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"So intim, am besten intravenös" Eshkol Nevo über Elternsein und Einsamkeit

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Mutter auf einem Spielplatz. Der Alltag in einer Familie kann einsamer sein, als viele zugeben wollen, meint Eshkol Nevo.

(Foto: picture alliance / dpa)

Alle zwei Jahre kommt Eshkol Nevo mit einem neuen Buch im Gepäck nach Deutschland, diesmal mit "Über uns". Dabei hat Nevo eine jahrelange Schreibpause gemacht, um sich dem Aufbau seiner Schule für kreatives Schreiben in Jafo-Tel Aviv zu widmen. "Ich habe immer zwei, drei Bücher in der Schublade", lacht Nevo und hat gleich einen Rat für Autoren bereit: "Ich glaube nicht an Monogamie beim Schreiben – wenn man eine Idee für ein Buch hat, muss man sie gleich zu Papier bringen." Sein Versprechen, die Schreibwerkstatt zu zeigen, wenn man das nächste Mal in Israel ist, löst er zwei Wochen später ein. Ein altes Ladengeschäft in Jafo, dekoriert mit einem mehrstufigen Kronleuchter aus Bleistiften und einer "Wall of Fame": Ein Bücherregal, in dem die bereits veröffentlichten Bücher einiger Schüler als Ansporn zu sehen sind. Die Stühle stehen noch im Kreis, aber die Schüler sind schon weg – denn als Gast zuzuhören, wenn sie ihre Werke in der Gruppe präsentieren, geht nicht: "Das ist zu intim." Intim geht es auch bei "Über uns" zu.

n-tv.de: Das ist ja ein richtiges Jubiläum diesmal – seit zehn Jahren erscheinen Ihre Bücher in Deutschland.

Eshkol Nevo: Zehn Jahre und fünf Bücher, das ist wahr!

Es ist auch wieder ein runder Geburtstag für Israel. Damals, bei dem Gespräch zu "Vier Häuser und eine Sehnsucht", Ihrem ersten Buch in Deutschland, haben Sie mir einen Geburtstagswunsch für Ihr Heimatland mitgegeben.

Ich kann mir fast denken, was es war. Was war es?

Sie haben sich zum 60. Geburtstag unter anderem eine gute, starke, politische Figur gewünscht, die die Zügel in Israel in die Hand nimmt. Was wünschen Sie sich zum 70. Geburtstag?

Eine gute, starke, politische Figur. (lacht) Im Ernst: Es ist eine schwierige Zeit, um Geburtstag zu feiern. Ich bin stolz, ein Israeli zu sein. Der Unabhängigkeitstag ist mir wichtig. Ich treffe mich jedes Jahr mit Freunden und Familie und wir machen ein großes Barbecue. Ich gehe niemals auf Lesereisen in dieser Zeit. Einmal habe ich eine Ausnahme gemacht und habe es sehr bereut. Ich war in Montreal und richtig heimwehkrank. Denn ich liebe es mit meinen Freunden zusammen zu sein und mich daran zu erinnern, was ich an diesen Ort liebe. Ich feiere die Unabhängigkeit, den Fakt, dass ich in meinem eigenen Land keiner ängstlichen Minderheit angehöre. Gleichzeitig habe ich mich noch nie so entfremdet gegenüber der Regierung gefühlt.

Was hat sich geändert?

Ich habe immer versucht, in der israelischen Politik das Gute und das Schlechte zu sehen. Aber bei der aktuellen Regierung gibt es nicht einen Punkt, dem ich zustimmen kann. Statt einen Weg zu finden, in Frieden mit ihren Nachbarn zu leben, treibt sie den Konflikt voran. Statt die heterogene Gesellschaft zu einen, treibt sie Keile zwischen die Menschen.

Das heißt, Sie hoffen nicht mehr auf diese starke politische Figur?

Es ist keine gute Zeit. Aber, und das ist ein großes Aber: Ich bleibe hoffnungsvoll. Denn die Geschichte lehrt uns, dass auf jede Reaktion eine Gegenreaktion folgt. Ich werde meine Fantasiefigur nicht kriegen, wir werden hier keinen israelischen Obama sehen, aber ich würde mich mit weniger zufrieden geben. Ich wäre sehr glücklich, wenn wir den 71. Geburtstag des Landes mit einer anderen Regierung begehen. Eine, die die heterogene Gesellschaft widerspiegelt.

Hoffnungsvoll klingt gut.

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Dem Geschichtenerzähler Nevo erzählen fremde Menschen ihre Geschichten. Warum, weiß er nicht.

