Helden weiterzuentwickeln. Man muss dafür nicht in die ursprüngliche Welt der Figuren eintreten, man kann sie in seine Welt holen. Erst danach fragte mich mein Verleger, ob ich mir vorstellen könnte, eine weitere Spirou-Geschichte zu zeichnen und zu schreiben. Im "Porträt eines jungen Helden" sehen wir Spirou zu Beginn des Zweiten Weltkrieges - danach dachte ich: Es wäre interessant, der Entwicklung seines Verstandes und seiner Persönlichkeit während des Krieges zu folgen und auch Belgien während der Besatzung zu zeigen. Ich wollte jugendliche und erwachsene Leser daran erinnern, wie es für die Menschen war, als ein Weltkrieg ausbrach.

Es geht bei Spirou auch um Themen wie Heimat oder Identität. Am Anfang sieht sich Spirou noch als Belgier, später nicht mehr so sehr.

Er kommt ins Nachdenken, als er dieses Mädchen, Kassandra, trifft, die von überall herkommen könnte. Sie hat nicht wirklich eine Identität, eine Heimat. Ihre Identität ist es, ein Mensch zu sein. Das kann Spirou verstehen. Im zweiten Band erzähle ich von dem Konflikt zwischen Flamen und Wallonen und ich wollte darauf hinaus, dass es egal ist, woher man kommt. Ob Flamen oder Wallonen, wir sind alle Menschen! Am Beispiel des Zweiten Weltkriegs kann man sehen, wohin Nationalismus führt und wir haben das Problem bis heute. Für mich ist es furchtbar, dass Menschen nach ihren Identitäten suchen, während die Welt in einem Desaster steckt. Wir haben doch unseren Planeten, unser Klima zu retten.

Sie kommen selbst aus einer Familie, die eine neue Identität und Heimat finden mussten. Ihr Vater ist vor dem spanischen Bürgerkrieg nach Frankreich geflohen.

Richtig. Als Kind haben alle mir immer gesagt, ich sei Franzose, aber ich sagte: Nein, bin ich nicht. Das ist für mich eine der wichtigsten Lektionen im Leben: Alles ist zufällig. Ich könnte zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort geboren sein. Wenn man sich das klarmacht, weiß man, wir brauchen vor allem viel Empathie.

Die vier Alben ergeben eine Heldengeschichte - mit einem Helden, der klassischen Comic-Standards nicht entspricht. Was, würden Sie sagen, ist der Hauptunterschied zwischen Spirou und Superman? Oder Spirou und Tim aus der "Tim und Struppi"-Reihe, auf die Sie in den vier Bändern immer wieder anspielen? Was ist Spirous Superpower?

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Emile Bravo stellt Menschlichkeit und Mitgefühl in das Zentrum seiner Geschichten. Gewürzt mit jeder Menge Humor.

(Foto: Chloe Vollmer-Lo)

Ich denke immer, das menschliche Gehirn ist die Superkraft. Wenn man über die Menschheitsgeschichte nachdenkt, ist es doch unglaublich, dass wir die Fähigkeit haben zu lernen und unser Gehirn weiterzuentwickeln. Wir müssen nur davon wegkommen, ausschließlich an Arbeit zu denken. Wir brauchen mehr Zeit, um die Welt, die verschiedenen Kulturen besser zu verstehen. Für mich ist ein Held zudem jemand, der Empathie und Menschlichkeit zeigt – wie Spirou. Das könnte auch der große Unterschied zwischen den Comic-Helden in Europa und den amerikanischen Super-Helden aus den Marvel-Comics sein. Wir haben weniger Helden mit plötzlichen Superkräften, es geht immer um die Conditio humana, also eher philosophisch. Unsere Kraft liegt in der Bescheidenheit.

Die Superkräfte machen sich wahrscheinlich im Kino besser. In Deutschland sind die Marvel-Comics bei den jungen Leuten der Renner.

In Frankreich ist es dasselbe - Marvel überall!

Die erwähnten US-Comics sind den Leserinnen und Lesern hierzulande vertrauter als die europäischen Graphic Novels, zu denen Spirou gehört. In dem Wort ist die Novelle, eine Romanform, enthalten. Können Sie unseren Lesern erklären, wie Sie zum Beispiel eine Reihe wie die über Spirou erarbeiten?

Ich habe nicht Band für Band geschrieben, sondern die ganze Geschichte in 300 Seiten einmal durcherzählt. Mit Bleistift-Zeichnungen. Da steckt für mich die kreative Arbeit drin. Als das fertig war, habe ich mit den Reinzeichnungen von vorne angefangen. Ich hatte drei Kapitel und ein Fazit geplant. Mein Verlag wollte aber nicht so lange warten und hat dann nach jedem Kapitel einen Band herausgebracht.

Die Zeichnungen quasi unter den Fingern weggezogen.

Genau! (lacht). Ich hatte gerade die Tinte nachträglich eingefügt und man sah noch die blauen Schatten der Erstzeichnungen, ich nenne sie die Geister der Kreation. Ich sehe die Szenen inklusive der Dialoge vor mir und erst dann kann ich sie zeichnen.

Sie bringen also den Film, der sich in Ihrem Kopf abspielt, zu Papier.

Mehr ein Theater! Da ist ein kleines Theater in meinem Kopf. Es ist eine anstrengende Arbeit, weil man in die Köpfen aller Figuren eintreten muss. Man muss alle Charaktere verstehen, die bösen Jungs, sogar den Hund! Da wäre ich wieder bei der Empathie: Man braucht auch hier Empathie mit den schlimmsten Figuren. Man muss auch die bösen Nuancen verstehen.

