Reich. Privilegiert. Tödlich.Gefangen im "Eisnebel" der Daltons
Von Thomas Badtke
Theo hat das große Los gezogen: Connor, Sohn der milliardenschweren Dalton-Dynastie. Aber die Familie empfängt die junge Frau nicht mit offenen Armen. Im Gegenteil: Sie sieht sich mit Warnungen und düsteren Anspielungen konfrontiert. Es gilt ein Geheimnis zu lüften - oder zu sterben.
"Ich weiß, wer du bist." "Ich weiß, was du getan hast." "Ich weiß, was du jetzt gerade machst: Du machst einen Fehler." Ganz klar: Es sind Warnungen. Und die junge Theodora ist ihr Adressat. "Halt dich von Connor Dalton fern!" Connor ist Theos Verlobter. Er hat ein Foto von ihr bei einer Ausstellung gesehen, hat sich nach ihr erkundigt, sie trafen sich, verliebten sich - und der Rest ist Geschichte. Doch was nach RomCom mit schnulzigem Happyend klingt, ist erst der Anfang.
Es ist der Anfang von "Eisnebel" von Kate Alice Marshall, erschienen bei Piper und Hörbuch Hamburg. Und wenn man sich in den Plot hineinstürzt, reißt er einen mit, wirbelt einen durch und hinterlässt am Ende einen "Wow-Effekt", denn "Eisnebel" ist ein fulminanter Psychothriller mit jeder Menge Twists. Atemberaubend. Berauschend.
(K)eine Familie zum Verlieben
Theo hat mit Connor das große Los gezogen. Er ist ein Spross der milliardenschweren Dalton-Familie. Die verbringt zweimal im Jahr ein paar Wochen auf ihrem idyllischen Privatanwesen Idlewood. Abgelegen auf einem Berg. Luxus pur inmitten herrlicher Natur. Vor allem im Winter, wenn die diversen Lodge-Dächer mit Schneehäubchen verziert sind und scheinbar alles zur Ruhe gekommen ist.
Ruhe? Theo ist nervös. Da wären die anonymen Warnungen an sie einerseits. Da ist aber andererseits die einschüchternde Familie Connors: ein jüngerer Bruder, eine ältere Schwester, die Mutter, der Enkel und die Großeltern. Vor allem von Letzteren gilt es, die Gunst zu gewinnen. Theo muss ihnen zeigen, dass sie Connor wirklich liebt - und nicht sein Geld.
Das junge Paar wird in einer Lodge untergebracht. Connors Schwester mit Frau und kleinem Sohn bewohnen eine weitere. Connors Bruder und die Mutter teilen sich eine und die Großeltern ebenfalls. Eine Lodge ist indes verfallen. Ihr Name: Dragonfly. Theo stutzt. Sie hat ein kleines Tattoo einer Libelle an ihrem Handgelenk. Sie hat aber auch eine düstere Ahnung, dass sie schon einmal in der Dragonfly-Lodge gewesen ist. Sie sucht sie in ihren Träumen heim. Darin taucht auch ein Mann auf, den sie nicht kennt, der aber scheinbar ein Hirschgeweih auf dem Kopf trägt.
Eine Familiengeschichte der besonderen Art
Theo beginnt heimlich nachzuforschen, sucht die heruntergekommene und verfallene Dragonfly-Lodge auf. Sie erfährt, dass offenbar niemand seit dem Selbstmord von Connors Vater sie betreten hat. Ein Selbstmord, der ebenfalls geheimnisvoll erscheint, weil kein Familienmitglied so richtig darüber reden will. War es vielleicht kein Selbstmord?
Theo wird immer tiefer in die Familiengeschichte der Daltons hineingezogen. Jedes Familienmitglied scheint ein Geheimnis zu haben und es vor den anderen zu verbergen. Und auch Theo hat eines, das möglichst keiner erfahren soll. Wie sich aber immer mehr herauskristallisiert, hängt Theos mit denen der Daltons zusammen. Die Verbindung liegt in der Kindheit der jungen Frau. Und mindestens ein Familienmitglied der Daltons scheint es zu kennen. Und es muss bewahrt und im Verborgenen bleiben. Koste es, was es wolle. Mord inklusive.
Aber wer wird am Ende tot sein? Diese Frage lässt die Autorin bis zum Schluss der von Twists durchgeschüttelten Geschichte offen. Als Leser folgt man den klug gelegten Fährten Marshalls. Man kommt sich vor wie in einem Eisnebel während eines Wintertages: Die Sicht reicht nur wenige Meter, ein feiner Dunst raubt einem die Sinne. Man dreht sich im Kreis, taumelt, fängt sich, läuft, wird vom Schnee verschluckt und kommt doch keinen Meter vorwärts - bis sich der "Eisnebel" auflöst und man wieder klar sieht. Dieses Gefühl ist befreiend und verängstigend zugleich. Marshalls Buch ist es auch!