(Foto: Susanne Schleyer/autorenarchiv.de)

Wie gesagt: Ich bin nicht vom Land entfremdet, sondern von der Regierung. Ich habe in den vergangenen drei Jahren auch deshalb nicht geschrieben, sondern mit meiner Schreibwerkstatt eine soziale Organisation auf die Beine gestellt. Wir verfahren nach dem Robin-Hood-Prinzip – lassen die zahlen, die es können und fördern damit auch andere. Diese Arbeit stimmt mich sehr optimistisch und ich lerne unglaubliche Menschen kennen. Hier kommen Leute aus allen Teilen des Landes und den verschiedensten sozialen Schichten zusammen.

Auch nicht-jüdische Israelis?

Ja, wir haben jetzt auch die ersten arabischen Teilnehmer. Es hat lange gedauert, das Vertrauen aufzubauen, aber langsam gelingt es. Wir sind alle selten einer Meinung, aber wir treffen uns in einem Raum, wo wir kommunizieren und unsere Unterschiede überbrücken können und da schöpfe ich Hoffnung.

"Über Uns" bietet ja auch Raum zum Kommunizieren. Wie bei "Vier Häuser und eine Sehnsucht" findet sich der Leser erneut in einer Nachbarschaft wieder. Was ist der größte Unterschied zwischen diesen beiden Büchern?

Nun ja, in Israel werde ich ja schon der Immobilien-Schriftsteller genannt. Vier Häuser, drei Etagen, eine Mikwe ...

Stimmt, die "Die einsamen Liebenden" passen auch in diese Reihe.

Als ich "Vier Häuser und eine Sehnsucht" schrieb, stellte ich mir die Frage: Wo ist mein Heimat, mein Zuhause? Kann Israel meine Heimat sein? Können zwei unterschiedliche Völker dieselbe Heimat haben? Wer ist Heimat? Aufgrund meiner Kindheit, in der wir oft umgezogen sind, musste ich wohl für mich eine Antwort darauf finden. Aber in der Minute als meine erste Tochter geboren wurde, was zwei Wochen nach der Veröffentlichung des Buches passierte, war die Frage für mich beantwortet.

Welche Frage stellten Sie sich bei "Über uns"?

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Über uns: Roman
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Jetzt, wo die Heimat-Frage geklärt ist, habe ich mich gefragt: Kann man dort glücklich werden? In seinem Zuhause, in der Partnerschaft, als Eltern? Was kann alles schiefgehen? Und wie kann man innerhalb einer Familie so einsam werden? Was natürlich eine naive Frage ist.

Weil man inmitten von Menschen, inmitten einer Familie besonders einsam werden kann?

Genau. Wer keine hat, ist versucht zu denken, wenn ich eine Familie hätte, wäre ich nie mehr einsam. Das ist natürlich nicht wahr. Darum geht es. Die Konflikte, die dunklen Seiten. Die Tabus, über die niemand spricht. Das ist für mich der größte Unterschied.

Außerdem ist "Über uns" für mich ein viel intimeres Buch, als "Vier Häuser und eine Sehnsucht". Ich habe ein Geheimnis und verrate es nur meinem unsichtbaren Zuhörer und den Lesern. Wenn ich dieses Buch direkt dem Leser geben könnte, ohne Vertrieb - gleich in die Venen, intravenös! - würde ich das bevorzugen. Ich fühlte mich seltsam, als es veröffentlich wurde. Die Geständnisse schienen nur meine Figuren etwas anzugehen. Jetzt bin ich glücklich darüber, ich glaube, das Buch könnte den Lesern etwas bedeuten.

Eine Ihrer Figuren, Chani, sagt, sie hat niemanden, mit dem sie ehrlich sein kann. Wieviele Menschen haben Sie?

Ich stehe nicht im Zentrum dieser Geschichten! Aber es ist natürlich eine gute Frage. Ich denke, im modernen Leben passiert so etwas oft. Ich weiß nicht, wie das zum Beispiel mit den Smartphones in Deutschland ist, aber in Israel sind sie eine Plage. Es wird immer schwieriger, ein ernsthaftes Gespräch mit jemandem zu führen. Also stellt sich die Frage: Wenn du mit jemanden wirklich reden, etwas beichten willst, wen sprichst Du an? Aber um auf die Frage zu antworten...

Bitte!

Ich habe meine Frau und enge Freunde, mit denen ich meine Gedanken und Gefühle teilen kann. Ich fühle mich in dieser Hinsicht privilegiert. Aber als ich dieses Buch schrieb, bewegten mich viele Geheimnisse. Einige gehörten einiger meiner Freunde, einige Leuten, die ich nicht kannte, die aber mir, dem Schriftsteller, ihre Geheimnisse anvertrauen wollten. Auf Lesungen schaue ich ins Publikum und sage: Jeder von Ihnen hat Geheimnisse. Und wenn es nicht Ihr eigenes ist, dann das eines anderen. Dann sehe ich, wie die Leute nicken.

