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Tikkun Olam, die Welt reparieren Heimatschein - zwischen Berlin und Tel Aviv

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Tel Aviv als Projektionsfläche jüdischer Sehnsucht? Oder Berlin, Ort des Haderns?

(Foto: Bygrove Studio)

"Tikkun Olam - Heimatschein" von Samira Lazarovic ist der erste Roman der Berliner Autorin mit Hamburger Wurzeln. Lazarovics Roman bietet intelligente Unterhaltung, gepaart mit der indirekten Aufforderung zum interkulturellen Dialog.

Heimat ist groß im Kommen. In Zeiten verstärkter Migration und multipler Identitäten ist die Suche nach dem richtigen Lebensentwurf wichtiger denn je. Im - oft Jahre dauernden - Orientierungschaos suchen wir Hilfe in den eigenen Wurzeln. Aber brauchen wir noch einen weiteren Roman zu diesem Thema? Ja. Denn der Erstling von Samira Lazarovic "Tikkun Olam - Heimatschein" verzichtet wohltuend auf sentimentale Klischees und einfache Antworten. Wo gehöre ich hin? An dieser Frage leiden und kranken die vier Hauptfiguren des Romans: Da sind Jona, ein desillusionierter Ex-Soldat aus Israel, und Liat, eine gestresste alleinerziehende Mutter. Wir treffen Max Friedländer, einen betagten Intellektuellen, und Sarah, Liats verklemmte Freundin aus Kindheitstagen.

Was sie eint? Sie sind jüdisch. Und sie hadern mit ihrem Leben in Berlin. Collageähnlich kommen diese vier Protagonisten nacheinander zu Wort und beleuchten die Berliner Misere aus ihrer ganz individuellen Perspektive. Liat tritt dabei als einzige Figur selbst als Erzählerin auf. Sie bietet dem Leser in ihrem mutigen Kampf gegen die Überforderung vielleicht auch die größte Identifikationsfläche.

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Samira Lazarovic, im wahren Leben Projektmanagerin, seit 20 Jahren bei ntv.de.

(Foto: privat)

Der Star des Romans ist jedoch interessanterweise ein ganz anderer: der ebenso gutmütige wie umtriebige Eddie, auf verlängerter Stippvisite aus Tel Aviv in der deutschen Hauptstadt. Er spielt mit Hingabe Schicksal, gibt dem Figurengeflecht des Romans nicht nur Form, sondern auch zusätzlich Farbe. In seinen launigen Monologen versteckt sich oft handfeste Weisheit. Mal schwadroniert er über Frauen ("Dafür sind wir da, mein Freund, dass sich diese wunderbaren Geschöpfe gut fühlen."), dann über falsches Pflichtbewusstsein ("Aber ich sage euch, man kann alles aufschieben. Nun, außer dem Tod vielleicht.") und hat auch ganz praktische Ratschläge parat ("Bring uns allen ein Wasser, vor lauter Regen hier vergisst man immer ordentlich zu trinken.").

Heimat sitzt im Herzen

Eddie als eigentlicher Held kommentiert wie ein Zirkusdirektor das Geschehen in der Berliner Manege, das er gleichzeitig auch wie ein Dompteur maßgeblich lenkt. So öffnet er nicht nur seinem Freund Jona, den er liebevoll "Tejbele" ("Täubchen") nennt, die Augen über seine berufliche Misere und private Tristesse. Auch der alte Herr Friedländer, ein pensionierter Verlagsleiter, und die reservierte, fast ängstliche Sarah können sich seinem schelmenhaften Charme nicht entziehen. Eddie holt sie alle aus ihrer Komfortzone. Am Ende des ersten Teils verabschiedet er sich scheinbar von der Berliner Bühne und hinterlässt die anderen Figuren in einem emotionalen Chaos. Doch wer kann ihm da ernsthaft böse sein? Schließlich handelte er aus den edelsten Weltverbesserer-Motiven.

"Tikkun Olam", die Welt reparieren, ein Konzept tief verwurzelt im Judentum. Und den Leser beschleicht das Gefühl, dass Eddie - wenn auch mit teils unlauteren Mitteln - dringend notwendige Abwechslung in die graue Monotonie seiner Freunde bringt. Ob das viel zitierte Tel Aviv dabei als Projektionsfläche jüdischer Sehnsucht taugt, bleibt vorerst offen und wird sich wohl erst im zweiten Teil des Romans, an dem Samira Lazarovic zur Zeit arbeitet, zeigen. Oder behält am Ende doch Eddie recht, wenn er sagt: "Ich bin der Meinung, Heimat ist kein geografischer Ort, sondern sitzt hier, im Herzen"?

Zu jüdisch oder zu deutsch?

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In klarer Sprache und mit reichem Wortschatz führt die Autorin die Leser durch das Gedankengeflecht ihrer Figuren. Wer sich mit hebräischem oder jiddischem Vokabular nicht auskennt, dem bietet sie das deutsche Äquivalent an, ohne den Text zu überfrachten. Das eigentliche Verdienst des Romans ist es, ganz unterschiedliche Spielarten von Sehnsucht nach Heimat und die innere Zerrissenheit vieler Juden in der Diaspora glaubhaft aufzuzeigen. Hier wird auch den Israelkritikern der "Man wird doch mal sagen dürfen"-Generation der Spiegel vorgehalten. Identität, vor allem jüdische, ist nun einmal zu komplex für Standardratschläge und Patentrezepte. Oder wie Liat der altklugen Sanne hitzig entgegnet: "Hier bin ich zu jüdisch oder israelisch oder zu weiß Gott was und für die Israelis bin ich zu deutsch. Auf mir sind mehr Stempel als in meinem Pass."

Rücksicht und Behutsamkeit gebührt gerade denen, die täglich den kulturellen Spagat wagen (müssen). Lazarovic stapelt tief, wenn sie sagt, mit ihrem Roman vor allem gut unterhalten zu wollen. Ihr Buch trägt wesentlich zum so notwendigen interkulturellen Dialog bei. Ein bisschen "Tikkun Olam" eben.

Quelle: ntv.de

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