Wie hält man so eine lange Beziehung, wie die zwischen Spirou und Ihnen, frisch? Hat man nach so vielen Jahren noch Lust, an der Geschichte weiterzuarbeiten?

Das war kein Problem, ich habe auch viel Liebe von meinen Charakteren zurückbekommen. Spirou und Fantasio waren meine Söhne!

Sie haben offensichtlich viel Sorgfalt darauf verwandt, die Figuren nicht mit Wissen von heute auszustatten. Alle Figuren fragen sich im Laufe der Geschichte irgendwann, wie der Weltkrieg ausgehen wird und welche Effekte er auf ihr Leben haben wird. Ein bisschen wie die Fragen, die wir uns gerade im Hinblick auf die Ukraine, die Beziehungen zu Russland und so weiter stellen. Wie schwierig war es, das heutige Wissen nicht in die Geschichte einfließen zu lassen?

Während des Schreibens habe ich wirklich in Belgien gelebt, mit den Nazis um mich herum, dem Hunger, der Angst. Insgesamt war es für mich nicht schwer, mich in die Lage der Menschen hineinzuversetzen. Meine Eltern haben das alles noch erlebt, sie haben mir viel erzählt, meine ganze Erziehung war dieser Zeit noch sehr nahe. Ich bin 1964 geboren - das ist 20 Jahre nach dem Krieg, das ist nichts. Wir brauchen Zeit und Distanz, um zu verstehen, was wirklich passiert. So geht es uns auch mit der Ukraine heute. 1940 haben viele Menschen in Europa noch geglaubt, dass Deutschland den Krieg gewinnen würde, nicht viele Menschen haben auf Großbritannien gesetzt. Der Faschismus war eine Revolution, etwas Neues. Heute verdammen wir es, aber damals war das nicht unbedingt so. Am Ende des ersten Kapitels will Fantasio zum Beispiel nach Deutschland gehen, um dort zu arbeiten - da haben sich viele Leser geärgert und gemeint: Warum machst du aus Fantasio einen Kollaborateur? Aber Fantasio dachte nur daran, dass er Arbeit braucht. Er verstand sich nicht als Kollaborateur.

Heute ist es wieder für viele Menschen schwer, das Weltgeschehen einzuordnen. Mein Vater ist 94 Jahre alt, er hat das Kriegsende erlebt, für ihn waren die Russen die Befreier, aber was macht die russische Armee jetzt um Gottes Willen?

Ich verstehe ihn gut. Ich habe als Kind auch die Rote Armee und die US-Army für meine Freunde gehalten, die haben doch Europa befreit. Dann kam der Irak-Krieg.

Eine Stelle gibt es in dem neuen Band, wo mehr Wissen über den Verlauf des Krieges durchscheint - als sich im Zug in die Lager ein säkularer Jude mit einem religiösen Juden streitet und ihm vorwirft, blind zu sein.

Ich denke, es gab viele unterschiedliche Wissensstände. Zum Zeitpunkt, in dem der Band spielt, haben einige Menschen, wie zum Beispiel Felix Nussbaum, schon schlimme Erfahrungen mit dem neuen Regime gemacht. Sie haben das Vertrauen verloren, dass diese Sache noch gut ausgeht.

Der Maler Felix Nussbaum, der mit seiner Frau nach Kriegsausbruch untertaucht und von Spirou und Fantasio versorgt wird. Wie ist die historische Figur Felix Nussbaum in Ihre Erzählung gekommen?

Das war reiner Zufall. Ich habe nach historischen Vorbildern gesucht, um den Holocaust zu erklären. Ich erinnere, dass ich es irgendwann für unmöglich hielt, etwas Passendes zu finden. Ich konnte Spirou nicht nach Auschwitz schicken. Er hätte ja nicht überlebt oder wenn er überlebt hätte, wäre er nicht mehr der alte Spirou.

Schon das Ende des dritten Bandes war absoluter Horror.

Genau. Jedenfalls gab es 2010 sogar eine Ausstellung in Paris mit den Werken von Felix Nussbaum, ich bin aber nicht hingegangen, sondern habe seine Werke erst kurze Zeit später kennengelernt. Als ich das Bild "Der Triumph des Todes" gesehen habe, habe ich sofort gefragt: Wer hat das gemacht? Es war ein Schock. Wer ist dieser Felix Nussbaum? Dann fand ich heraus, dass er während der Besatzung in Brüssel lebte. Er war der Gral für mich. Ich wusste, ich muss seine Geschichte erzählen, er kann den Kindern und Jugendlichen etwas beibringen. Er hat sein Leiden in Bilder umgesetzt, seine Geschichte ist furchtbar, so dramatisch, es gibt kein Happy End für Felix Nussbaum. Felix Nussbaum ist auch ein gutes Beispiel dafür, wieviel härter der Krieg die Juden getroffen hat, als den Rest der Zivilbevölkerung. Politisch Verfolgte hatten immerhin noch eine kleine Chance zu überleben. Juden nicht. Deshalb kehren der Priester und der Hotelmanager am Ende meiner Geschichte wieder nach Hause zurück. Felix Nussbaum nicht. Wenn ich den Lesern erzähle, dass Felix Nussbaum tatsächlich existiert hat, ist es für viele ein Schock. Aber ich töte meine Charaktere nicht. Unsere Welt tötet sie.

Haben Sie schon Pläne für ein neues Projekt?

Nein, noch gar nicht. Ich werde mich ein wenig ausruhen, mein Hirn sortieren und dann überlegen, was ich zu sagen habe. Es gibt immer viel zu sagen, weil die Menschheit so dumm ist, dass es schon wieder lustig ist.

Mit Émile Bravo sprach Samira Lazarovic

Quelle: ntv.de

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