In "Über ich" schreiben Sie über die Alpträume von Eltern. Möglicher Missbrauch, die Angst, eine schlechte Mutter zu sein, Kinder, die sich nicht so entwickelt haben, wie man es wollte.

Ja, ich habe über meine größten Ängste geschrieben, und ich war mir dessen nicht mal bewusst. Ich wusste es natürlich in der ersten Etage, in der Geschichte von Arnon, der Angst hat, dass seine Tochter missbraucht wurde. Aber für mich war es ein Buch über Geständnisse, Geheimnisse, Einsamkeit. Erst später habe ich das ganze Bild gesehen.

Es geht in diesem Buch auch darum zu verstehen, dass jeder voller Fehler ist. Auch ich wollte der perfekte Vater für meine Töchter sein und natürlich geht das nicht. Ich tue mein Bestes, aber auch ich stehe morgens auf und mache bis 8:00 Uhr sieben Fehler. Als meine dritte Tochter auf die Welt kam, schlug ich meiner Frau vor, die Elternzeit zu teilen, weil meine Frau sehr gerne arbeitet. Nach nur zwei Wochen fühlte ich mich so einsam! Ich ging mit dem Kinderwagen spazieren und sah nur andere Mütter auf der Straße, alle etwa zehn Jahre jünger als ich. Ich hatte niemanden zum Reden und dachte, ich würde verrückt werden. Aber es war hart, das zuzugeben, weil ich diese Vorstellung eines perfekten Vaters hatte. Deshalb ist Chani für mich die Figur, der ich mich am nächsten fühle. Auch das ist eines meiner Geheimnisse: Das ganze autobiografische Zeug verstecke ich bei den weiblichen Figuren.

Warum ist Einsamkeit so ein Tabuthema in unserer Gesellschaft?

Im modernen Leben wird von uns erwartet, unsere Träume zu erfüllen, unsere Ziele zu erreichen und allgemein cool zu sein. Doch da ist diese Kluft zwischen den Erwartungen und dem was ist, oder was man fühlt. Das passiert jedem. Zum Beispiel war mein Buch "Neuland" ein großer Erfolg in Israel, es gab eine politische Diskussion, es wurde mit den sozialen Protesten im Land in Verbindung gebracht. Der Traum eines jeden Schriftstellers: Ich hatte das Buch zum Zeitgeist geschrieben. Aber ich war nicht glücklich und wusste nicht warum. Ich brauchte eine Weile um zu verstehen, dass das Schreiben mich einsam gemacht hatte.

Was war der Ausweg?

Tatsächlich die sozialen Proteste in Israel. Was Dvorah im Buch passiert, passierte mir. Wir wurden beide von der Revolution gerettet. Die Demonstrationen haben vielleicht ihre politischen Ziele nicht erreicht, aber das Leben vieler Menschen verändert, inklusive meinem. Denn ich habe auf dem Rothschild-Boulevard einen Workshop gegeben und danach mit meiner Geschäftspartnerin Orit beschlossen, die Schule zu gründen. Ich habe dann noch zwei Jahre gebraucht, bis ich tatsächlich mein Leben geändert habe. Es ist auch nicht einfach, mit etwas aufzuhören, mit dem man Erfolg hat. Jeder erwartet, dass Du weitermachst.

Sie haben aber nicht ganz aufgehört  - sonst würde es "Über uns" nicht geben.

Ich habe danach aufgehört. Das Buch war ja eine Überraschung, ich hatte das nicht geplant und "Die einsamen Liebenden" waren bereits fertig. 2014 beendete ich "Über uns" und dann habe ich zwei oder drei Jahre nicht geschrieben.

Das merkt man zumindest hier in Deutschland nicht – Ihre Bücher erscheinen mit schöner Regelmäßigkeit.

Das ist mein Geheimnis! (lacht) Ich habe immer noch ein paar Bücher in der Schublade.

Wir sind gespannt. Als Autor werden Sie - zumindest in Deutschland – oft als freundlich und großherzig gegenüber Ihren Figuren beschrieben. Selbst wenn Sie über dunklere Themen, wie zum Beispiel die Angst vor Missbrauch, schreiben. Wünschen Sie sich manchmal eine andere Form der Anerkennung?

Erstmal: Ich kriege mehr Anerkennung, als ich mir erträumt habe – in Israel und weltweit. Diese speziellen Einordnungen sind für mich so weit entfernt, dass ich nicht wirklich darüber nachdenke. Am Besten gefällt mir das, was mir Leser berichten. Zum Beispiel bei "Über uns": Viele hatten nach dem Lesen das Gefühl, dass es Vergebung gibt. Es ist ok, so zu sein, wie du bist. Fehler als Eltern, als Paar zu machen. Einsam zu sein. Keiner kann stets vernünftig sein.

Mit Eshkol Nevo sprach Samira Lazarovic. Die Rezension zu "Über uns" finden Sie hier.

Quelle: ntv.de